Karriere als Model über 80? Kein Problem!

Ingeborg, 84, und Frieda, 99, haben für eine unserer Modestrecken gemodelt. Wir haben darüber mit Silke Redlich gesprochen, die seit 25 Jahren Betreuerin von Seniorengruppen bei der Pflegestation Jahnke in Berlin ist.

von Leonie Heilig (Interview)

Frau Redlich, viele Patienten, die Sie betreuen, haben schon an Fotoshootings teilgenommen. Wie kam es denn dazu?

Die Fotografin Esther Haase macht seit Jahren Bilder für einen Kalender des Pflegedienstes, für den ich arbeite. Der Erlös wird dann gespendet. Bei diesen Shootings geht es wirklich bunt zu. Es finden Verwandlungen statt, es wird viel gestaunt und viel gelacht.

Machen die alten Damen und Herren da gern mit?

Man muss es so sehen: Routine ist wichtig und gibt Sicherheit. Aber es ist für alte Menschen, auch jene mit Demenz, schon auch wichtig, mal aus dem Alltag auszubrechen.

Aber so ein Fotoshooting ist sogar für junge Menschen anstrengend.

Das stimmt. Und Ingeborg und Frieda, die durchaus beide rüstig sind, waren vorher auch skeptisch, ob sie diesen Tag gut durchhalten würden. Hinterher waren sie sich dann aber einig: Das war anstrengend, hat aber Spaß gemacht. Sie erzählen noch viel davon.

Was brauchen die Menschen, die Sie betreuen, am meisten?

Ein bisschen Zuneigung, ein bisschen Aufmerksamkeit. Damit kann man ganz viel erreichen. In unseren Gruppen, im Patiententreffpunkt, sprechen wir über alles, was den Leuten so in den Sinn kommt, von A bis Z. Nur nicht über K wie Krankheiten. Die kann ich ihnen nicht nehmen, die sollen sie aber für ein paar Stunden vergessen. Und lachen ist so wichtig. Sich selbst nicht so ernst nehmen – wie bei so einem Fotoshooting. Ich versuche, ihnen eine schöne Zeit zu machen und sie auf andere Gedanken zu bringen.

Haben Sie ein Beispiel?

Einmal wollte meine Gruppe ganz spontan an die Ostsee. Dann bin ich halt mit denen frühmorgens Richtung Usedom gefahren – für verrückte Aktionen bin ich immer zu haben. Für unseren großen Behindertenbus gab es allerdings keine Möglichkeit, direkt ans Wasser zu fahren, eine Schranke versperrte den Weg. Da waren wir uns allesamt einig, dass wir die dann eben öffnen müssen. Ich bin bis an die Brandung gefahren. Füße ins Wasser! Eine Freude wie bei kleinen Kindern! So simpel ist das manchmal.

Was macht das mit den Menschen?

Das klingt jetzt vielleicht albern, aber sie lächeln wieder, und sie haben plötzlich wieder einen Glanz in den Augen.

Haben Sie selbst eigentlich Angst vor dem Alter?

Durch meinen Job erlebe ich jeden Tag, wie schwierig das Leben später sein kann. Ich mache mir Sorgen um die Pflegesituation in Deutschland. Wenn es so bleibt wie jetzt, kann man nur hoffen, dass man nicht allzu früh auf fremde Hilfe angewiesen ist. Und dass man immer jemanden hat, der einem zuhört. Wer nimmt sich heute noch Zeit im Alltag? Die Alten stehen am Rande der Gesellschaft und werden oft ignoriert. Ein Lächeln, ein nettes Wort – das würde oft schon den Unterschied machen.

Silke Redlich ist seit 25 Jahren Betreuerin von Seniorengruppen bei der Pflegestation Jahnke in Berlin. 


BARBARA November 2019
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