"Ich trage jetzt endlich auch mal XS" – Ilka Bessin über Größenwahn und Schönheitsideale

Sie war Animateurin auf der Aida, Restaurantleiterin und Hartz IV-Empfängerin. Dann wurde sie zum Comedy-Star "Cindy aus Marzahn", spielte auf dem Broadway, wurde sogar von der New York Times interviewt – und entschloss sich vergangenes Jahr, noch mal neu zu beginnen. Ganz ohne Jogginganzug und  Perücke. Gerade erst hat Ilka Bessin sich nackt fotografieren lassen und einen Onlineshop für große Größen eröffnet. Die Frau ist wirklich vielseitig. Im Interview mit Barbara.de erklärt sie, mit wem sie zusammen lebt, warum sie sich schön findet und sich eine Zeit lang wie eine Größenwahnsinnige verhalten hat. 

von Tina Epking (Interview)

Barbara: Du machst jetzt Mode für große Größen. Wie kommt es dazu?

Ilka Bessin: Mich hat es immer schon genervt, dass ich kaum schöne Sachen in großen Größen gefunden habe. Ich war diesen Sommer im Urlaub und dort gab es wunderschöne bestickte Blusen – natürlich nicht in meiner Größe. Ich wollte aber gerne auch so eine haben. Deswegen habe ich mich dann mit der Designerin, die schon immer meine Kleider für Fernsehsendungen entworfen hat, zusammengesetzt und sie gefragt, ob wir das Projekt Bessin nicht angehen wollen. Sie hat sofort „ja" gesagt und wir haben mit der Arbeit begonnen. Ich habe ja keine Ahnung, was Schnitte angeht, aber ich weiß, welche Muster und Stoffe ich toll finde. So ist das Ganze vor etwa einem Jahr entstanden.

Du wurdest allerdings auch kritisiert, weil die Mode recht teuer ist...

Klar, wir haben ein paar Teile, die sich ganz sicher nicht jeder leisten kann. Mir ist es wichtig festzuhalten, dass nicht „Cindy aus Marzahn" sondern Ilka Bessin hinter dem Ganzen steckt. Ich lege großen Wert auf die Qualität der Stoffe und auch auf die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter in den Produktionsstätten. Zusätzlich lassen wir nur eine relativ kleine Stückzahl von 3500 Teilen produzieren. Das alles sind Faktoren, die ihren Preis haben. Mit Discounter-Preisen können und wollen wir auch nicht mithalten.

Die Größen bei deiner Mode sind etwas anders als bei anderen. Warum?

Ja, wir haben von XS bis zweimal XXL alles. 42-44 ist bei uns XS. Andere Labels haben das aber auch. Ich trage jetzt endlich auch mal XS (sie lacht). Es ist bei uns einfach die kleinste Größe, es soll sich ja keiner schämen, weil er L trägt, aber es klingt doch schön, wenn wir auch eine XS haben.

Ist es dir wichtig, was andere über deine Mode sagen?

Mich interessiert schon, was andere Leute sagen. Feedback hilft einem ja weiter. Aber es gibt immer welche, die meckern. Egal, was du machst, es gefällt nicht jedem. Das kann man nicht ändern. Ich habe immer schon polarisiert, wenn ich rausgegangen bin: Ich war immer zu groß, zu dick, zu breit, zu lustig, zu unlustig, zu doof zu schlau – es ist immer irgendwas. Wenn ich ein Eis essen gehe, sagen die Leute "muss die jetzt auch noch ein Eis essen?!". Da sagt keiner, wie schön es ist, dass ich mir was gönne. Natürlich lese ich mir Kommentare durch, natürlich denke ich drüber nach, aber ich habe mir einen Traum erfüllt und bin dafür sehr dankbar. Da muss man eben auch mal Kritik einstecken können. Wichtig ist, dass man selber hinter dem steht, was man macht, und sich nicht beirren lässt.

Deine Karriere ist ziemlich steil verlaufen. Du hast sogar am Broadway gespielt...

Ja, das war schon etwas ganz Besonderes. Unvergessen, ich kann es eigentlich immer noch nicht so ganz glauben. Entstanden ist das Ganze durch ein Interview mit mir in der der New York Times. Ich komme aus Luckenwalde und plötzlich stehe ich in New York am Broadway. Eine tolle Erinnerung an Cindy aus Marzahn.

Ilka Bessin: "Ich dachte eine Zeit lang, ich bin die Allergrößte"

Wird man in solchen Situationen nicht größenwahnsinnig?

Natürlich, ich dachte eine Zeit lang, ich bin die Allergrößte, und alles dreht sich nur noch um mich. Ich kam aus der Gastronomie, und plötzlich haben alle über mich gelacht und mir gesagt, wie witzig ich bin. Da dachte ich natürlich, dass ich richtig, richtig gut bin. Man kann damit gar nicht umgehen, das war einfach zu viel. Ich kannte die Leute, die ich traf, nur aus dem Fernsehen. Ich habe vorher Hartz IV bekommen, auf einmal hatte ich Geld auf dem Konto, mich haben Leute nach Autogrammen gefragt, wollten mit mir fotografiert werden. Wie soll man denn damit umgehen? Ist doch klar, dass man da auf eine gewisse Art auch ein wenig durchdreht.

Du wirkst jetzt sehr bodenständig. Wann hat dich der Größenwahn wieder verlassen?

Irgendwann ändern sich die Verkaufszahlen, dann gehen die Quoten nach unten, die Hallen, in denen ich gespielt habe, wurden kleiner. Dann gab es Sendungen, die nicht mehr so gut liefen. Es ging von vornherein jahrelang immer nur nach oben, es musste auch wieder etwas weniger werden. Das ist ja ganz normal, da kommt man dann wieder runter. Man wird mit der Zeit bescheidener und ruhiger, ich bin ja nun auch 46. 

Du hast dich gerade nackt ausgezogen für die Gala. Wie war das?

Naja, ausgezogen hört sich schon ein wenig nach Playboy an. Aber ganz falsch ist es natürlich auch nicht, obwohl man auf den Fotos ja eigentlich nicht viel sieht. Trotzdem fiel es mir nicht wirklich leicht, aber die Fotografin und das ganze Team von der Gala waren bezaubernd. Ich konnte bei dem Shooting zeigen, dass ich nicht nur die Dicke im pinken Jogginganzug bin, sondern eben auch eine Frau. Ich bin so wie ich bin, und ich bin schön so wie ich bin. Wenn ich "Germany's Next Topmodel" sehe, finde ich es wichtig, jungen oder auch älteren Menschen zu zeigen, dass es anders geht.

Ilka Bessin: "Ich finde mich schön"

Kannst du sagen, was du an dir schön findest?

Jeder definiert natürlich Schönheit anders. Ich finde mich schön – und das hat nichts mit Eingebildetsein zu tun – , weil ich ein lustiger Mensch bin, weil ich auch mal traurig sein kann. Ich bin schön, weil ich viele positive Charaktereigenschaften habe. Natürlich habe ich auch viele negative – ich rede zum Beispiel sehr gern über mich selbst (sie lacht). Ich schätze Schönheit anders ein: Man kann mich morgens um 5 wecken und dann sehe ich aus wie ich eben aussehe, ungeschminkt, natürlich, aber schön. 

Wolltest du denn mal abnehmen?

Natürlich. Immer. Mir haben ja auch Leute gesagt, ich könne bestimmte Sachen nicht tragen, weil ich so aussehe wie ich aussehe. Irgendwann habe ich gedacht "ihr könnt mich mal". Aber ich habe gebraucht bis ich so weit war. Und ich habe 25 Kilo abgenommen dieses Jahr, ich habe einen Personal Trainer und viel Sport gemacht. Dann ist mein Vater nach langer Krankheit im Juni gestorben, und ich war sehr traurig und mir mein Gewicht erstmal egal. Deshalb habe ich wieder ein paar Kilo zugenommen.

Apropos Traurigkeit. Bevor du bekannt wurdest, ging es dir einige Zeit nicht gut...

Allerdings. Es gab Momente in meinem Leben, als es echt scheiße lief, an denen ich ganz unten war. Als ich arbeitslos war zwischen 2001 und 2003, habe ich 34 Kilo zugenommen, war antriebslos und habe mich auch geschämt. Ich wollte ja nicht immer meine Eltern fragen, ob sie meine Rechnungen bezahlen oder mir etwas leihen können. Aber irgendwann, als es nicht weiter runtergehen konnte, wollte ich wieder ins Berufsleben und habe im Quatsch Comedy Club angerufen, weil ich mich dort als Kellnerin bewerben wollte. Da hatte ich zufällig Thomas Schrode am Telefon und der hat zu mir gesagt, dass er das Booking für die Talentschmiede macht, ich so lustig sei und ihm mal etwas schicken soll. So fing alles an. 

Du redest nicht viel über dein Privatleben. Lebst du eigentlich allein?

Nein, ich habe einen 56-Kilo-Hund und wohne mit ihm in einer ganz normalen Mietwohnung in Berlin. Er ist ein Bordeaux-Doggen-Rottweiler-Mix und heißt Karlsson. Über alles andere spreche ich in der Tat nicht und behalte es für mich.