Gruselkabinett Kinderabteilung: zu kurz, zu sexy, zu aufreizend

Spätestens ab Kleidergröße 134 geht es in der Mädchenabteilung heiß her. Kindgerechte Kleidung? Fehlanzeige! Dafür sexy Hot Pants und "coole" Aufdrucke, natürlich ganz geschlechtskonform.

Meine Tochter braucht neue Shirts und bequeme Hosen. Wir machen uns also auf zum schwedischen Modehaus unseres Vertrauens. Die Ernüchterung folgt uns auf dem Fuße. Offenbar ist meine Tochter mit ihren sechs Jahren zu groß geraten für kindgerechte Kinderkleidung. Mit Kleidergröße 134 sieht es ziemlich düster aus auf den Kleiderstangen der Mädchenabteilung. Im Sommer noch dunkler als im Winter, was daran liegt, dass Kinder zwischen 6 und 14 im selben Sortiment shoppen. Hier reihen sich viel zu knappe Hot Pants, kurze Miniröcke, aufreizende Bikinis, Glitzer-Tops und T-Shirts im Lolita-Style aneinander. Jeans gibt es für Mädchen in super skinny, mit merkwürdigen Waschungen. Bequem sehen nur die Jogginghosen aus. Bei den T-Shirts wird es leider nicht besser. Kaum ein Oberteil ohne komische Comic-Figur oder hippem Spruch, geschweige denn einer anderen Farbe als Pink in allen Schattierungen. Das Schlimmste aber ist, dass die Klamotten zum Teil so aufreizend sind, dass man auch mit Kleidergröße 134 schon mindestens 18 Jahre alt sein sollte. 

Niemand soll meiner Tochter auf den Hintern glotzen!

Kinderpornografie ist ein Verbrechen. #Metoo ist in aller Munde und überall auf der Welt kämpfen Frauen um ihre Rechte und gegen Sexismus. Doch die Kinderabteilungen der großen Modeketten hat nichts besseres in petto, als schon den kleinsten ihre Geschlechterrollen aufzudrücken. Links rosa, lila und allenfalls türkis, rechts blau, grau und braun: Das sind nach wie vor die gängigen Farbmuster der Kinderabteilung. Die Aufdrucke ähnlich abwechslungslos: Little Star, Sweet Princess und kleine Zicke neben Wild Boy, Dinosaurier, Astronauten und Monster Trucks – mal abgesehen von der Flut an Merchandise Kleidung. Wilder Grenzgänger vs. süßes Liebchen.

Warum muss ein Baby einen Bikini tragen?

Je größer die Größen, desto knapper der Stoff – zumindest in der Mädchenabteilung. Eine normale Shorts muss man dann schon bei den Jungs suchen. Ob die passen, ist eine andere Frage. Dabei startet das das Gendern schon in der Babyabteilung. Klar, mit sechs Monaten sollte man dringend am Strand einen Bikini tragen! Dann erkennt man auch endlich, dass das ein kleines Mädchen ist und kein Unisex-Baby. Aber auch knallenge Jeans, gerüschte Haarbänder und Tüllröckchen sorgen für entzücktes Aufjauchzen bei Instagram-Followern, Freunden und Familie. Aber wofür eigentlich? Allein die Vorstellung, dass ich meinen eigenen Baby-Speck in irgendwas Enges zwängen soll, lässt Platzangst in mir aufsteigen. Warum tut man das seinem Baby an, das dazu auch noch seinen ganzen kleinen Körper braucht, um sich überhaupt bewegen zu können?

Sexualisierung schon im Kindesalter

Ein Junge, der in der Mädchenabteilung shoppen geht ist nach wie vor genauso selten wie eine Frau, die wesentlich mehr verdient als ihre männlichen Kollegen. Immerhin gibt es Wendepailletten jetzt auch mit Superhelden und Co. Aber eben meist für Jungs ODER Mädchen. Ein Junge in rosa Hose wird immer noch ausgelacht, genauso wie einer im Prinzessinnen-Gewand – auch und gerade im Elternhaus. Die strikte Trennung von Jungen- und Mädchenmode in den Kaufhäusern ist da nicht gerade fortschrittlich, sondern forciert noch viel mehr das Denken in Geschlechterrollen. Am besten auch noch genormt in exakte Maße und Größen. Und was wirklich erschreckend ist: Oft merken wir selbst nicht einmal, dass auch wir noch ganz schön in diesen Rollen verhaftet sind, weil man uns vorgaukelt, die (Aus-)Wahl zu haben. In der Wirklichkeit der Umkleidekabine haben wir sie leider aber noch lange nicht. 

Wer hier schreibt:

Linda Berger