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Ausgezeichnet Aktmodell erklärt: So baut man Hemmungen ab

Aktmodell Blanka Walter: Staffelei mit Leinwand
© chamillew / Adobe Stock
Seit 30 Jahren arbeitet Blanka Walter, 57, als Aktmodell – mit Offenheit, Humor und ohne jede Selbstzweifel. Hier erzählt sie, wie sie Hemmungen abbaut – bei jenen, die sie zeichnen.

Beim Modellstehen versuche ich, keine große Sache daraus zu machen, dass ich nackt bin. Ich komme mit normalen Klamotten in den Zeichenraum, nicht im Bademantel, wie man vielleicht annehmen würde. Während die Schüler ihre Blätter aufspannen, lege ich alles ab. Dabei habe ich mir angewöhnt, die Jeans mit der Unterhose in einem Abwasch auszuziehen. Einen BH trage ich eh nie. So bin ich blitzschnell nackt, und es gibt keinen Stripteasemoment. Dann beginne ich meist mit einem Spruch: "Also – ich begrüße euch in meiner Berufsbekleidung. Die kann ich nicht mal von der Steuer absetzen." Man muss sich in die anderen reinfühlen und die Situation, vor allem für die jungen Leute, auflockern. Ich gehe ja auch in Gymnasien. 

Das war nicht immer so einfach

Diese Souveränität hatte ich bei meiner Premiere vor 30 Jahren noch ganz und gar nicht: Ich stand vor acht älteren Damen, und die Dozentin machte Vorschläge, wie ich mich hinstellen könnte. Ich war wie versteinert, habe geschwitzt, weil ich unbedingt alles richtig machen wollte. Am Ende haben die Frauen mich dann tatsächlich gelobt: "Super gemacht! Tolle Positionen!"

Ich bringe beim Modellstehen immer viel Bewegung in meinen Körper, drehe mich im Brustkorb, schaue über die Schulter, belaste ein Bein mehr als das andere. Das akkurat 40 oder 50 Minuten zu halten ist sehr viel anstrengender, als symmetrisch zu stehen oder zu sitzen, aber interessanter für den Künstler. 

Blanka, du kannst ja mal Modell stehen.

Ich bin damals zufällig über ein Künstlerpaar an den Job gekommen. Die Frau gab Kurse in einer Schule in der Nähe und meinte: Blanka, du kannst ja mal Modell stehen. Ohne groß zu überlegen, habe ich Ja gesagt. Von Kunst hatte ich damals keine Ahnung.

Das Besondere an mir: Ich bin kein stummes Aktmodell. Wenn man einen Menschen vor sich hat, der nur nackig dasteht, traut sich doch keiner hinzugucken. Also fange ich von meinem Podest aus ein Gespräch an und erkläre: "Schaut doch mal, welche Brust höher ist als die andere." Oder ich vergleiche Körperteile mit Nudelsorten: "Findet ihr nicht auch, dass Becken und Brustkorb eine Farfalle bilden?" Dabei denke ich gar nicht darüber nach, dass ich nackt bin. Und die Schüler haben so auch gar keine Zeit für einen blöden Kommentar. Nach der Unterrichtsstunde habe ich sogar schon öfter von ihnen gehört: "Das habe ich mir viel schlimmer vorgestellt."

Woher kommt's?

Warum ich offen mit meiner Nacktheit umgehen kann, weiß ich nicht. Bei uns zu Hause liefen jedenfalls immer alle angezogen herum. Wir sind auch nicht an den Nacktbadestrand oder in die Sauna gegangen. Als ich jung war, wurde ich in der Schule wegen meiner Größe – ich bin 1,82 Meter – schon mal als Bohnenstange gehänselt und war sogar ein eher schüchterner Mensch. Das hat sich über die Jahre gewandelt. Vielleicht auch, weil ich früher als Köchin in einem Badezentrum beschäftigt war, in dem dreimal die Woche FKK angeboten wurde und wo ich dann – als eine der wenigen Angezogenen allerdings – Spanferkel verkauft hab. Ich bin jedenfalls selbstbewusst und zufrieden mit meinem Aussehen. Punkt. Aber bei meiner Arbeit kommt es auch nicht auf einen perfekten Körper an. Den Künstlerinnen und Künstlern ist es sogar oft lieber, wenn das Modell nicht aalglatt ist. Dann hat es meist mehr Ausstrahlung. 

Und wie die Leute mich zeichnen, ist mir egal. Da bin ich unkompliziert und uneitel. Es gab aber auch schon Modelle, die haben sich aufgeregt, weil man sie zu dick oder unförmig aufs Papier gebracht hat. Ich lasse meine Schüler manchmal sogar extra aus mir eine 200-Kilo-Frau machen: "Traut euch! Zeichnet mir fünf Bauchringe!"

Aktzeichnen ist nichts Schmuddeliges!

Obwohl Aktzeichnen in der Kunst als Königsdisziplin gilt und eine anspruchsvolle Wahrnehmungsschulung ist, gerät man als Modell schnell in die Schmuddelecke. Deshalb erzähle ich auch nicht mehr jedem sofort von meiner Arbeit. Und wenn doch, dann erkläre ich den Leuten, dass jeder Mode- und jeder Autodesigner, jeder Architekt und Raumfahrttechniker Aktzeichnen lernen muss. Die können ihren Kunden ja keine Strichmännchen malen. 

Weil mir immer wieder Menschen Akte schenken, die sie von mir gemalt haben, lagere ich inzwischen ein paar Hundert Bilder in meinem Keller. Einen Rückenakt habe ich aufgehängt. Auf dem bin ich mit meinem Hund zu sehen. Den habe ich nämlich manchmal als kleine Zugabe dabei.

Blanka Walter arbeitet nicht nur als Modell, sie gibt (angezogen!) auch Kunstkurse für Erwachsene und Kinder.

Protokoll: Sandra Winkel Barbara

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