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Reine Schikane? Der Irrsinn mit den Kleidergrößen

Reine Schikane? Der Irrsinn mit den Kleidergrößen
© Getty Images
Tatort Umkleidekabine: In einem Laden passt Größe 40, im nächsten ist sie viel zu klein. Endlich erzählt uns mal jemand, woher der Irrsinn mit den Konfektionsgrößen kommt: Simone Morlock vom Bekleidungsphysiologischen Institut in Hohenheim 
von Nikola Helmreich

Frau Morlock, die bisher größte Körpervermessung, „Size Germany“, ergab: Wir werden alle breiter. Und die Taille verschwindet. Hilfe!

Die Menschen sind in den letzten Jahrzehnten im Schnitt wirklich etwas größer und fülliger geworden. Doch die Veränderungen sind weniger groß, als sie subjektiv empfunden werden – also keine Sorge!

Na ja, von 1994 bis 2009 haben wir Frauen in der Taille im Schnitt 4,1 cm zugelegt. Und im Alter schrumpft die Differenz von Taillen- zu Hüftumfang noch weiter. Tendenz: Litfaßsäule!

Zum Taillenumfang ist auch noch der Brustumfang größer geworden, aber das bedeutet nur, dass insgesamt der Anteil der großen Größen gestiegen ist und der der kleinen gesunken. Also Entwarnung: keine Litfaßsäulen-Tendenz.

Puh. Aber wie werden nun aus all diesen Zahlen Konfektionsgrößen?

Die Definition und Zuordnung der Konfektionsgröße basiert auf dem Brustumfang. Und der liegt laut Größensystem für eine 38 bei 88 cm. Dann wird geguckt, wie sich Taille und Hüfte dazu verändert haben.

Dann steht der Richtwert. Aber: Wer bei H&M in Größe M passt, der braucht bei Zara L – warum?

„Letter Sizes“, also S, M und L, sind nicht standardisiert, jedes Unternehmen und jedes Land setzen sie anders ein. Dazu kommt, dass die Maße einer Konfektionsgröße vom Herkunftsland der Marke abhängen. Die Skandinavier zum Beispiel sind die Größten in Europa, die Südeuropäer deutlich kleiner. Damit fällt die Bekleidung dieser internationalen Unternehmen immer anders aus.

Also steckt keine Schikane dahinter?

Nicht wirklich, beim Größenvergleich ist es wichtig, immer nur Marken eines Landes zu vergleichen. Aber auch dann: Damit eine 38 allen passt, müsste sie in neun verschiedenen Varianten produziert werden. Nur so könnten die unterschiedlichen Körperformen abgedeckt werden. Das ist unmöglich.

Ein paar Labels tricksen aber doch bei den Größen, oder?

Es gibt sogenannte Schmeichelgrößen. Beispiel: Ich produziere eine Bluse in Größe 40, nähe aber ein Etikett mit Größe 38 ein.

Fürs gute Gefühl?

Unter anderem. Die Menschen werden nun mal mit zunehmendem Alter fülliger. Wir Frauen haben damit bekanntermaßen oft ein Problem und greifen ungern zu größeren Größen. Also haben Unternehmen ihre Kleidung in den letzten Jahren mit der Kundin mitwachsen lassen.

Klingt irgendwie nett! Erhöht aber den Frust, wenn man dann mal bei einer anderen Marke kauft ...

Das Fatale: Manche haben um eine Größe verschoben, andere um zwei – und vor allem im Bereich der großen Größen teilweise sogar um drei! Aber eben nicht alle arbeiten mit Schmeichelgrößen. Hersteller mit junger Zielgruppe streben die kleinere, engere Linie an und setzen so manchmal das Gegenteil von Schmeichelgrößen ein. Da bekommt die Bluse, die in Größe 38 produziert wird, ein Etikett mit Größe 40.

Das ist dann wieder weniger nett.

Und aufgrund dieser Varianz – ausgelöst durch Internationalisierung und Größenschmeichelei – werden Sie bei unterschiedlichen Marken auch immer zu unterschiedlichen Größen greifen müssen.

Wäre ein verbindliches Standardgrößensystem eine Lösung?

Seit Mitte der 90er-Jahre ist eine Expertengruppe der europäischen Normungsvereinigung dabei, eine einheitliche Größensystematik und -bezeichnung zu entwickeln … aber die Ansichten der Länder sind zu unterschiedlich. Es kann also keine einheitliche EU-Größe geben, da sich die Menschen der einzelnen Länder zu stark unterscheiden.

Lösung: Wir entspannen uns also und machen uns frei von Größen!

Umdenken wäre wirklich gut. Denn ein Teil, das allen gleich gut passt, wird es nie geben. Es ist nicht machbar – Größentabelle hin oder her.


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