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Von wegen Luxus: Die Schlossherren von Vogelsang

Von wegen Luxus: Die Schlossherren von Vogelsang
© Patrick Runte / Privat
Ein Schloss zu besitzen, ist der ultimative Luxus? Für Isabel und Robert  bedeutet ihr Schloss vor allem eins: Arbeit. Fast jeden Tag buckeln die zwei im Herrenhaus Vogelsang. Eine riesige Ruine, die niemals in vollem Glanz erstrahlen wird. Warum machen die das?
von Lena Schindler

Dabei ist Robert, Inhaber einer Agentur für Zeitgeistentwicklung in Rostock, damals erst an ihr vorbeigefahren – obwohl er für ein Event genau nach so einem Objekt in Mecklenburg-Vorpommern suchte. So stark war das Herrenhaus Vogelsang, wie es eigentlich heißt, eingewachsen. Durch meterhohe Brennnesseln ging es hinein in die Ruine, die seit zwanzig Jahren leer stand. Das Dach eingestürzt, im Inneren Berge von Schutt, wabernde Pilzgebilde, die ihn an die „Alien“-Streifen erinnerten. „Der ist nicht ganz dicht“, waren sich Freunde und Familie einig, als er 2010 das Haus aus dem 19. Jahrhundert kaufte, ein dreigeschossiges Gebäude plus Marstall, Wasserturm und Inspektorenhaus, das so wenig mit Protz-Palast Neuschwanstein gemeinsam hatte wie Prinz Marcus von Anhalt mit höfischen Umgangsformen. Und so viel mit einem Statussymbol wie eine Schrebergarten-Laube. Eine imposante Baustelle!

„Seit sechs Jahren schuftet Robert hier unermüdlich mit, mit seinem Vater und Leuten aus dem Dorf“

Die Herrschaften treffen auf dem Anwesen ein – in einem klapprigen Audi. „Wir sind jedes Mal froh anzukommen. Bei 260 000 Kilometern auf dem Tacho muss man dafür echt dankbar sein“, sagt Isabel lachend. Die 40-Jährige hat eine ihrer 24-Stunden-Schichten als Behindertenassistentin hinter sich. Robert, zwischen zwei Agenturjobs unterwegs, verschwindet kurz im Stall bei den Kaninchen. Trotz der alten Karre und den weißen Angorahaaren, die auf seinem Hemd kleben, steht ihnen der verwitterte Palast. „Wir sind ziemlich gut darin, den Schein zu wahren“, sagt Robert dazu. Seit sechs Jahren schuftet der 46-Jährige hier unermüdlich, zusammen mit seinem Vater und Leuten aus dem Dorf, die unentgeltlich helfen. Jeden Cent dreht er um für dieses Märchenschloss, das in der Realität viel Zeit im Blaumann bedeutet und oft Zukunftsängste. Weil er keine Millionen geerbt oder im Lotto gewonnen hat, was so eine Anschaffung rechtfertigen würde. Robert sanierte früher mit überschaubaren Mitteln eine Gerberei und eine Brauerei in der Rostocker Altstadt. Deren Verkauf erwirtschaftete 500.000 Euro. Viel Geld, das aber gerade so für Schloss-Anschaffung und Notsanierung reichte. Um es überhaupt nutzbar zu machen, mussten zwei Kredite her, insgesamt 120.000 Euro, plus noch mal 250.000 Euro Fördergeld.

Als Isabel und Robert sich begegneten, erwähnte er nur nebenbei, er hätte da „so ein altes Haus“, an dem er werkelt. „Ich wollte es nicht so schnell aufs Tapet bringen, weil es auch eine Bürde ist.“ Den Kaufvertrag unterschrieb Robert mit seiner früheren Partnerin, die beiden glaubten damals, den perfekten Ort für eine gemeinsame Zukunft entdeckt zu haben, einen, der zwischen ihren Lebensmittelpunkten Berlin und Rostock lag und ihrer Liebe zu alten Gutshäusern entsprach. Als feststand „Die Bude gehört uns“, waren da nur Euphorie und die Idee vom Familienleben auf dem Land. Irgendwann kam die Krise, die Dame des Hauses reiste im Selbstfindungsmodus durch die Welt, entfernte sich auch innerlich vom Schloss – und von Robert. Der stand plötzlich allein in seiner Ruine und schob Eimer hin und her, weil es durchs Dach regnete. „Erst durch Isa konnte ich mich dem Haus emotional wieder zuwenden, neue Begeisterung entwickeln.“ Als Isabel zum ersten Mal den Weg dorthin fuhr, vorbei an einem Panzerdenkmal, einem Discounter und einer Menge Schweineställen, erwartete sie alles Mögliche, nur nicht das, was sich da im Halbdunkel vor ihr aufbaute. „Außer ,Das ist ja viel zu groß!‘ wusste ich nicht, was ich sagen sollte“, erzählt sie.

 „Unser Haus wird niemals fertig werden – diese Unendlichkeit fasziniert mich“

Heute, drei Jahre später, deutet sie in eine Ecke der Beletage des Hauses, wo vor Wänden mit abgeplatztem Putz zwei Ledersofas stehen: „Hier soll unser Wohnzimmer hin!“ Bezogen hat die 18 Räume bisher aber niemand. Weil es noch keine Heizung gibt, keine Küche, erst seit Kurzem fließend Wasser. Wenn die Gutsbesitzer auf ihrem Anwesen sind, leben sie in einer provisorischen Wohnung über dem Pferdestall, unter der Woche in Rostock. „Ich hätte ihn auch ohne Schloss genommen“, sagt Isabel und muss lachen. Weil es ebenso gut heißen könnte: „Ich habe ihn trotzdem genommen.“ Vor einem Jahr ist Isabel mit ihren zwei Kindern im Alter von fünf und elf aus Hamburg ganz in die Pampa zu Robert umgesiedelt, der selbst Vater einer Zwölf-Jährigen ist. Als alleinerziehende Mutter weiß auch sie, dass die Liebe nicht immer ewig dauert, hat aber trotzdem nicht daran gezweifelt, dass die Familienzusammenführung im Palast funktioniert. Einen Hof mit Tieren wollte sie immer. Und jetzt steht neben dem Pferdestall eben auch noch ein Schloss.

Ich hätte schon gern mal wieder eine heile Hose“, sagt der Hausherr, während er vor der Freitreppe Hausschwein Lola den Bauch krault. So einen abgeschrubbten Palast zu besitzen bedeutet für die beiden häufig Verzicht. Wenn sie sich etwas leisten, dann Dinge, die unbedingt nötig sind. Wie zuletzt einen Industriestaubsauger. „Es ist ein Gewinn, wenn sich die Wichtigkeit verliert, dauernd etwas Neues besitzen zu müssen“, findet Isabel. Robert hat sich sowieso längst daran gewöhnt.

Aber wofür das alles? Robert lebt diese große Idee, kulturelles Erbe vor dem Zerfall zu retten, aber nimmt man dafür gern Urlaubstage am Betonmischer in Kauf? „Ich bin nur glücklich, wenn ich mich verwirklichen kann“, erklärt er. „Das zählt mehr als eine sichere Kapitalanlage.“ Aber es geht noch um etwas anderes. „Projekte, an denen man mit Leidenschaft arbeitet, loslassen zu müssen ist schmerzvoll. Unser Haus wird aber nie fertig werden, diese Unendlichkeit fasziniert mich“, sagt Robert. Dieser marode Bau ist eine Lebensaufgabe – im besten Sinn. Eine, die beide jeden Tag beschäftigt, zermartert, glücklich macht, mal fordert, mal überfordert, aber immer auch ausfüllt.

Dann kommt das leise Gefühl, stolz zu sein auf diesen alten Kasten, der ihnen die Taschen leer zieht.

Die Magie dieses Hauses hat nämlich viel damit zu tun, dass es eben so gar nicht perfekt ist. Dass in den prachtvollen Stuckdecken riesige Löcher klaffen, seine Geschichte durch jede abblätternde Farbschicht greifbar wird. „Das Haus als Bühne nutzen, es glänzen zu lassen durch das, was Menschen hineintragen, das ist es, wofür sich das alles lohnt“, sagt Robert. Die beiden organisieren hier Feste, auf denen sie selbst gern eingeladen wären: Steampunk-Party, Victorian-Art-Festival, Mitsommer- Remise. Oder sie vermieten es an Hochzeitspaare aus der Großstadt, die den morbiden Charme cool finden. Kürzlich hat eine Boyband aus Korea hier ein Video gedreht, eine Modefirma eine Kampagne fotografiert. Ein langer Weg war es bis dorthin. Das Haus läuft heute zum ersten Mal auf Null.

Wenn mal wieder eine Feier auf Vogelsang stattfindet und es abends von Kerzen erleuchtet ist, dann verwandelt sich die Baustelle in ein Schloss. Dann strahlt es wie in besten Zeiten, lange bevor es unterm DDR-Regime für die Landwirtschaft genutzt wurde und Immobilienspekulanten es nach der Wende verfallen ließen. Dann kommt das leise Gefühl, stolz zu sein auf diesen alten Kasten, der ihnen die Taschen leer zieht, aber sie reich macht auf seine ganz spezielle Art. Dieses Gefühl hält meist bis zum nächsten Morgen, wenn die beiden wieder 1800 Quadratmeter Wohn äche putzen müssen. In so einer traditions- reichen Hütte herrschen eben streng hierarchische Strukturen. „Das Haus ist der Chef“, sagt Robert: „Und wir sind Magd und Knecht.“


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