VG-Wort Pixel

Berührend Erfahrungsbericht: Wie ich bei einer Tantramassage richtig losließ

Zwei Frauen massieren sich
© Roy JAMES Shakespeare / Getty Images
Monatelang liegt der Gutschein auf dem Schreibtisch von Autorin Tina Molin. Ihre Heilpraktikerin hatte ihr eine Tantramassage empfohlen. In ihrem Buch "Endlich wieder Lust auf Sex" schreibt sie unter anderem darüber, was passierte, als sie sich endlich überwindet.
von Tina Molin
Als Tina Molin Mutter wurde, waren sie plötzlich weg – die Lust und die Lebenslust. Und das ging nicht nur ihr so – die Frauen in ihrem Bekanntenkreis berichteten ganz Ähnliches, ob mit oder ohne Nachwuchs, mit oder ohne Partner, in hetero-, homo- und diverssexuellen Beziehungen. Weil kein Sex definitiv keine Lösung  ist, hat sich Tina Molin auf die Suche nach ihrer inneren ›Wild Woman‹ begeben. Sie besuchte Tantra-Workshops und Kuschelpartys, gemeinsam mit und ohne ihren Partner und hat sich beim Zervix-Dearmouring auf ungeahnte Weise stimulieren lassen. Über all diese Erfahrungen, achtsame Sexualität, Lust, Heilung und Weiblichkeit schreibt sie in diesem Buch.
Cover Buch
© PR

Keinen Bock mehr

"Ich habe keine Lust mehr. Auf nichts mehr", platzte es zu meiner eigenen Überraschung aus mir heraus. "Es ist, als ob ich nicht da wäre." Die Tränen liefen mir nur so runter. "Als ob ich nur noch im Kopf existieren Würde." Sie reichte mir ein Taschentuch. "Alles unterhalb meines Halses fühle ich gar nicht mehr."
"Sie sollten eine Tantramassage machen, damit Sie sich wieder mit Ihrem Unterleib verbinden", sagte sie. "Was ist eine Tantramassage?", fragte ich und schniefte. "Tantra stammt aus Indien und ist ein spiritueller Weg, ähnlich wie Yoga. Bei der Tantramassage geht es um ein sehr achtsames Ritual, bei dem der ganze Körper – und eben auch der Intimbereich – berührt und massiert wird. Gerade Frauen hilft die Tantramassage, traumatische Erlebnisse, die ihren Schoßraum betreffen, loszulassen und zu verarbeiten", erklärte sie.

Tantramassage: Darf ich das?

Ich blicke auf den Gutschein. Darf ich das?, frage ich mich. Darf ich zu jemand Fremdem gehen, um mir Lust verschaffen zu lassen? Im Bett mit meinem Freund herrscht fast schon seit zwei Jahren Flaute. Der erste Kuss nach der Geburt war ein Schock. Irgendwie passten unsere Münder nicht mehr zusammen. Dauernd prallten die Zähne aufeinander. Auch beim Sex lief es nicht mehr so geschmeidig wie früher. Meine erogenen Zonen schienen erloschen. Berührungen, die mich früher in Flammen gesetzt haben, entlocken mir nur noch ein müdes Lächeln. Mein Körper reagiert nicht mehr so, wie er soll. Kein Wunder, dass meine Lust auf Sex gleich null ist. Wenn das Feuer nicht brennt und die Flüsse nicht überlaufen, dann herrscht eben Flaute. Ebbe. Oder eben: Lustlosigkeit.

Vielleicht kann dich jemand anderes auf Touren bringen...

...höre ich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf. Ich werde rot. Die Idee, einen Profi zu erleben, erscheint mir auf einmal total verlockend. Nicht jemand, der Sex quasi wie wir alle Learning by Doing gelernt hat, sondern einen Sexological Bodyworker, der Sexualität und Lust studiert hat. Mit Diplom.
Meine Neugier ist geweckt. Ich rufe bei einem Institut für Tantramassagen in Westberlin an. "Du solltest mehr Zeit buchen", rät mir der Mann am Telefon. Zwei Stunden erscheinen ihm zu wenig. "Frauen brauchen länger, um locker zu werden", erklärt er. Er empfiehlt mir drei Stunden. Ich buche schließlich zweieinhalb Stunden. Für 220 Euro! Da überlegt man sich jede halbe Stunde mehr.

Bitte keine Räucherstäbchen

Ich bin nervös, als ich die Kantstraße entlanglaufe. Ich habe das Tantra-Institut mit der edelsten Webseite ausgesucht. Ich will keine Räucherstäbchen, Buddhafiguren und Klangschalenmusik haben, während mir jemand die Klitoris massiert. Was für eine Schnapsidee!, schimpfe ich mit mir. Nun habe ich doch ganz schön Muffensausen. Gleich werde ich nackt vor einer Masseurin liegen (zu einem Mann will ich auf gar keinen Fall, das fühlt sich zu sehr wie betrügen an). Ich spüre, wie meine Hände feucht werden. Angst macht sich breit. Was ist, wenn ich da auch keine Lust empfinde? Was ist, wenn ich nie wieder Lust empfinde? Was wird aus mir? Was wird aus uns? Ich atme tief ein und aus, um mich zu beruhigen.
Hilft nichts, mein Herz rast weiter. Na gut, Augen zu und durch, denke ich und drücke die goldene Klingel an dem prunkvollen Altbau. Eine wunderschöne Frau mit schwarzen kurzen Haaren und dunklen Augen öffnet mir in einem schwarzen Negligé́. Sie lächelt mich freundlich an, und ich folge ihr durch einen langen, hohen Flur mit Stuck und Flügeltüren, ein dicker Teppich schluckt meine Schritte. In einem Salon mit Kamin bleibt sie stehen. Es ist ein großer Raum, der schlicht, aber stilvoll eingerichtet ist wie in einem Fünf-Sterne-Hotel. Sie nimmt mir mit langsamen Bewegungen meinen Mantel ab, reicht mir so anmutig wie eine Geisha Handtuch, Sarong sowie Pantoffeln und deutet auf das Badezimmer. In der Dusche verbiete ich mir, groß nachzudenken. Ich bin froh, dass ich es noch geschafft habe, mich zu rasieren. Ich trockne mich schnell ab und gehe, nur mit dem Sarong bekleidet, in das von ihr genannte Zimmer.
Sie sitzt neben einer Kingsize-Matratze und wartet bereits auf mich. Mit tiefer Stimme und leichtem Akzent stellt sie sich vor: Aleksandra Veronika ist ihr Name. Ob sie wirklich so heißt oder es ein Pseudonym ist, frage ich mich, als ich von der weichen Stimme gefragt werde: "Warum bist du hier?". Ich erzähle kurz vom Kaiserschnitt und der Lustlosigkeit. Ich will nicht zu viel sagen, denn ich habe Angst, mich selbst zu blockieren. Ich will mich nicht schon wieder jammern hören, dass ich nichts fühlen, dass ich keine Lust empfinden könne. Das ist so deprimierend. Dem neuen Liebhaber schmiert man seine ganzen Probleme ja auch nicht gleich beim ersten Date aufs Brot, denke ich.

"Möchtest du auch intim berührt werden?"

fragt mich Aleksandra Veronika. Ich nicke. Sie schaut mir tief in die Augen und sagt mit ihrem weichen Singsang: "Gehe nur so weit, wie es sich für dich gut anfühlt. Gehe verantwortungsvoll mit dir um."
Ob sie Französin ist, frage ich mich, als ich zitternd vor Aufregung nur mit dem Sarong bekleidet auf der Matratze stehe. Die Liegewiese ist beheizt, und wohlige Wärme krabbelt von meinen Füßen nach oben. Die Masseurin kniet sich vor mir nieder und legt ihre Stirn auf den Boden vor meinen Füßen. Was für eine demutsvolle Geste, denke ich berührt. Ich fühle mich plötzlich so wertvoll, wichtig und geachtet. Sie küsst meinen rechten, dann meinen linken Fußrücken. Das ist so intim, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Sie zeigt mir an, dass ich mich auf den Rücken legen soll. Ich lege den Sarong zur Seite und tue, wie mir geheißen. Zu meinem Erstaunen zieht sich die Masseurin nun ebenfalls aus. Was folgt, ist eine mal behutsame, mal kraftvolle Massage. Sie streicht meine Beine und Arme aus, streichelt meinen Bauch, die Innenschenkel und knetet sogar meine Ohrmuscheln. Da drin bin ich tatsächlich noch nie berührt worden. Alles ist sehr sinnlich, sanft und entspannend. Mal haucht sie mir über die Haut, mal spüre ich ihre Brustwarze auf meinem Oberarm, und meine Hand liegt unentwegt auf ihrem weichen Schenkel.

Ich fange an zu weinen

"Atme nun in deinen Bauch und stöhne beim Ausatmen", sagt sie. "Das verbindet dich mit deinem inneren Körper." Brav befolge ich die Anweisung und muss fast lachen. Stöhnen ohne Erregung fühlt sich komisch an. Was die im Nachbarzimmer wohl denken? Plötzlich streicht sie sanft über meine Kaiserschnittnarbe – ich breche in Tränen aus. Ich spüre das Skalpell wieder, wie es sich durch meine Haut zieht. Ich spüre die Angst, die Panik und den Druck im Bauch beim Zunähen. Aber auch die Trauer und das Versagen. Ich weine. Es ist das zweite Mal, dass ich dem Raum geben darf – und ich lasse los. Ich weine weiter, die Tränen scheinen kein Ende zu nehmen. Ein Schütteln durchläuft meinen Körper, ich beiße die Zähne zusammen und brülle plötzlich den Schmerz raus. Aleksandra Veronika sitzt einfach nur neben mir, sie sagt nichts, urteilt nicht und kommentiert nicht.
Als ich mich gesammelt habe, soll ich wieder stöhnen, denn nun ist meine Yoni, wie sie die Vulva nennt, dran.
Ganz vorsichtig streicht sie darüber. Sie liebkost sie mit genauso viel Langsamkeit und Konzentration wie vorhin meine Ohrmuschel. Meine Vulva fühlt sich zum ersten Mal in meinem Leben wie ein ganz normaler Körperteil an. Kein Wunsch steckt dahinter, dass ich jetzt erregt werden, feucht werden oder kommen muss.
Das nimmt den Druck raus, entspannt mich noch mehr – ich komme.
Das Universum öffnet sich. Licht umspült mich. Ich stehe zwischen den Sternen, schaue in die Unendlichkeit und staune. »Deine Zeit ist um«, flüstert mir Aleksandra Veronika sanft ins Ohr. Ich weiß nicht, wie lange ich da gelegen und in die Unendlichkeit geblickt habe. "Ich hätte doch drei Stunden buchen sollen", keuche ich grinsend. Aleksandra Veronika setzt sich zu mir auf die Matratze. Sie reicht mir den Sarong und eine Tasse Tee.

"Wie fühlst du dich?"

fragt sie. Ich setze mich auf und lege meine Finger um die heiße Tasse. Ich kann noch ein Zittern in mir fühlen. Ist es die Erschöpfung? Schließlich habe ich vorhin sehr geweint. Oder doch die Erregung?
"Ich bin glücklich", sage ich.
Neugierig schaue ich sie an. "Was war das denn?", frage ich und erzähle vom Universum, den Sternen und dem Licht, das ich vor meinem inneren Auge gesehen habe.
"Sex kann so viel mehr sein", sagt sie geheimnisvoll.
"Warum mag ich dann keinen mehr haben?", frage ich. Ich klinge frustriert und ärgere mich darüber.
"Der Gebärmutterhals ist das Kraftzentrum der Frau", erklärt Aleksandra Veronika. "Der Kaiserschnitt geht da genau drüber und hat dich von deiner Lebensenergie abgeschnitten." Das leuchtet mir total ein. "Außerdem ist die Gebärmutter ein Muskel und kann daher Traumata speichern", sagt sie. Ich schaue sie fragend an. "Die Geburt war wohl traumatisch für dich. Die Ängste, die Panik und den Kummer hast du in der Gebärmutter gespeichert. Die ist dann verhärtet, so, wie Schultern sich versteifen, wenn man sie immer nach oben zieht. Wenn die Gebärmutter verhärtet, dann empfinden Frauen nicht mehr viel. Denn eigentlich braucht es gar nicht viel Reibung für einen Orgasmus, viel eher Entspannung." Ich nicke. Verstehen tue ich es nicht richtig, denn ich bin auf einmal so müde. Ich will nur noch heim. Ich fühle mich so weich, offen und durchlässig. Ich gönne mir ein Taxi, denn auf Menschenmassen in der S-Bahn habe ich gerade keinen Bock.
Tina Molin
© Denise Siegel
Tina Molin, 1973 in Wien geboren, hat als Journalistin die Musikwelt und das Nachtleben von Berlin und Hamburg erforscht. Seit der Geburt ihrer Tochter widmet sie sich auf ihrem Blog www.happyvagina.de den Themen Sexualität, Lust und Weiblichkeit und schreibt zu diesen Themen in der Welt am Sonntag, Cosmopolitan und Refinery29.
Barbara

Neu in BARBARA