Trend kennt kein Alter - Ich sehe aus wie meine Tochter

Unsere Autorin fragt sich, ob es eigentlich schlimm ist, dass sie die gleichen Trends trägt wie die Tochter. Antwort: Nö, eigentlich nicht.

von Sabine Hollstein

Als ich heute morgen die Tageszeitung aufschlage, sehe ich ein Bild von Vicky Leandros anlässlich ihres 65. Geburtstages. Sie sieht gut aus. Gekleidet mit einer ausgefransten Jeansschlaghose, breitem Ledergürtel, einer klassischen, weißen Bluse und schwarzem Blazer mit Dreiviertelärmel. Lange Haare, große Creolen. Ganz bestimmt sieht sie nicht wie 65 aus. Doch auch wenn sie eine öffentliche Person ist, wäre ihre Kleidung absolut ein Look, den viele in unserem Alter – ich bin nur unwesentlich jünger – sofort im Alltag tragen würden.

Als Mutti noch aussah wie Mutti

Als ich 20 war, sah meine Mutter auf jeden Fall anders aus als ich – wie Mutti eben. Niemals ohne Strumpfhose, immer sehr damenhaft, im Alltag auch mal mit Kittelschürze. Die Kleidung war damals ein Mittel, um sich von den spießigen Älteren abzusetzen – möglichst heftig. Wir hatten da einige Schlachten zu Hause. Die Rocklänge war nur eines dieser Themen. Heute ist es den jungen Menschen doch gar nicht mehr möglich, sich über Kleidung zu differenzieren. Viele in meinem Alter kleiden sich jung, sportlich und auch mal mutiger modisch. Sie haben bunte Haare und Fingernägel, künstliche Wimpern und was man da sonst nicht noch alles so machen lassen kann.

Und was ist heute besser? Der Stretch!

Für mich ist die heutige Mode erstmal ein totales Déjà-vu. Bis auf die zerrissenen Jeans und Jacken habe ich vieles davon zwischen 1970 und 1980 schon einmal getragen. Jeansjacken, Rüschenblusen, Blumenkleider – alles war schon mal da. Lediglich die Materialien sind heute besser. Jeans mit Stretch! Was haben wir uns damals gequält, bis Hosen bequem eingetragen waren. Oder wir haben uns samt Jeans in die Badewanne gelegt und auf der Haut trocknen lassen, damit sie für die Party knalleeng saß. Diese Geschichte ist übrigens von meinem Mann – und nicht mal von mir. Der heutige Bohostil entstand damals auf Ibiza, heiß geliebt und nur im Urlaub zu shoppen. Heute hängt er allsommerlich bei H&M auf den Bügeln – direkt verfügbar und zum Mitnehmen.

Mein Mann sieht aus wie 14

Ist das der Grund, weshalb wir Älteren so selbstverständlich zu den gleichen Outfits greifen wie die junge Generation? Ich glaube eher, dass uns immer noch die Rebellion der Sechziger und Siebziger Jahre unbewusst in den Knochen steckt. Wir wollen immer noch nicht sein wie Mutti und Vati damals. Die Kleidung ist nur ein Mittel, um das auszudrücken. Wir sind doch auch sonst viel aktiver und unternehmungslustiger als unsere Eltern es waren. Wir halten nicht bei allem mit, aber bei Vielem. Man denke nur an die ganzen neuen Medien wie Facebook und WhatsApp. Ist ja auch nicht so, als ob man groß eine Wahl hätte. Bei der Mode ist es dann wohl ähnlich, wobei ich doch bei Hotpants, Overkneesstiefeln und Knallfarben eine persönliche Sperre habe. Ich ahne trotzdem, dass uns unsere Töchter und Söhne manchmal belächeln, wenn wir in engen Stretchjeans und T-Shirt durch unser älter gewordenes Leben wandeln. "Er ist jetzt wieder 14", sagt meine Tochter ständig über ihren Vater, der Chucks und Hoodies liebt.

Vicky Leandros hat auch den Bob-Dylan-Song "Don't think twice, it's all right" gesungen. Für mich stimmt das – für Jung und Alt.