Macht Kleidergröße S echt glücklicher? Eine Spurensuche

Die Kollegin macht detox, die Fitnessstudios haben Hochkonjunktur und überall kleben Plakate für Proteinshakes. Aber macht Kleidergröße S echt so glücklich, wie alle glauben? Unsere Autorin hat sich auf Spurensuche begeben.

von Marie Stadler

Kleider machen Leute – weiß man ja. Aber wie sieht das mit Kleidergrößen aus? Wäre ich eine andere Person, wenn ich Kleidergröße S tragen würde? Oder aber XXL? Und wie würde die Welt mich sehen? Hätte ich es wirklich schwerer, meinen Traumjob zu bekommen, wenn ich 50 Kilo mehr auf den Rippen hätte? Und wäre ich jetzt mit einem anderen Mann verheiratet, wenn ich Modelmaße hätte? Wie sehr beeinflusst unser Gewicht unser Leben? Eine Spurensuche.

Was die Werbung sagt

In den Medien kämpfen erbittert genussvoll geschlossene Augen gegen strahlende Fitness-Queens um unsere Gunst, ganze Bäche köstlich geschmolzener Schokolade gegen Diätpillen und Germanys next Topmodel gegen The Taste. Genuss und Schönheit, zwei Themen, die sich in einer Gesellschaft des Überflusses die Butter (äh Margarine) vom Brot zu nehmen versuchen. "Sei ganz du selbst" sagen die einen. "Erleichter dein Leben" raunen verschwörerisch die anderen. Und wir stehen dazwischen und fragen uns, was denn jetzt wirklich der Schlüssel zum Glück ist. Selbstakzeptanz mit all unseren Röllchen und Dellen? Oder müssten wir es uns wert sein, ein bisschen abzuspecken, um am Ende "ganz wir selbst" zu sein?

So viele Studien, und alle widersprechen sich

Nicht viel anders sieht es aus, wenn man Studien zum Thema sucht. Es gibt Forschungsarbeiten, die besagen, dass Zunehmen glücklicher macht als Abnehmen. Hatte man an 3000 Probanden getestet. Die Erklärung der Forscher: Nicht das Gewicht an sich macht glücklicher, sondern der damit verbundene Genuss. Klingt irgendwie nachvollziehbar. Aber bevor wir jetzt hier noch vermeintliche Klarheit finden: Natürlich widersprechen ihnen andere Studien aufs Heftigste. Einige meinen, die Röllchen stünden dem Lebensglück im Wege, wieder andere halten Übergewicht für ein Symptom des Unglücks, einen Hilfeschrei der Seele.

Kognitive Dissonanz ... äh, what?

Das Ergebnis von Studien, die Medien und Heidi Klum, all das wäre uns egal, wenn wir in uns selbst wenigstens Klarheit hätten. Aber die meisten von uns haben das nicht. Zum Thema Gewicht streiten wir uns vor allem mit uns selbst. Wir sehen Engelchen und Teufelchen dabei zu, wie sie sich munter an der Frage zerfleischen, wer denn nun eigentlich der Engel und wer der Teufel ist. In Fachkreisen nennt man das Kognitive Dissonanz, wenn man zu ein und demselben Thema so unterschiedliche Gedanken und Gefühle hat. Die These "Schlanksein macht glücklich" finden manche von uns je nach Laune, Hungergefühl, Hormonstatus und Lebenslage mitunter sekündlich wechselnd unverschämt oder logisch. Kognitive Dissonanz hin oder her... in Nicht-Fachkreisen nennt man das schlicht und einfach "anstrengend"!

Selig dem, der es rausgefunden hat

Nein, ich habe keine 3000 Leute befragt und auch nicht Psychologie studiert. Ich habe keine Ahnung von Marketing für Schokoriegel und ich bin völlig ahnungslos, ob eine Proteindiät vielleicht nicht doch mein persönliches El Dorado wäre. Und trotzdem glaube ich, die Antwort gefunden zu haben. Ich glaube, dass Glück und Gewicht sehr viel miteinander zu tun haben.

Wie genau es sich gegenseitig beeinflusst, scheint mir aber eine der individuellsten Fragen zu sein, die es gibt. Ich kenne so viele Menschen, für die Heidi ganz sicher kein Foto hätte, die aber wunderbar glücklich sind mit sich selbst. Das ist schön, aber kein Patentrezept für jeden. Denn es gibt auch die, die mit sich und ihrem Gewicht hadern. Das macht auf Dauer nicht wirklich glücklich.

Auf der anderen Seite sieht es nicht besser aus. Ist Schlanksein ein Glücksgarant? Bestimmt nicht. Gegenbeispiele gibt es genug! Kann es glücklich machen? Unbedingt. Aber das kann jeder nur für sich selbst rausfinden.

Ich für meinen Teil habe das noch nicht. Aber wenigstens weiß ich schon mal, dass die Antwort weder RTL noch FIT FOR FUN für mich hat. Die Antwort liegt in mir. Irgendwo unter den Röllchen. Ich muss sie einfach nur finden.