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Kleine Jungs im Kleid: Na und? – Kinder und aufgezwungene Geschlechterollen

Kleine Jungs im Kleid: Na und? – Kinder und aufgezwungene Geschlechterollen
© Getty Images
Wart ihr schon mal in der Kinderabteilung bei H&M? Dann wisst ihr ja, dass alle Mädchen Pink und Glitzer lieben und Jungs auf Dunkelblau und Dinos stehen. Zumindest sollten sie das. Sonst haben sie ein Problem.
von Viola Kaiser

Eine gute Bekannte von mir hat einen fünf Jahre alten Sohn, der Kleider, Einhörner und Nagellack liebt. Außerdem hat er schulterlange Haare. Einfach, weil er es schön findet. Daran ist nichts auszusetzen. Nur, dass alle ständig denken, er sei ein Mädchen.

Meine jüngste Tochter trägt schon seit ihrer Geburt zwangsläufig gern Blau in allen Variationen. Weil ich ihr schon immer die Klamotten von ihren älteren Cousins angezogen habe. Dass sie deswegen ein Junge sein muss, war zumindest bis sie deutlich lange Haare hatte, für etwas 80 Prozent aller Menschen in Cafés, auf der Straße und im Supermarkt ganz klar. Auf die Frage "Wie alt ist der Kleine denn?" antwortete ich irgendwann nur noch mit einer Zahl. Unnötig zu erklären, dass dieser Junge ein Mädchen ist. Rosa gleich Mädchen? Blau gleich Junge? Diese Rechnung habe ich noch nie verstanden

Muss man dunkelbraune Cordhosen tragen, weil man männlich ist?

Meine Bekannte mit dem kleiderliebenden Sohn ist ähnlich drauf. "Er mag das nun mal. Und er ist fünf. Muss er sich die ganze Zeit kloppen und dunkelbraune Cordhosen tragen, nur weil er männlich ist? Wir leben im Jahr 2018, ich möchte, dass er weiß, dass es nichts Schlimmes ist, dass er gerne Röcke mag", sagte sie neulich zu mir. "Deswegen ist er noch lange kein Freak!" Dass neulich jemand sie fragte, ob sie nicht Angst habe, er entwickle sich womöglich anders als andere, erzählte sie mir allerdings auch. Ihre Antwort darauf war wunderbar. "Hoffentlich", sagte sie nur.

Eine Erzieherin lobte sie übrigens explizit, weil sie das alles zulasse. "Warum hängen wir gendertechnisch oft immer noch so in der Vergangenheit fest? Wovor haben die Leute eigentlich Angst?", dachte ich nur. Dass ihre Vorurteile sich bestätigen? Dass der Junge vielleicht lieber ein Mädchen wäre? Na und? Wenn das zuträfe, könnte das "männliche Kleidung" sicher nicht ändern. Und warum sollte es auch? Meiner Bekannten ist nur zu wünschen, dass sie so cool bleibt, wenn ihr Kleiner auch noch mit zehn im Kleid über den Schulhof flaniert. Und dass die anderen Kinder genauso tolle Eltern haben wie ihr Sohn. Die wissen, dass es nicht wichtig ist, was man so anhat und das auch erklären.

Mann. Frau. Beides? Mir doch egal!

Tatsächlich sollte jeder tragen, was er tragen möchte. Das gilt für 40-Jährige genauso wie für Vierjährige. Und ich benutze hier bewusst die neutrale Form. Mann. Frau. Beides? Mir doch egal. Warum beißen wir uns manchmal so an Klischees fest? Ich persönlich hatte lange eine Abneigung gegen Pailletten, Einhörner und Barbies. Ich habe zwei Mädchen und möchte ihnen diese Stereotype nicht vermitteln. Mal ganz abgesehen davon, dass ich schlichte und eben auch mal blaue und grüne Kleidung bei kleinen Mädchen schöner finde als immer nur grelles Pink mit glitzernden Herzen drauf – so wie es in den meisten Kinderabteilungen leider angeboten wird. Tatsächlich haben Mädchen es aber in dieser einen Hinsicht mal etwas leichter (ich glaube, das haben sie sonst langfristig oft nicht!). Eine Fünfjährige, die kurze Haare hat und auf Bäume klettert, wird in der Regel für cooler gehalten als ein Gleichaltriger, der im roséfarbenen Tutu rumläuft. Da muss man sich nichts vormachen.

Sie wird schon keine Tussi, weil sie mal Pailletten trägt

Nun ist meine große Tochter wirklich kein Tomboy. Sie hat so garnichts, das man als typisch männlich bezeichnen würde, bewegt sich wie eine Ballerina, liebt alles, was mit Glitzer und Pferden zu tun hat. Neben Rosa ist ihre Lieblingsfarbe Rot. Fand ich lange gewöhnungsbedürftig, weil ich ganz anders war. Eben eine, die sich gerne geprügelt hat und kurze Haare viel besser fand als einen Zopf. Aber dann dachte ich eines Tages, dass man es zwar nicht übertreiben muss, aber sie schon nicht nur deswegen eine schlimme Tussi werden wird, weil ich ihr mal einen Paillettenpulli kaufe. Und selbst wenn.

Sie bekam also ihren Wende-Paillettenpullover und auch das Stoffeinhorn. Einem Jungen würde ich einen bunten Rock und eine Puppe ja schließlich auch nicht verbieten. Tatsächlich ist sie so glücklich über ihre Paillettenoberteile, dass ich mich frage, warum wir diesen Spaß den Jungs verweigern sollen. Am Ende ist es doch völlig egal, was Kinder anziehen, womit sie spielen, welche ihre Lieblingsfarbe ist. Hauptsache sie sind gesund und glücklich. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof, da sollten wenigstens Kinder mit glitzernden Ponys und Shirts ihren Spaß haben, solange sie das können. Egal, ob sie Jungs oder Mädchen sind.  


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