Sterbehospiz: Frau Bollweg wartet auf den Tod

Marianne Bollweg weiß schon lange, dass sie sterben wird. Die letzten Monate ihres Lebens wohnt sie im Hospiz Leuchtfeuer. Hier bereitet sie sich auf den Tod vor

Hier schreibt Roland Rödermund

Eigentlich hat Frau Bollweg gar keine Zeit für den Tod. Für jede Verabredung schaut sie in ihren Terminkalender. Ihre Familie gibt sich die Klinke in die Hand, gerade ist ihre Enkeltochter Nele Thiele da, wie fast jeden Tag. Zum Geburtstag im März bekam Frau Bollweg 37 Anrufe und einen Stapel Glückwunschkarten. Auch jetzt klingelt das Telefon. Eine von sechs Cousinen. Morgen hat sie einen Massagetermin. Gestern kam der Friseur zu ihr. Man könnte meinen, Frau Bollweg wolle dem Tod davonlaufen. Oder ihn verdrängen. „Ach“, die 82-Jährige winkt ab, „ich mach nur das Beste aus meiner Situation.“


29 Tage verbringt ein Bewohner durchschnittlich hier – im Hospiz Hamburg Leuchtfeuer, eins von 1500 ambulanten und 230 stationären Erwachsenenhospizen in Deutschland. Insgesamt 70 Ehrenamtliche arbeiten in allen Lebensbereichen mit. Jede Aufenthaltsdauer ist sehr individuell, einige bleiben nur Stunden, andere mehrere Monate. „Frau Bollweg lebt bei uns von Ereignis zu Ereignis“, sagt Hospizleiterin Mareike Fuchs. „Erst wollte sie noch einmal Weihnachten erleben, dann war es ihr Geburtstag, dann Ostern.“ Fast ein halbes Jahr ist sie bereits hier. In diesen Tagen freut sie sich auf das anstehende Abi von Enkel Matz. Keinesfalls wartet Frau Bollweg auf den Tod, aber sie scheut ihn auch nicht. Nur wenn sie Schmerzen hat: „Wenn ich mich abends hinlege und die Schmerzen kommen, dann denke ich schon: ‚Och, wär ja schön, wenn ich nicht wieder aufstehe.‘“


Das Hospiz im Schwesterntrakt des ehemaligen israelitischen Krankenhauses liegt mitten auf St. Pauli, nahe an der Reeperbahn, nicht gerade bekannt als Ort der inneren Einkehr. Ein Platz zum Sterben, wo nebenan das Leben tobt? Das ist nur auf den ersten Blick ein Gegensatz, denn das Hospiz, das elf Bewohnern auf Zeit Platz bietet, ist voll mit Leben: Das helle, gelbe Haus ist lichtdurchflutet, gerade übergibt eine Floristin einen Korb Tulpen und Ranunkeln am Empfang, ein Bewohner – niemand wird hier Patient genannt – bereitet sich auf seinen großen Auftritt vor. Als glühender Fußballfan darf er in der St.-Pauli-Loge vor den alten Fankumpels und Repräsentanten sein eigenes Lied singen, begleitet von der Sozialpädagogin Steffi Severs.


Insgesamt zehn ehrenamtliche Sterbebegleiter verbringen in einer 1:1-Betreuung Zeit mit den Bewohnern. Meist ein paar Stunden pro Woche für ganz Alltägliches. Botengänge, noch mal zur Bank oder zum Zahnarzt … Aber es geht vorrangig darum, den Sterbenden zuzuhören, Zeit zu schenken oder ihnen einen letzten Wunsch zu erfüllen – ganz egal, ob es noch mal ans Meer, in die Elbphilharmonie oder ins Tattoo-Studio geht.


Manchmal tragen Begleiter dazu bei, dass jemand am Ende seines Lebens mit sich ins Reine kommt. Nicht jeder hat so ein enges Familiennetz wie Frau Bollweg. Viele Menschen sind einsam, kapseln sich ab oder es fehlt ihnen aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung die Kraft, Kontakte zu pflegen oder das Zimmer zu verlassen.

Frau Bollweg, die früher Büroangestellte war und nach ihrer Scheidung Tochter und Sohn allein großzog, sagt: „Ich habe vor 20 Jahren mit meiner Krankheit begonnen.“ So drückt sie es aus. Metastasierter Brustkrebs, Erstdiagnose 1999. Dem Krebs war es schnurzegal, dass sie schon immer eine lebenslustige Frau mit einem sehr starken Willen und einer unbeugsamen Haltung war. Wegen der Metastasen wurde die Halswirbelsäule versteift, sie hat pathologische Brüche im Rücken.


Als sie austherapiert war und nicht mehr allein leben konnte, wusste Frau Bollweg: Es ist Zeit, sich auf das Sterben vorzubereiten. Gehadert hat sie damit nicht – der Tod war ja schon lange präsent gewesen. Und notwendige Dinge hat sie im Leben immer gleich angepackt, „schnell davor, schnell davon“ – das war ihr Motto.


Ihre Ärztin hatte ihr das Hospiz Leuchtfeuer empfohlen. „Aber eigentlich bin ich wegen der Steckrübensuppe gekommen“, sagt sie. In einem TV-Beitrag hatte Frau Bollweg gesehen, wie Hospizkoch Ruprecht Schmidt einer Bewohnerin, die nicht mehr an den gemeinsamen Mittagessen im Gruppenraum teilnehmen konnte, dieses Lieblingsgericht gekocht und aufs Zimmer gebracht hatte. Das war der Moment, in dem sich Frau Bollweg für ihre letzte Station entschied.


Und jetzt ist sie hier. Das Morphium-Pflaster auf der Schulter hilft ihr, die verbleibende Zeit mit ihren beiden Kindern und den vier Enkeln so gut es geht zu genießen. Die 24 Quadratmeter hat ihre Familie mit Stehlampe, Fernsehsessel und Erinnerungsfotos gemütlich gemacht. Manchmal machen sie mit dem Rollstuhl Ausflüge in den Hospizgarten. „Omi ist hier sehr gut aufgehoben“, sagt Enkelin Nele. „Das Hospiz und der Gedanke an den Abschied gehören jetzt zu unserem Leben dazu.“ Sie hat ihrer Großmutter eine Jogginghose aus dem St.-Pauli-Fanshop mitgebracht, die hatte sie sich gewünscht. Frau Bollweg bekommt Physiotherapie und arbeitet mit einer Musiktherapeutin.


Die Seelsorgerin und ihre Sterbebegleiterin spielen für sie keine zentrale Rolle im Leben, das übernimmt ihre Familie. „Es beruhigt mich, dass sich auch meine Tochter hier beraten lassen kann“, sagt Frau Bollweg, denn auch Angehörige finden hier Hilfe. „Als der Rollstuhl zum ersten Mal kam, brach meine Tochter in Tränen aus. Ich sagte: ‚Mäuschen, warum weinst du denn? Der hilft mir doch.‘“ Heute ist nur eine kurze Ausfahrt möglich – Frau Bollweg fühlt sich müde und geschwächt.


Manche Besucher wundern sich, mit welcher Leichtigkeit, und wie freundlich und aufmunternd die hier arbeitenden Menschen mit Gästen, Angehörigen und auch miteinander umgehen. Es mag schräg klingen, aber das Hospiz ist ein schöner Ort. Trotz aller Emotionen und Schmerzen, die tagtäglich hier gefühlt werden. Aber durch den Umgang damit und die warme Atmosphäre beginnt sich der Blick auf das Sterben zu verändern.


„Der Tod kann kommen“, sagt Frau Bollweg, „ich bin vorbereitet: Ich weiß, dass die Kinder gut versorgt sind. Ich habe meinen Haushalt aufgelöst, ich bin mit mir im Reinen und bereue nichts.“ Sie denkt nach und sagt: „Ich habe so viel gesehen und erlebt: Ganz Europa habe ich abgegrast, bin viel mit meinen Enkeln gereist. Es ist gut jetzt.“ Was mit ihrem Körper passiert, wie nacheinander die Organe ihre Funktion aufgeben werden, hat sie sich haarklein erklären lassen. Wie sich der Körper entleert und die Haut Leichenflecken bildet, all das weiß sie. „Meine Familie macht dann das Fenster auf, damit die Seele rausfliegen kann“, sagt sie. Und man ertappt sich, wie man „ach, schön“ antworten möchte.


Nicht allen Bewohnern fällt der unwiderruflich letzte Lebensabschnitt so leicht, wie es bei Frau Bollweg den Anschein hat. Sie können oder wollen nicht reden, sie ziehen sich zurück oder können sich nicht damit abfinden, dass es das jetzt gewesen sein soll. Aber für alle soll die Zeit, die ihnen bleibt, hier so angenehm wie möglich gestaltet werden. „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben“, so lautet der Leitsatz der Hospizbewegung. Würde und Selbstbestimmung sind dabei das Wichtigste.


Die Gäste erfahren intensive persönliche Zuwendung, gepaart mit professioneller pflegerischer Kompetenz. Viele werden hier nach langer Leidensgeschichte einigermaßen schmerzfrei. „Das wirkt oft wie ein Lebenselixier“, sagt Mareike Fuchs. Nicht für alle, das ist klar. Es gibt schwer zu begreifende Schicksale, etwa von jungen Menschen oder Müttern, deren Leben lange vor der Zeit endet. Und denen nicht so viel Zeit für den Abschied bleibt wie Frau Bollweg.


In Zukunft wird es immer mehr Menschen geben, die sehr lange mit ihrem Krebs leben – und sehr viel Zeit haben, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Weil wir immer älter werden, kommt es zu mehr Erkrankungen, gleichzeitig verbessern sich aber die Überlebenschancen durch neue Therapien und Medikamente stetig. Wäre es nicht toll, wenn wir alle lernen könnten, uns wie Frau Bollweg mit dem Tod zu arrangieren? Uns vielleicht sogar ein kleines bisschen mit ihm anzufreunden? Und wieso gibt es eigentlich nicht viel mehr Orte wie diesen, die einen darin unterstützen?

Es gibt Essen. Am Mittagstisch hat Frau Bollweg eine zentrale Rolle, auch wenn sie oft nur eine Spatzenportion essen kann.


Seitlich vor Kopf ist ihr Platz. Sie ist immer mittendrin, erkundigt sich bei allen am Tisch, wie es ihnen geht, fragt nach und erklärt neuen Bewohnern, wie hier alles funktioniert. Es kommen nicht immer alle zur gemeinsamen Mahlzeit, oft wird durch einen leeren Platz klar, das jemand verstorben ist. „Als Frau Kersting (Name geändert) neulich gestorben ist, das war ein mächtiger Schlag ins Kontor“, sagt Frau Bollweg. Sie hatte ebenfalls Krebs, beide Frauen hatten sich hier angefreundet, waren zusammen Currywurst essen, kauften als Nachspeise Lakritze. Neue Freundschaften zu schließen ist ein Talent, das sich Frau Bollweg bis heute bewahrt hat. Nicht alle aus ihrem alten Bekanntenkreis sind emotional bereit für einen Besuch bei ihr im Hospiz, erzählt sie, während sie von ihren Gnocchi mit Paprikagemüse probiert. „Ich möchte nach Hause“, sagt sie nach wenigen Bissen. Sie meint damit: nach oben, auf ihr Zimmer.


Wenn Frau Bollweg endgültig geht, wird im Foyer die Leuchtfeuer-Kerze brennen, die angezündet wird, wenn ein Mensch verstorben ist. Eine Pflegerin wird ihren Vornamen in eine Wachstafel gravieren. Davor wird das Kondolenzbuch liegen. 24 Stunden brennt die Kerze, so lange bleibt auch jeder Verstorbene im Hospiz. Dann wird der Name mit dem Wachs auf der Tafel verschmolzen – so sind die Namen aller hier Verstorbenen in der über zwanzigjährigen Geschichte des Hauses miteinander verbunden.


Frau Bollweg hat noch Zeit … wie viel? Das weiß niemand. Sie sagt, dass sie gern die Veröffentlichung dieser Geschichte erleben würde. „Und dann mal sehen.“ Eigentlich hat Frau Bollweg auch noch gar nicht mit dem Leben Schluss gemacht – Schluss gemacht hat sie nur mit der Angst vor dem Tod.


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