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Eigentlich sind nur Jogginghosen-Tage gute Tage

Eigentlich sind nur Jogginghosen-Tage gute Tage
© Getty Images
Tage, an denen ich meine Jogginghose anziehen kann, sind gute Tage. Eine Liebeserklärung an das wichtigste Kleidungsstück in meinem Schrank.
von Luisa Jacobs

Wenn sich mein Körper nach einer langen Nacht nur ganz langsam wieder an Tageslicht und die dunkle Erinnerung an den Vorabend gewöhnen kann, gibt es nur einen Trost: ein großes Glas Orangensaft und meine Jogginghose. Sobald ich den weichen Stoff über meine vom Tanzen schweren Beine streife, fällt ein Stückchen Kater von mir ab. Mir geht es jetzt nicht gut, aber bin ich der Situation entsprechend angezogen. Ich kann mich immer noch nicht bewegen, ohne dass ein stechender Schmerz vom Kopf bis in die Fersen fährt, aber ich muss mich jetzt auch nicht mehr viel bewegen. Zusammen mit der Jogginghose begebe ich mich in die Arme des Katers.

Die Jogginghose ist mein Beschützer

Doch man muss gar nicht verkatert sein, damit die Jogginghose Komfort und Trost spenden kann. Wenn ich mich leicht und unbeschwert fühle, schmiegt sie sich gewichtlos an mich, dass ich Purzelbäume in ihr schlagen könnte. Will ich niemanden sehen, beschützt sie mich vor Kälte und fragenden Blicken. Kurz: Es gibt keinen besseren Begleiter für Sonntage, Samstage, Kater-Tage, Liebeskummer-Tage, Netflix-Tage, Trampolin-Tage. Ach was, es gibt eigentlich keinen Tag, an dem die Jogginghose sich nicht gut anfühlen würde.

Hach, Gummizug, du meine Liebe des Lebens

Andere Hosen drücken sich ins Hüftfleisch, reiben an den Oberschenkeln, quetschen die Waden. Die Jogginghose ist unaufdringlich. Man spürt sie kaum, fühlt sich nur vage von ihr umarmt. Selbst nach zu viel Fertigpizza und Tiefkühl-Tiramisu macht die Jogginghose mir keine Vorwürfe. Statt starren Knöpfen hat die Jogginghose nämlich einen nachgiebigen Gummizug. Die Jogginghose wächst mit ihren Anforderungen.

Joggen? Sicher nicht in der Joggighose

So weich und nachsichtig die Jogginghose nach innen ist, so rebellisch wirkt sie nach außen. Mit meiner Jogginghose trage ich nämlich auch eine unmissverständliche Message vor mir her: Ihr könnt mich heute mal. Ist mir egal, dass ich in engen Jeans besser aussehe. Ist mir egal, ob grau jetzt gerade Trendfarbe ist oder nicht. Und ist mir auch egal, dass da noch Tomatensoßen-Flecken von letzten Sonntag drauf sind. Die Jogginghose ist auch ein Warnhinweis an übermütige Freundinnen, Partner oder Mitbewohner. Wenn ich sie trage, muss ich nicht mehr aussprechen, was dann jeder sieht: Nein, ich bringe den Müll heute nicht mehr raus. Ich gehe auch nicht mehr mit zu der neuen Ausstellung in die Kunsthalle. Und ich gehe vor allem auf gar keinen Fall mehr eine Runde Joggen.

Die Jogginghose hat nämlich nur einen Makel und das ist ihr Name. Dem haftet ein großes Missverständnis an: Mit Joggen hat die Jogginghose nichts zu tun. Meine jedenfalls nicht.


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