G20 vor zwei Jahren: Was du fühlst, wenn dein Mann in die Hölle geschickt wird

Vor zwei Jahren herrschte auf Hamburgs Straßen Ausnahmezustand. Die Frau eines Hamburger Polizisten erinnert sich an ein Wochenende, das wohl kein Hamburger je vergessen wird. 

von Miriam Kühnel

Wir hatten nicht einmal richtig über seinen G20-Einsatz gesprochen. Jetzt im Nachhinein kann ich nicht sagen, ob das naiv oder klug war, sich vorher nicht verrückt zu machen. Vielleicht beides. Als mein Mann am Donnerstagmorgen das Haus verließ, verabschiedete er sich ganz normal von mir und den Kindern. Wir haben nicht kommen sehen, was an diesem Tag noch auf ihn und seine Kollegen der  Polizei zukommen würde. Es hatte ja niemand geahnt. Am späten Nachmittag dann sickerten die ersten Meldungen zu mir durch. Chaos in der Stadt, die Demo aufgestoppt, die Stimmung immer erhitzter. Während ich mit meinem Sohn ein Legogehege für seine Schleichdinosaurier baute, klickte ich mich am Handy immer wieder durch die neusten Meldungen, folgte der Polizei Hamburg auf Twitter und bekam es langsam mit der Angst zu tun.

Plötzlich fühlte es sich an wie Krieg

"Ist alles ok bei dir?" schrieb ich meinem Mann gegen 19.00 Uhr. Eigentlich störe ich ihn nicht, wenn er arbeitet. Jetzt ging es nicht mehr anders. Doch die Nachricht blieb ungelesen. Ich ließ die Kinder im Kinderzimmer auf dem Tablet Peppa Wutz schauen, um den Fernseher anmachen zu können. Ein Fehler. Während mein Handy stumm blieb, starrte ich fassungslos auf die Bilder roher Gewalt. "Mama, was passiert da?" Unser dreijähriger Sohn stand plötzlich neben mir, ich hatte ihn nicht kommen hören. Schnell schaltete ich aus, wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln und erklärte ihm, dass das nur ein gefährlicher, dummer Film gewesen sei. Und so fühlte es sich auch an. Nur dass mein Mann mitten in diesem Film steckte und ich nicht wusste, welche Rolle er darin spielte und wie dieser Film ausgehen würde. Jedes Gefühl der Sicherheit, das mich sonst eigentlich immer umgab, war verschwunden. Wir waren bestimmt nicht in Gefahr, in einem Vorort, der weit genug weg war. Aber der Mann, den ich liebe, er steckte mittendrin.

Eine ganze Stadt im Ausnahmezustand

Nicht nur ich machte mir Sorgen. Die Frau eines befreundeten Polizisten schrieb mir, dass sie Rauchwolken über der Stadt sehe und genau wie ich nicht wisse, wo ihr Mann sei. "Es fühlt sich an wie Krieg", schrieb ich. "Es ist Krieg", schrieb sie zurück. Mein Handy stand nicht still. Unsere Verwandten aus Süddeutschland fragten nach meinem Mann. Freunde aus dem Hamburger Schanzenviertel, dem Hauptbrennpunkt, schickten verstörende Videos. Ich bekam ein Foto von der Straße, in der wir bis vor Kurzem gewohnt hatten. Alles war völlig zerstört, Polizisten wurden mit Steinen beworfen. Ich brachte die Kinder ins Bett und gab mir Mühe, ihnen nicht zu zeigen, wie es in mir aussah. Andere hatten nicht so viel Glück. Sie mussten ihren Kindern erklären, was vor der Haustür vor sich ging, warum Scheiben zu Bruch gingen und überall Feuer zu sehen war. Es war absurd. 

Er kam erst mitten in der Nacht

In dieser Nacht war ich lange wach. Je später es wurde, desto schlimmer wurden die Bilder in den Medien und die Nachrichten, die ich von meinen Freunden aus Hamburg bekam. Die Zahl der verletzten Polizisten stieg minütlich. Um 22 Uhr bekam ich endlich eine Antwort von meinem Mann. Er schrieb "Dauert noch", mehr nicht. Er kam irgendwann mitten in der Nacht zurück. Es war ihm nichts passiert. Ihm nicht. Viele Kollegen verbrachten die Nacht aber nicht zuhause, sondern im Krankenhaus. Ich habe meinen Mann noch niemals so wütend gesehen wie in dieser Nacht. In den Medien war immer die Rede von Polizisten. Aber diese Polizisten sind am Ende des Tages auch einfach nur Menschen. Eltern kleiner Kinder, Söhne und Töchter, Partner und Partnerinnen. Ein befreundetes Paar hatte uns vor G20 erzählt, dass sie bei einem Notar waren, um ein Testament aufzusetzen und zu bestimmen, was mit den Kindern passieren würde im schlimmsten Fall. Beide gehören zu Hamburger Hundertschaften. Sie hatten Angst um ihr Leben. Und jetzt im Nachhinein muss man sagen: Zu Recht. 

"Ich komme nicht durch zu meinem Sohn"

Ich habe wie die meisten Hamburger an diesem Wochenende noch viele sorgenvolle Stunden verbracht. Eine Freundin rief mich irgendwann panisch an. "Die ziehen jetzt in die Elbvororte und haben schon eine Kita gestürmt. Ich muss meinen Sohn nach Hause holen. Aber ich komme nicht durch". Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das waren existenzielle Ängste, die wir aus den Erzählungen unserer Großeltern kannten. Aber doch nicht hier. Jetzt. Wie konnte das passieren? Eine andere Mutter schrieb mir, sie sei eben mit ihrer Tochter durch eine Polizeiabsperrung nach Hause gefahren. Ein Polizist in voller Montur habe sie nur widerwillig durchgelassen. Er hatte seine Hand auf ihre Schulter gelegt und "Passen Sie gut auf sich auf!" gesagt. Da waren ihr die Tränen gekommen, weil ihr klar wurde, dass unter der ganzen Schutzkleidung ganz normale Menschen steckten, die genau wie sie Angst hatten. Keiner konnte hier für irgendwas garantieren. Nicht mal er, der so stark aussah.

"Es ist sinnlos, über die Schuldfrage zu debattieren"

Letzten Endes hatten wir im Gegensatz zu anderen Glück. Auch an den anderen Tagen war mein Mann keiner von denen, die mit Bleikugeln getroffen oder mit Pflastersteinen und Flaschen beworfen wurden. Aber er hatte den Menschen, die so etwas getan hatten, ins Gesicht gesehen, hatte ihre Abscheu und ihren Hass gefühlt und dabei zusehen müssen, wie es seine Kollegen traf. Die Schuld sieht er nicht in der Politik, auch nicht bei seinen Chefs. "Was wäre die Alternative gewesen?", fragte er mich müde, als ich Sonntagabend wütende Parolen schmetterte. "Wenn wir unsere Demokratie, unseren Staat, unsere Gesprächsbereitschaft irgendwo auf eine Insel verlagern, aus Angst vor solchen Menschen, dann haben sie gewonnen, oder nicht?" Ich weiß noch immer nicht, ob ich diese Meinung teilen kann. Aber ich ziehe den Hut vor ihm und all den Menschen, die dem Hass die Stirn geboten haben. Vor den Polizisten und den friedlichen Demonstranten, vor den Menschen, die nachts die Autos ihrer Nachbarn gelöscht haben und allen, die ihre Stimme erhoben. Was sich durch das Wochenende vor zwei Jahren für mich verändert hat? Bilder aus Kriegsgebieten sehe ich irgendwie anders, näher und weniger surreal. Ich kann mir jetzt vorstellen, was es bedeutet, sich nicht sicher zu fühlen und Angst um seine Lieben zu haben. Für uns waren es zwei Tage. Andere verbringen so ihr ganzes Leben. 




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