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Female Health Week

Experteninterview Unser Zyklus hat mehr Einfluss auf unser Leben, als wir denken

Einfluss des Zyklus
© OvulaRing / PR
Stimmungsschwankungen und PMS? Kennen wir und finden wir jedes Mal aufs Neue ätzend. Unser Zyklus macht schon seltsame Dinge mit uns. Doch er hat einen weitaus größeren Einfluss auf unseren Körper als "nur" für Fruchtbarkeit und Periode zu sorgen. Der Experte Prof. Dr. med. Alexander beantwortet uns fünf Fragen über unseren Zyklus, die uns bisher garantiert noch nicht klar waren. 

Barbara.de: Hallo Prof. Alexander,  mit Zyklus verbinden wir Frauen meist ausschließlich PMS, Periode und Eisprung. Dabei hat er mehr Einfluss auf unser Leben als wie annehmen. Welche Bereiche betrifft das?

Prof. Alexander: Der Zyklus hat einen sehr großen Einfluss auf viele wichtige Lebensbereiche der Frau. So werden vor allem Stimmungslage, Belastungsfähigkeit,  körperliches und psychisches Befinden, Hautbild sowie Lust und  Fruchtbarkeit durch die zyklischen Veränderungen beeinflusst. Viele Frauen sind sich dessen aber nicht bewusst. Sie klagen über periodisch auftretende Beschwerden wie Stimmungsschwankungen, Unterleibs- und Rückenschmerzen, Migräne und Abgeschlagenheit, bringen diese aber nicht unmittelbar mit ihrem Zyklus in Verbindung. An anderen Tagen aber sind sie energiegeladen und wie ausgewechselt! Grund dafür sind die hormonellen Veränderungen im Verlauf des Zyklus.

Inwieweit beeinflusst unser Zyklus unser mentales Wohlbefinden?

Tatsächlich sehr stark. Auf der einen Seite gibt es Tage, an denen sich die Frauen besonders vital und attraktiv fühlen. Das trifft bei den meisten Frauen vor allem auf die erste Zyklusphase und ihre fruchtbare Phase zu. Auf der anderen Seite klagen viele Frauen aber in den Tagen vor ihrer Periode über Symptome des prämenstruellen Symptoms (PMS) wie Reizbarkeit, Ängste, Lethargie und Depressionen. Bei einigen gehen die Beschwerden so weit, dass sich ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit in ihnen ausbreitet, manche Frauen haben emotionale Zusammenbrüche oder sogar Suizidgedanken. Ein normaler Alltag ist für die betroffenen Frauen gar nicht mehr möglich. Grund dafür sind die starken Hormonschwankungen während des Zyklus.

Kurz vor dem Eisprung ist der Hormongehalt des Östrogens im Körper der Frau am höchsten. Östrogen hat auch einen stimmungsaufhellenden Effekt, sodass sich die meisten Frauen in dieser Phase sehr gut fühlen. Mit dem Eisprung setzt dann die Produktion von Progesteron ein, welches dem Stimmungshoch meist entgegenwirkt. Zusätzlich fällt das Östrogen stark ab. Wie sehr eine Frau auf diesen stimmungsverändernden Effekt reagiert, ist von verschiedenen Faktoren abhängig, z.B. von ihrer Persönlichkeit, ihren Genen oder dem Stresslevel. Bei schweren psychischen Störungen sollte sie immer unbedingt eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen, denn diese Symptome können auf die prämenstruelle dysphorischen Störung (PMDS) hinweisen – die schwerste Form von PMS.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zyklus und körperlicher Gesundheit bzw. auch Autoimmunerkrankungen?

Der Zyklus ist der Seismograph für die Gesundheit einer Frau. Das wissen und fühlen die Frauen selbst. Wenn ein zuvor ungestörter Zyklus Unregelmäßigkeiten aufweist, sind die Frauen deshalb auch schnell verunsichert. Bei langanhaltenden Störungen, aber besonders beim Ausbleiben der Regelblutung sollte ein:e Frauenärzt:in aufgesucht werden. Der Zyklus selbst spielt keine Rolle bei der Entstehung einer Autoimmunerkrankung. Dagegen beeinflusst eine Autoimmunerkrankung jedoch das Zyklusgeschehen negativ.

Ist es sinnvoll, Ernährung, Sport und Lifestyle auf den Zyklus abzustimmen, so gut es geht?

Ja, es ist durchaus sinnvoll, die Lebensrhythmen an den Zyklus anzupassen. Während der einzelnen Zyklusphasen benötigt die Frau z.B. auch verschiedene Nährstoffe, so ist eine eisenreichere Ernährung während der Periode sinnvoll, um einem Eisenmangel vorzubeugen. Frauen können sich Rat bei ihrer:m Frauenarzt:ärztin einholen oder sich an zertifizierte Ernährungsberater:innen wenden, um ihre Ernährung an den Zyklus anzupassen.

Im Leistungssport rückt mehr und mehr ein zyklusbasiertes Training in den Fokus der Sportlerinnen und Trainer:innen. Dabei geht es zum einen um Leistungsoptimierung, aber auch um das Vermeiden eines Übertrainings und eventuell daraus resultierende Zyklusstörungen. Auch für die Verringerung des Verletzungsrisikos ist zyklusbasiertes Training wichtig. Vor allem um den Eisprung herum ist die Verletzungsgefahr der Gelenke bei den Sportlerinnen sehr hoch. Frauen können außerdem nicht jeden Tag die gleiche sportliche Höchstleistung erbringen, wie Männer es können. Dies wurde lange Zeit schlichtweg ignoriert.

Allgemein ist es wichtig, auf die Signale des Körpers zu achten und diese auch im Alltag nicht zu ignorieren. Während der Periode wünschen sich viele Frauen eine Entschleunigung und viel Ruhe. In der Follikelphase, also nach der Periode, sind viele Frauen besonders energiegeladen und kreativ. Zum Eisprung hin erfahren Frauen in der Regel ein Leistungshoch und haben auch eine besonders hohe Libido. Das hängt vor allem mit dem erhöhten Östrogenspiegel zusammen. Vor allem während der zweiten Zyklusphase, also nach dem Eisprung, erleben Frauen aber häufig einen Abfall ihrer Leistungsfähigkeit.

Inwiefern hat Alkoholgenuss Einfluss auf unseren Zyklus und auch andersherum? Gibt es da Zusammenhänge?

Alkohol kann das Zyklusgeschehen und die Fruchtbarkeit negativ beeinträchtigen. Das trifft vor allem bei einem ausgeprägten Alkoholkonsum zu, denn Alkohol verändert die Hormonspiegel. Es kommt zu einem Anstieg der Östrogene und Androgene. Zyklusunregelmäßigkeiten der Regelblutungen können dabei die Folge sein. Einige Auswirkungen sind aber auch noch nicht sicher zuzuordnen. Es handelt sich dabei um komplexe zelluläre Störungen im Reproduktionssystem. Wenngleich gegen einen geringen Alkoholkonsum nichts einzuwenden ist, sollte bedacht werden, dass Alkohol nicht nur toxisch für die Leber und das Gehirn, sondern bei Kinderwunsch auch für einen Embryo ist.

Warum ist es so wichtig, sich intensiv mit dem Zyklus zu befassen?

Durch die genaue Beobachtung ihres Zyklus kann die Frau ihre Körpersignale richtig deuten und fühlt sich weniger ihrem Zyklus „ausgeliefert“. Wir wissen: Der Zyklus ist so individuell wie ein Fingerabdruck, deswegen ist es sinnvoll und ratsam, den Zyklus genau zu verfolgen - und das nicht nur bei bestehendem Kinderwunsch. Durch eine genaue Zyklusbeobachtung weiß die Frau ganz genau, wo sie gerade im Zyklus steht und kann so die Stärken und Vorteile der einzelnen Zyklusphasen besser im Alltag für sich nutzen. 

Prof. Alexander
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Prof. Dr. med. Henry Alexander (*22.12.1946 in Zwickau) ist ein deutscher Arzt für Frauenheilkunde. Seine Fachgebiete sind Humane Reproduktion, Endokrinologie und Sexualmedizin. Er war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2012 Stellvertreter des Klinikdirektors der Universitätsfrauenklinik Leipzig. Als Reproduktionsexperte hat er im Laufe von 40 Jahren als Arzt über 600 Kindern mittels künstlicher Befruchtung auf die Welt verholfen. Der Leipziger Spezialist für Kinderwunschbehandlung steht auf der Liste der deutschlandweit besten Ärzte.

Er ist einer der ersten Ärzte in Deutschland gewesen, der Frauen mit der IVF zum Kind verhalf und er setzt sich heute für eine individuelle Dosierung der Hormone bei der IVF ein: "Nicht nur bei der Verhütung, sondern auch bei der künstlichen Befruchtung sollte das Ziel die Redunktion von Hormonen sein. Und das ist inzwischen auch alles ziemlich gut machbar, weil der Zyklus besser erforscht wurde.“ Dazu bei trägt auch seine eigene Entwicklung: Ein Ring der in der Vagina getragen wird und der konstant die Körperkerntemperatur misst, um den Zyklus zu tracken. OvulaRing zeigt nicht nur Eisprung und fruchtbaren Tage an, sondern die Frau erfährt auch, ob ihr Zyklus gesund ist. In Zukunft wird der Wirkungsradius von OvulaRing noch erweitert werden, damit z. B. auch Menschen mit Rheuma oder Multiple Sklerose davon profitieren können.

Barbara

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