Warum ich eine Turnschuh-Frau bin!

von Alexandra Keller

Unsere Autorin möchte einmal im Leben eine von diesen High-Heel-und-Lippenstift-Frauen sein, ohne einen Spruch zu bekommen. Vielleicht steht sie sich dabei aber auch einfach nur selbst im Wege. Ich bin eine Turnschuh-Frau. Das habe ich nicht selbst entschieden, das haben andere für mich gemacht. Ich bin auch eine Nur-Wimperntusche-Rouge-und-vielleicht-ein-bisschen-Concealer-Frau. Trage ich nämlich so schönen roten Lippenstift wie viele meiner Freundinnen und Kolleginnen schaut man mich so schräg an, als hätte ich zur totalen Männerjagd geblasen, oder einen Termin bei der Oskarverleihung. Dabei würde ich wirklich auch gerne mal eine von diesen schicken und modischen Frauen sein.

"Niemand stellt den Look meiner Kollegin in Frage"

Meine Kollegin trägt eigentlich immer Highheels, niemand kommentiert das, denn es gehört einfach zu ihr. Trägt sie mal flache Schuhe, kommentiert das auch niemand. Meine Kollegin ist ein modischer Mensch und es würde einfach niemand ihren Look in Frage stellen, weil es einfach passt und man sich von ihrer Erscheinung auch nicht erschlagen fühlt, selbst wenn sie hohe Hacken und Lippenstift trägt. Das ist dann einfach so.

"Hast du noch ein Date?"

Es ist nicht so, als könnte ich auf hohen Schuhen nicht laufen, ich bin dann einfach nur Größer als 1,85 cm. Ist das vielleicht das Problem? Aber selbst wenn ich nur mal ein Kleid statt Jeans und Shirt zur Arbeit trug, bekam ich von meinem Ex-Chef stets den Satz „Oh, haben sie heute noch was vor?“ oder von den Kollegen „Hast du noch ein Date?“ um die Ohren geschmettert. Nervig. Die Welt scheint beschlossen zu haben, dass ich eben ein sportlicher Typ bin, eine Turnschuh-Frau. Trage ich etwas anderes können eigentlich nur Ostern und Weihnachten zusammenfallen. Oder ich empfange Staatsbesuch. Eine andere Möglichkeit gibt es offenbar nicht.

"Wisst ihr, was völlig ungetragen in einem Schuhkarton unter dem Bett verstaubt?"

Als ich meinen neuen Job begonnen habe, habe ich mir deshalb einen kompletten Satz neuer Klamotten gekauft. Ein Neuanfang bedeutet ja auch immer die Möglichkeit sich selbst neu erfinden zu können. In meinem alten Job trug ich zerrissene Jeans, Wetterjacken, Shirts und nicht immer saubere Turnschuhe. Nun kaufte ich mir blaue, schwarze, beige und weiße Seidenblusen, Blazer, Stoffhosen, Chelseaboots – und ja sogar ein Paar sündhaft teure High Heels. Das Ganze habe ich dann genau sechs Wochen durchgehalten. Nach und nach bahnten sich die herrlich bequemen Sneaker ihren Weg zurück in mein Leben. Anfangs nur die schicken aus Glanzleder, inzwischen auch wieder Chucks und sogar diese obersportlichen Nike Free. Ich liebe sie einfach. Es folgten T-Shirts, bunte Hosen, Hippieblusen… Was soll ich sagen. Hin und wieder halte ich morgens sogar sehnsüchtig meine kaputte Jeans in den Händen und lege sie dann wieder weg. Noch gelingt mir das. Noch! Und wisst ihr, was immer noch völlig ungetragen in einem Schuhkarton unter dem Bett verstaubt? Das schicke Paar schwarze Lackpumps. Menno – vielleicht bin ich ja wirklich eine Turnschuh Frau.