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Barbara und Anika Decker "Als blonde Praktikantin fühlte ich mich wie Frischfleisch."

Anika Decker: Drehbuchautorin Anika Decker und Barbara Schöneberger
© Urban Zintel
Barbara und Drehbuchautorin Anika Decker stehen nicht gerade für Prüderie. Aber auf Zuruf eine naturgetreue Klitoris zeichnen, könnte wohl nur eine.

Barbara: Liebe Anika, jetzt im Juli kommt "Liebesdings" ins Kino, der Film, für den du das Drehbuch geschrieben hast …

Anika: … genau, was ja mein Ursprungsjob ist …

Barbara: … und bei dem du zudem Regie geführt hast.

Anika: Das mache ich noch nicht so lange, das dritte Mal jetzt.

Barbara: Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber mich für meine "Verstehen Sie Spaß?"-Sendung darüber unterhalten.

Anika: Mit wem?

Barbara: Mit deinem Hauptdarsteller, Elyas M’Barek. Und eines der ersten Worte, das er dazu sagte, war "Klitoris". Darüber habe ich mich sehr gefreut, ich finde, das Thema hat bislang viel zu wenig Raum im Ersten Deutschen Fernsehen.

Anika: Elyas’ Rolle kommt im Film mit einer feministischen Theatertruppe in Kontakt, was dazu führt, dass er in einer längeren Szene eine Mütze trägt, die so aussieht wie eine Klitoris. Also: wie eine Klitoris wirklich aussieht. Ein längeres Teil mit mehreren Verästelungen und Nebengeländen … Sieht wirklich schön aus, wie eine Blume.

Barbara: Das weiß ja kaum jemand.

Anika: Und darum geht es. Fast jeder auf der Welt kann einen anatomisch korrekten Penis zeichnen. Aber weibliche Sexualität hat in unserer Medienwelt keinen Platz. Konkretes Beispiel: In einer weiteren Filmszene veranstaltet diese Theatertruppe eine Tanzrevuenummer in Tamponkostümen zu "Bleeding Love". Jetzt kommt’s: Dieser Ausschnitt darf im Fernsehen nicht gezeigt werden.

Barbara: Huch. Wieso?

Anika: Weil, so die Begründung, eventuell zuschauende Kinder dadurch gefährdet werden könnten. Jetzt mal im Ernst: Menstruation als Bedrohung? Ein Tabu ist sie allemal. Was sagt das über die Wahrnehmung von Frauen? Und da hört es ja nicht auf. Es gibt immer noch Schulbücher, in denen die Klitoris als kleiner Hubbel dargestellt wird.

Barbara: Das ist bescheuert. Diese Prüderie, diese Neigung, bloß nichts zu sagen oder zu zeigen, an dem irgendwer Anstoß nehmen könnte. Aber so ist Fernsehen. Beim Film gilt das eher nicht, oder?

Anika: Ich bin seit 25 Jahren im Filmgeschäft, und ich würde unterscheiden in vor und hinter der Kamera. Also: Dass Elyas in "Liebesdings" eine Klitoris-Mütze trägt, das ist in dem Kontext, in den ich sie stelle, eine Art von Derbheit, die in einer Komödie gut geht.

Barbara: Und hinter der Kamera?

Anika: Wäre es schön gewesen, wenn den Leuten schon früher bewusst gewesen wäre, was sie sagen. Da hätte ich mir vor einem Vierteljahrhundert einen Hauch weniger Stammtischstimmung gewünscht.

Barbara: Was war da los?

Anika: Damals bin ich als unwissende blonde Praktikantin ans Set oder ins Produktionsbüro gekommen und fühlte mich wie Frischfleisch. Für jeden, ohne Altersgrenzen. Da wurde ich – und übrigens jede andere Frau auch – von quasi allen Gewerken einmal abgecheckt.

Barbara: Und das hat dein 23-jähriges Ich schon ganz reflektiert wahrgenommen?

Anika: Na klar. Ich wurde in diesen ersten Jahren zu so vielen Geschäftsessen mitgenommen, bei denen ich erkannte: Meine Anwesenheit wäre rein jobmäßig komplett unnötig, ich hatte da eigentlich nichts zu tun … Bis ich begriff, worauf die Sache hinauslief.

Barbara: Wie schrecklich!

Anika: Absolut. Also: Es war nicht so, dass ich in eine Besenkammer gezerrt wurde. Aber es gab diese Situationen, die irgendwie … dazwischen waren. Wenn jemand sagte, er wolle "hinterher noch zwei, drei Sachen mit dir durchgehen". Die haben mir Angst gemacht.

Barbara: Und das ist heute anders?

Anika: Nicht unbedingt in den Köpfen. Aber es wird definitiv mehr aufgepasst, was man sagt oder tut. Das hat #MeeToo verändert. Ich finde das sehr angenehm. Gehört das schon zur Nacktheit, über die du mit mir sprechen wolltest?

Barbara: Ganz genau. Aber jetzt möchtest du bestimmt von mir wissen, wie ich mit den Hunderttausenden von Pornobildern umgehe, die im Internet von mir kursieren.

Anika: Mit den … was?

Barbara: Wenn man bei Google "Barbara Schöneberger nackt" eingibt, findet man die wunderbarsten Pornoszenen mit mir.

Anika: Aber das ist doch fake, oder?

Barbara: Also bitte! Natürlich. Da setzen sich allen Ernstes Leute hin und montieren meinen Kopf auf die Körper kopulierender Frauen.

Anika: Warte, das muss ich eben googeln … Huch. Ja, wirklich! Das ist ja … du meine Güte. Und dieses! Wie du guckst dabei!

Barbara: Ja, an das Originalbild kann ich mich erinnern. Da war ich auf einem roten Teppich unterwegs, voll bekleidet übrigens.

Anika: Okay. Jetzt will ich es wissen: Was macht das mit dir?

Barbara: Zum einen habe ich mich wirklich schon mehrfach darüber kaputtgelacht.

Anika: Verstehe ich. Allein deine Blicke, die so gar nicht zu dem passen, was untenrum passiert … Und zum anderen?

Barbara: Rührt es mich.

Anika: Wieso das denn?

Barbara: Na, sieh’s mal so: Da setzt sich ein Mensch …

Anika: … mit höchster Wahrscheinlichkeit ein Mann …

Barbara: … abends hin und verwendet seine Freizeit darauf, aus digitalen Bildern von mir säuberlich den Kopf auszuschneiden, um ihn dann in diesen Kontext zu fügen. Dass sich jemand diese Arbeit macht! Das ist doch toll!

Anika: Aber wirklich nackt im Fernsehen oder auf Fotos, das warst du noch nie, oder?

Barbara: Nee.

Anika: Warum?

Barbara: Es hat niemand gefragt.

Anika: Glaube ich nicht.

Barbara: Stimmt auch nicht. Der "Playboy" hat sich dafür in immer größeren Abständen regelmäßig angeboten, mittlerweile machen sie das in einem Abwasch mit dem Blumenstrauß und der Karte zu meinem Geburtstag. Aber apropos Geburtstag: Ich bin jetzt 48, und ich merke schon, dass ich … sagen wir mal: unsicherer werde mit mir und meiner eigenen Nacktheit.

Anika: Ich werde demnächst 47 und kann das bestätigen. Komisch, oder? Wir sind gestandene Frauen in den besten Jahren, haben in unseren Bereichen Erfolg – für Männer wäre das Grund genug, sich überhaupt nicht mehr anzuziehen. So im übertragenen Sinne, meine ich.

Barbara: Das muss an dem gängigen Bild von weiblicher Nacktheit liegen, und das wird immer noch bestimmt von Frauen, die halb so alt sind wie wir und bei denen Cellulite kein Thema ist. Wenn ich so drüber nachdenke: Zuletzt kam vom "Playboy" auch nur noch die Karte, keine Blumen. Wahrscheinlich gibt es die technischen Möglichkeiten, mich an dieses gängige Bild anzupassen, doch noch nicht.

Anika: Also, ich würde mich sofort nackt fotografieren lassen.

Barbara: Wirklich?

Anika: Na klar. Nur nicht für diese einschlägigen Zeitschriften. Der Kontext muss stimmen. Wenn es zum Beispiel die Kunst erfordert. Wenn es für einen guten Zweck wäre. Oder die Künstlerin toll ist. Wenn jetzt Annie Leibovitz um die Ecke käme und mich unbekleidet fotografieren wollte – so schnell, wie ich ausgezogen wäre, könntest du gar nicht gucken. Es geht nicht um Nacktheit per se. Es geht um Vertrauen und die Plattform, wo diese Nacktheit erscheint.

Barbara: Hm. Weiß ich nicht. Das war vielleicht in den 1980ern so. Aber wenn mich Annie Leibovitz heute fotografiert, wäre das ja zugänglich für alle. Und wenn sich jemand über, nur so zum Beispiel, mein Engagement für frühkindliche Bildung informieren will, stößt er bei der Recherche auf das Leibovitz-Bild. Früher war es eine Episode. Heute ist alles für immer verfügbar. Anika: Das stimmt natürlich.

Barbara: Und ich wüsste auch nicht, was mir das bringen sollte. Außer, dass ich einen gewissen Voyeurismus bediene. Aber du musst dir sicher ständig Gedanken darüber machen, wie viel du zeigst – nicht von dir, sondern von den Schauspielerinnen und Schauspielern, denen du die Rollen auf den Leib schreibst.

Anika: Und das ist ein großes Thema bei denen, aus den Gründen, die du gerade erwähnt hast. In "Liebesdings" gibt es auch eine sehr schöne, höchst erotische Liebesszene …

Barbara: Ach, echt? Elyas nackt?

Anika: Nee, der hat ein T-Shirt an, und auch von seiner Filmpartnerin Lucie Heinze sieht man weder primäre noch sekundäre Geschlechtsmerkmale.

Barbara: Moment mal: Du hast die Nacktszene nicht gedreht, um deine Schauspieler zu schonen?

Anika: Nee. Weil die Szene keine Nacktheit brauchte.

Barbara: Wie viele hast du denn bisher insgesamt gebraucht als Regisseurin?

Anika: Warte, da muss ich eben zählen. Genau … null. Ich will gar nicht ausschließen, dass es mal irgendwann passiert, aber ich habe das bisher nie nötig gehabt.

Barbara: Und wie war das bei Filmen, für die du ausschließlich als Autorin verantwortlich warst – wurde dir da nahegelegt, Nacktszenen reinzuschreiben?

Anika: Ist vorgekommen. Es gab diesen einen Studioboss, der über eine Schauspielerin gesagt hat: Wenn ich die kaufe, will ich Titten und Arsch sehen.

Barbara: Und? Hast du beides reingeschrieben?

Anika: Selbstverständlich nicht. Weißt du, bei einem Film wie "Basic Instinct" verstehe ich Nacktheit. Aber einfach nur für die Geilheit finde ich sie stumpf und einfallslos. Wenn ich zeigen will, wie sich ein verschlossener Mensch in jemanden verliebt, dann brauche ich Innigkeit und Hingabe. Das kann mir eine Brustwarze nicht erzählen.

Barbara: Verstehe ich. So, jetzt kommt ein harter Schnitt, ich möchte mit dir noch über eine andere Art von Nacktheit reden. Du hast vor drei Jahren dieses Buch geschrieben.

Anika: Du meinst: "Wir von der anderen Seite", meinen Roman.

Barbara: Ja. Wobei, und darum geht’s mir: Es ist ja deine eigene Geschichte, die du da beschreibst. Mit der du dich auch ziemlich nackig gemacht hast, finde ich.

Anika: Das stimmt nicht: Es ist die Geschichte meiner Romanfigur Rahel. Selbst erlebt aber ist alles, was medizinisch ist: Ich habe über meine Sepsis geschrieben, die ich vor elfeinhalb Jahren erlitten habe.

Barbara: Du wärst daran sogar fast gestorben.

Anika: Meinen Eltern wurde in der Tat schon angeraten, meine Beerdigung zu organisieren, das ist richtig.

Barbara: Was ist da passiert?

Anika: Ich hatte einen Nierenstein, von dem ich nichts wusste. Der hat sich verkantet und Abflüsse gestaut.

Barbara: Und du hattest starke Schmerzen.

Anika: Das, was ich hatte, nennt man "Vernichtungsschmerz". Da ist der Name Programm. Aber es war Heiligabend und Notbesetzung in der Klinik, keiner hat’s erkannt. So konnte es zu dieser Sepsis kommen, mit neun Tagen im künstlichen Koma und der tatsächlich verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit, dass ich das überlebe.

Barbara: Interessant ist auch, wie das berufliche Umfeld von Rahel mit der Situation umgegangen ist. Nämlich: nicht gut. Mit Unverständnis. Sie ist ja, wie du, Drehbuchautorin.

Anika: Stimmt.

Barbara: Ist dir das so passiert?

Anika: Es gibt Parallelen. Ich muss dir ja nicht erzählen, dass es in der Unterhaltungsbranche absolut unmöglich ist, nicht immer strahlend, nicht immer fit, nicht immer zu allem bereit zu sein. Wir sind alle selbstständig, auch du. Wir müssen immer funktionieren, Krankheit findet bei uns nicht statt.

Barbara: Wer sich also mit seiner Verletzlichkeit zeigt …

Anika: … macht sich wirklich nackt. Und zwar auf eine Art, die Studiobosse definitiv nicht wollen. In meinem Fall hieß das, dass ich auf einmal nicht mehr abliefern konnte. Damit kam kaum jemand klar.

Barbara: Deine Sepsis ist schon über ein Jahrzehnt her, das Buch dazu aber erst vor drei Jahren erschienen. Wieso?

Anika: Weil es eine Irrsinnszeit gedauert hat, das Ganze zu verarbeiten. Ich brauchte meine Zeit – auch für die Recherche. Ist ja am Ende nicht wirklich meine Geschichte.

Barbara: Warum eigentlich nicht?

Anika: Weil ich bei einer Autobiografie auch die Rolle anderer hätte beschreiben müssen, und das wollte ich einfach nicht. Aber eine Sache spielt bestimmt auch eine Rolle.

Barbara: Welche denn?

Anika: Ich erzähle nun mal für mein Leben gern Geschichten. Ich kann nicht anders.

ANIKA DECKER wurde 1975 in Marburg geboren. 2007 schrieb sie das Drehbuch zu "Keinohrhase"“, seit 2015 führt sie auch Regie, aktuell im Kino: ihr Spielfilm "Liebesdings". 2019 erschien ihr Roman "Wir von der anderen Seite" (Ullstein). Decker lebt mit ihrem Mann in Berlin.

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