Warum es echt schwer ist, sich im Winter schick anzuziehen

Unsere Autorin tut sich mit der Mode im Winter echt schwer: Stöckelschühchen und Schnee passen für sie einfach nicht zusammen.

Von Stephanie Morcinek

"Komm, lass uns ausgehen!", schrieb mir meine Freundin Michelle letzten Samstag. Ein Satz, vor dem man sich normalerweise nicht fürchten muss. Doch mich gruselte es. Denn die versteckte Botschaft, die hinter diesen simplen vier Worten steckt und über die man sich wohl oder übel Gedanken machen muss, sobald man mit einem flapsigen "Klar!" geantwortet hat, ist folgende: Ausgehen impliziert Kleidung zu wählen, die nicht alltäglich ist. Kleidung, die mich von der Masse abhebt, die - je nach Ausgeh-Location -nonchalant, elegant oder sexy sein sollte. Nie nachlässig. Zumindest nicht, wenn man das unter ausgehen verstand, was meine Freundin Michelle normalerweise damit meint. 

Ausgehen bedeutet sich Rausputzen, sich eine Hülle umwerfen, die das Selbstbewusstsein pusht. Einen Kokon aus Coolness, Offenheit und Weiblichkeit gepaart mit Esprit, Lockerheit und einem klitzekleinen Tropfen Einzigartigkeit. 

Also genau das, was ich im Winter einfach nicht kann. 

Der Winter ist modisch gesehen nicht meine Zeit

Im Winter ist es zugig. Es ist kalt. Es ist feucht. Es kann jeden Moment regnen oder schneien. Dazu spannt meine Haut von der viel zu trockenen Heizungsluft. Sie ist teilweise so trocken, dass ich im Zehnminutentakt cremen muss, wenn ich nicht kratzend dasitzen möchte wie ein Hund, der gerade einen Flohzirkus zu Besuch hat. Winter ist einfach nicht meine modische Jahreszeit. Ich würde diese Monate am liebsten überspringen und kann sie einzig ertragen, weil ich in ihnen Geburtstag habe.

Als Kind fand ich Winter genial. Schneeanzug an, raus in den Garten. Oder ganz anders: Verkleidungskiste von Mama auf, ein witziges Kostüm angezogen, großen Modeschmuck dazu, ein bisschen schminki-schminki und schon stellte sich das Zufriedenheitsgefühl ein. Mir war es egal, ob ich ausrutschen könnte. Pah, Kälte? Kannte ich als Kind nicht. Regengüsse fand ich herrlich, weil sich danach die Pfützen bildeten, in die man so schön hineinspringen konnte. 

Bitte nicht nur bequem und warm!

Heute, weit entfernt von meiner Kindheit, wünsche ich mir manchmal diese Einfachheit und Unbekümmertheit zurück. Ich falle normalerweise gerne auf, versuche mich ungewöhnlich anzuziehen. Heute ist mir das mit diesem Outfit aus transparentem Tüll-Kleid über einer Jeans und meiner rosafarbenen Cabanjacke drüber mal wieder etwas gelungen. Ich erntete Blicke. In meiner Heimat München bist du damit ein bunter Hund. Doch das war ein verrückter Modetag von 90, die die Wintermonate Dezember, Januar und Februar gemeinsam zählen. An den übrigen 89 Tagen gibt es für mich seit einigen Jahren nur noch das Credo: "bequem und warm muss es sein". Ist das nicht furchtbar? Bequem und warm!!! Ich bin so typisch deutsch, es ist fast nicht auszuhalten. Die deutsche Mode steht für Komfort, für Funktionalität. Die Franzosen haben ihre sexy Undone-ness, die Italiener ihre verboten feminine Eleganz. Die Deutschen haben Multifunktionsjacken. 

So weit ist es bei mir immerhin noch nicht gekommen, doch ich könnte die ganze Zeit in Jeans, Hoodie und Sneakern bzw. simplen Ankle Boots herumlaufen. Von modischer Raffinesse ist das so weit entfernt wie Donald Trump von einer für sein Volk das beste wollenden Politik. 

Wie oft habe ich als Moderedakteurin schon darüber geschrieben, wie simpel es ist, morgens vor dem Kleiderschrank nach den richtigen Teilen zu greifen. Wie dumm, dass ich das im Moment selbst nicht hinbekomme. Ich weiß, da hängen wirklich tolle Sachen drin, manche sogar noch mit dem Preisschild. Nein, keine Schrankleichen, sondern Mode, die ich wirklich gerne anziehen möchte, doch für die ich einfach bisher nicht in der Stimmung war. Weil mir das Licht fehlt. Die Sonne. Das Thermometer, das mindestens eine 15 anzeigt. 

Das Einigel-Prinzip

Ich bewundere die Frauen, die auf Instagram selbst bei Minusgraden bunte Kleider, ungewöhnliche Kombis aus Culotte und nackten Knöcheln oder die neuesten Styles der Modeketten vorführen, die so aussehen, als seien sie direkt von den Editorials der Fashionmagazine kopiert. Kein Kälteempfinden. Keine Frostbeulen. Keine Langeweile. Die verspüre nur ich, wenn ich an mir herunter blicke. Vielleicht liegt es daran, dass ich wegen meiner Selbstständigkeit viel Zeit im Homeoffice verbringe und keine echte Inspiration durch Kontakt mit Kollegen und Leuten auf der Straße habe. Oder ist es das Einigel-Prinzip, das mit der steigenden Zahl meiner Jahre auf der Welt an Kraft gewinnt?

Gäbe es Hormonspritzen, die meine Mode-Libido steigern, ich würde sie ausprobieren. Doch weil die wahrscheinlich nie erfunden werden, bleibt mir nur eine Wahl. Ausharren. Durchhalten. Mich in Geduld üben. Bis der Frühling meinen Fashion-Hormonspiegel wieder ins Gleichgewicht bringt und auch ohne Viagra aus meinen Looks wieder kleine Höhepunkte macht. 

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