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Abstinenz-Selbstversuch: "Sex ohne Alkohol ist viel besser"

Abstinenz-Selbstversuch: "Sex ohne Alkohol ist viel besser"
© Hanna Schumi@Foxycheeks
Die Journalistin Susanne Kaloff trank mehr als ein Jahr gar keinen Alkohol und schrieb ein Buch darüber. Uns hat sie erzählt, warum das ihr Leben verändert hat.
von Tina Epking (Interview)

In ihrem Bestseller "Nüchtern betrachtet war's betrunken nicht so berauschend" beschreibt Autorin Susanne Kaloff, wie es sich für sie angefühlt hat, keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren. Wir haben die knapp 250 extrem unterhaltsamen Seiten in echtem Rekordtempo durchgelesen und einfach mal nachgefragt, wie andere auf ihren Selbstversuch reagiert haben, ob sie den Rausch vermisst hat und ob sie mittlerweile vielleicht doch wieder trinkt.

Barbara.de: Wie viel hast du denn vor deinem Selbstversuch getrunken?

Susanne Kaloff: Das fragen komischerweise alle. Dabei habe ich nicht viel getrunken, manchmal sogar wochenlang gar nicht. Aber es geht nicht um die Menge, es geht darum, dass jedes Mal, wenn man das eine kleine Bisschen mehr trinkt, die Stimmung kippen kann. Danach habe ich mich immer schlecht gefühlt. Mir geht es darum, dass man sich verändert, selbst wenn man nur zwei oder drei Gläser trinkt bei einem Essen. 

Was meinst du mit Veränderung?

Dass ich mich nicht mehr fühle wie ich selbst. Dass eine Entfremdung stattfindet.

Es gibt Studien, die sagen, dass das wahre Ich sich zeigt, wenn man betrunken ist...

Das finde ich überhaupt nicht. Vielleicht erkennt man dann eher Sehnsüchte und Bedürfnisse, über die man sich aber nüchtern kümmern müsste anstatt einen Prosecco draufzugießen. 

Hast du angekündigt, dass du nicht mehr trinken möchtest?

Nein, gar nicht. Es ist vielen auch erstmal gar nicht aufgefallen, weil ich früher auch schon mal detoxmäßig nichts getrunken habe. Aber dann haben es die anderen schon gemerkt und es kamen Reaktionen dazu. Oft wurde laut darüber gesprochen, wie gut der Alkohol schmeckt, wie toll er prickelt, was für eine gute Qualität man da gerade trinkt. Ich wurde aber relativ selten direkt gefragt, warum ich nicht trinke. Ich finde es heftig, dass die Leute zwangsläufig denken, dass man schwanger oder Alkoholiker ist, wenn man Alkohol ablehnt. Wer freiwillig aufhört zu trinken, ist nicht Alkoholiker, sondern clever.

Wie kam es eigentlich zu deinem Entschluss?

Das hat sich über Jahre aufgebaut. Ich habe schon nach einem Gin Tonic Dinge gemacht, die ich am nächsten Morgen blöd fand. SMS an irgendwelche Ex-Freunde mitten in der Nacht geschrieben zum Beispiel. Einmal habe ich betrunken eine sehr teure Tasche verloren. Und ein paar Monate bevor ich aufgehört habe, bin ich in einem Club mitten auf der Tanzfläche so blöd umgeknickt und hingefallen, dass ich eine blaue Backe hatte. Ich habe nie daheim eine Flasche Wein getrunken oder einen Wodka zum Frühstück, noch war ich regelmäßig betrunken, aber diese negativen Ereignisse haben sich irgendwann summiert. Deswegen habe ich an einem ganz normalen Abend beschlossen, einfach nicht weiter Wein zu trinken. Es war total unspektakulär. Aus einem Bewusstsein heraus, dass ich mir mit Alkohol gar nichts Gutes tue. 

"Bei Koks käme niemand auf die Idee zu erklären, warum er nicht mal ein Näschen möchte"

Ist dir der Verzicht schwer gefallen?

Ja, weil es ein echter Selbstversuch war. Es ging nicht um eine kurze Phase, es musste mindestens ein Dreivierteljahr sein. Zum Beispiel an Weihnachten ist es mir wirklich schwer gefallen, keinen Champagner zu trinken. Oder an Silvester oder an meinem Geburtstag. Ich hätte nie gedacht, dass das so schwierig für mich wird. Es ging nicht um körperliche Abhängigkeit, aber die emotionale Abhängigkeit ist nicht zu unterschätzen. Über die kommt man nur hinweg, wenn man mal länger gar nicht trinkt.

Inwiefern hast du dich verändert?

Es war, als ob ich nicht mehr sofort auf alles reagiere. Ich war nicht mehr so schnell sehr impulsiv. Meine Zündschnur war vorher kürzer, ohne Alkohol bin ich viel ruhiger. Es gibt Studien dazu, dass die Impulskontrolle durch Abstinenz beeinflusst wird. Alkohol ist ein Nervengift, man kann sich vorstellen, wie sich das auswirkt.

Das tut ja jede Droge...

Tatsächlich ist Alkohol aber die einzige Droge, für die man sich rechtfertigen muss, wenn man sie nicht konsumiert. Bei Koks käme niemand auf die Idee zu erklären, warum er nicht mal ein Näschen an runden Geburtstagen möchte. Alkohol ist einfach die Volksdroge Nummer eins. Dabei tun sich einem ganz tolle Dinge auf, wenn man mal länger ganz ohne ihn lebt.

Was denn zum Beispiel?

Mehr Ruhe, mehr Selbstvertrauen. Man kommt von jeder Feier genauso nach Hause wie man hingegangen ist. Wenn man so exzellent auf sich aufpasst, gibt einem das sehr viel Stärke. Du kannst aber nicht exzellent auf dich aufpassen, wenn du zwei Prosecco zu viel intus hast. 

"Nüchtern betrachtet war's betrunken nicht so berauschend. Ein Trip in die Freiheit" von Susanne Kaloff ist im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro
"Nüchtern betrachtet war's betrunken nicht so berauschend. Ein Trip in die Freiheit" von Susanne Kaloff ist im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro
© S. Fischer Verlage

Mal ganz oberflächlich: Hast du äußerliche Verbesserungen feststellen können?

Ich war vor dem Versuch auch fit, mache seit 20 Jahren Yoga und habe mich schon immer gesund ernährt. Deswegen waren die Unterschiede nicht allzu groß. Mein Schlaf ist tiefer, aber der war vorher auch gut. Es ist nicht die Lösung für alles, ich bin jetzt nicht besser oder schöner, so plakativ ist es nicht. Das wäre auch zu viel verlangt. Es geht mehr darum, mir selbst näher zu sein. Auch wenn alle anderen trinken.

Vermisst du den Rausch manchmal?

Gar nicht. Ich habe von Anfang an nie gedacht, dass ich gerne betrunken wäre. Deswegen habe ich das genau auseinandergenommen, was ich denn überhaupt vermisse. Das Einzige, was mir fehlt, ist das Konzept dahinter. Die Vorstellung davon, ein Glas Rotwein in der Hand zu haben. Ich habe mittlerweile aber gar kein Interesse mehr daran, den Augenblick zu verlassen. Es geht ja nicht um die Menge, sondern darum, warum man trinkt.  Menschen trinken nicht nur, weil es gemütlich ist oder schmeckt. Sie trinken,  um Gefühle auszuschalten und zu betäuben. Und wenn du das Negative betäubst, betäubst du auch das Positive, deine Selbstliebe, deine Kreativität, deine Lebensfreude. Aber das muss natürlich jeder selbst erleben, mein Buch soll kein Ratgeber sein. Allerdings sagen alle, die nüchtern leben dasselbe. Mittlerweile ist es ja ein richtiger Trend in den USA.

Schmeckt Alkohol eigentlich nach einer Weile anders?

Ja, wie Hustensaft. Außerdem riecht er seltsam.

Hast du den Alkohol ersetzt?

Am Anfang habe ich ganz viel Zucker gegessen. Dann habe ich auch damit pausiert, ich habe eine Zeit keinen Kaffee getrunken, aber das wurde mir zu asketisch. Außerdem habe ich kompensiert, in dem ich dauernd Vintagekleider im Internet gesucht habe. Man hat auf einmal so viel Zeit – und die Abende sind so lang. Ich war sehr viel für mich auf einmal.

"Warum ist es eigentlich nicht einfach mal okay so zu sein wie wir sind?"

Inwiefern hat sich der Verzicht auf dein Sozialleben ausgewirkt?

Das typische Ausgehen um sich auf einen Drink zu treffen fiel natürlich weg. Ich fand es auch irgendwann – vor allem am Anfang – anstrengend zu sagen, dass ich nicht trinke. Die meiste Zeit war ich sehr fröhlich und glücklich mit meinem Entschluss. Dafür wurde ich oft komisch angeguckt. Einmal hat sogar ein Bekannter gefragt, ob ich sonst noch allen sinnlichen Vergnügungen zugetan wäre. Dieser Zusammenhang wurde häufiger hergestellt. 

Apropos sinnliche Vergnügungen: Ist nüchterner Sex besser?

Sex ohne Alkohol ist viel besser. Weil es so eine richtige Intimität ist. Das Bonding unter Betrunkenen ist ja Fake, das ist nicht echt, sondern künstlich beschleunigt. Ich finde es auch sehr unhöflich, extrem betrunken zu sein. Die Präsenz fehlt doch dann. Mir hat neulich jemand erzählt er müsse trinken, um Frauen anzusprechen, weil er sonst zu schüchtern wäre. Nüchtern ist er aber doch immer noch schüchtern, er verkauft also eine Mogelpackung. Warum ist es eigentlich nicht einfach mal okay so zu sein wie wir sind?

Findest du andere jetzt eigentlich nervig, wenn sie betrunken sind?

Ich gehe dann einfach. Ich bin sicher nicht die, die bis 3 Uhr morgens dabei ist. Wir passen dann nicht mehr zusammen. Die anderen werden dann auch so lustig und blödsinnig und es ist, als ob das schlechte Gewissen, der nüchterne Spiegel mit am Tisch sitzt. Das wollen die anderen nicht, die wollen, dass man mittrinkt. Ich kann das sehr gut verstehen, ich war früher genauso.

Trinkst du mittlerweile wieder?

Mittlerweile habe ich mir zumindest selbst wieder erlaubt zu trinken, wenn ich möchte. Aber interessanterweise will ich gar nicht mehr. 


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