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Mindful Masturbation Lieber lange lieben statt kurzer Quickie?

Routinierte Selbstbefriedigung: Autorin Antonie Hänel
© Maximiliane Wittek / Barbara
Gut, wenn Selbstbefriedigung selbstverständlich ist. Aber gehen wir dabei zu routiniert vor? Unsere Autorin hörte davon, dass aus Solo-Sex innige Liebe werden kann. Und war: tief berührt.

Versuchsobjekt: Antonie Hänel, die bisher eine, nun ja, sehr effiziente Art der Selbstbefriedigung im Repertoire hatte

Testumgebung: So viel vorab: nicht nur das Schlafzimmer

Mission: Selbstliebe zum Anfassen!

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich sitze im Schneidersitz auf einer Yogamatte in meinem Wohnzimmer, zwischen meinen Beinen surrt ein Vibrator, und die Frau auf Youtube will mich umbringen. Ich soll erst minutenlang rhythmisch ein- und aus-atmen und dann die Luft anhalten. Lange. "Noch ein bisschen länger", sagt sie, während mir ganz anders wird. Aber nicht auf die gute Art. Kurz bevor ich in Ohnmacht falle, erlaube ich mir, zu atmen, klappe mit letzter Kraft den Laptop zu und sinke entnervt in die Matte.

Ist das schon alles?

Seit ich als junges Mädchen aufgehört habe, mich an Kuscheltieren zu reiben, und angefangen habe, meine Finger für dieses schöne Gefühl "da unten" zu benutzen, hat sich in Sachen Selbstbefriedigung bei mir nicht viel verändert. Für einen Orgasmus brauche ich lediglich zwei Finger und fünf Minuten. Keine Verführung, kein Vorspiel, keine Variation – von einem Mann würde ich mir das nicht bieten lassen. Warum also gebe ich mich bei der Masturbation damit zufrieden?

Ich bin nicht die Erste mit diesem Gedanken. Mit der Corona-Pandemie kam auch der Sex-Trend "Mindful Masturbation" auf. Achtsame Selbstbefriedigung soll nicht nur zu besseren Orgasmen führen, sondern auch zu mehr Selbstliebe. Spätestens da war ich überzeugt, Selbstliebe ist bei mir schon lange Thema. Wenn mir eine pastellfarbene Kachel auf Instagram den Tipp gibt, ich solle netter zu mir sein, schreit mich meine innere Stimme an: "Hast du gehört, Bitch? Sei netter zu dir!" Und wenn Sex in Partnerschaften die Liebe stärkt, warum sollte Sex mit mir selbst nicht dasselbe bewirken?

Sich selbst besser kennenlernen

Masturbations-Yoga ist allerdings nicht mein Weg zu mehr Selbstliebe, so viel ist sicher. Stattdessen suche ich nun auf der Website OMGyes.com nach Inspiration, wie ich meinen Solo-Sex auf das nächste Level heben kann. Die Seite ermutigt Frauen mit expliziten Videoanleitungen dazu, ihre Körper zu erforschen. Einer der Tipps lautet, sich selbst hochzuschaukeln, also kurz vor dem Orgasmus abzubrechen und wieder von vorn anzufangen. Ich gehe sofort in die Praxis über, bin aber nach den ganzen Videos schon so angeturnt, dass ich mich selbst nicht mehr stoppen kann. Mist, das ging sogar noch schneller als sonst.

Besser erst mal die Theorie studieren: die Masterclass von Sextherapeutin Emily Morse. Sie erklärt, dass es bei der "Kraft der achtsamen Selbstbefriedigung" einzig und allein darum gehe, neugierig zu sein: "Das Ziel ist das Erforschen, nicht der Orgasmus." Ich soll mir Zeit nehmen, mich selbst verführen. "Was tust du, wenn ein Lover zu Besuch kommt? Tu das für dich selbst." Alles klar. Ich gehe unter die Dusche, creme mich ein, zünde Kerzen an und starte meine sexy Playlist. Ich soll mich wahrnehmen, lautet die Ansage, auch visuell. Emily Morse fragt, ob ich meine Vulva in einer Reihe Vulven erkennen würde. Daran habe ich ernsthafte Zweifel, ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal angesehen habe. Also hole ich den Spiegel und spreize die Beine. Eigentlich ganz hübsch, denke ich ein bisschen stolz. Und gehe dann mit ganz neuem Vulva-Selbstbewusstsein ins Bett und mache mich ans Werk.

Ich bin horny und hab zu tun!

Aber Masturbieren ohne Orgasmus ist schwieriger als Meditieren ohne Abschweifen. Ich muss mich ständig daran erinnern, es ruhig angehen zu lassen. Darin habe ich keine Übung. Ich werde ungeduldig. Was soll das hier? Ich bin horny und hab zu tun! Die Wäsche, der Einkauf, die Rechnungen … Nein, Fokus! Hier bleiben, im Moment sein, neue erogene Zonen suchen, die Berührung spüren. Ich verdrehe die Augen und spüre gar nichts. Uninspiriert streiche ich über meine Handfläche, Oberschenkel, Ellbogen und bemühe mich, nicht einzuschlafen. Offenbar langweile ich mich mit mir selbst.

Als ich in einer Pfütze aus ausgelaufenem Gleitmittel wieder aufwache, kommt mir ein unheilvoller Gedanke: Was, wenn nicht die Selbstbefriedigung die Selbstliebe schafft, sondern Selbstliebe Vorausset-zung für achtsame Selbstbefriedigung ist? Eigentlich logisch: Wenn ich auf meinen Freund wütend bin, will ich ihm ja auch nicht nahe sein. Wieso sollte ich mir Liebe gönnen, wenn ich mich gerade nicht mag? Aber so schnell gebe ich nicht auf. Mit steigender Verzweiflung und der Abgabefrist für diesen Artikel im Rücken versuche ich die nächsten Tage alles, um doch noch eine Verbindung zu mir aufzubauen: Ich benutze Sexspielzeug, ich probiere es mal mit der linken Hand, ich setze auf den Überraschungsmoment (schon mal am Küchentisch masturbiert?). Ich bin in dieser Woche wirklich extrem befriedigt, aber mehr tut sich nicht.

Diese Zeit im Monat ...

Ein Ereignis pusht meine Masturbations-Challenge dann vollkommen unerwartet: Unterleibskrämpfe aus der Hölle. Passiert mir jeden Monat, aber so heftig war es lange nicht. Ich wickle mich um meine Wärmflasche, nehme zwei Ibuprofen und leide. Einen ganzen Tag lang, bis in die Nacht hinein, bis ich endlich einschlafen kann. Am nächsten Morgen hat sich etwas verändert. Mein Unterleib hat sich beruhigt, es geht mir wieder gut, ich kann durchatmen. Und durch die plötzliche Abwesenheit des Schmerzes verspüre ich eine ganz andere Verbundenheit zu meinem Körper.

Wer schon mal von krassen Zahn- oder Kopfschmerzen erlöst worden ist, dürfte wissen, was ich meine: Der Normalzustand ist der Himmel. "Du famoses Wunder, du!", überschütte ich meinen Körper jetzt mit Komplimenten. "Wie schön es mit dir ist, wie toll du funktionierst, was du alles möglich machst, wie lieb ich dich habe!" Ich verspreche ihm, mir heute nur Gutes zu tun. Ich gehe laufen, benutze das teure Shampoo, bekoche mich selbst, biete mir das ganze Verwöhnprogramm, gehe sehr früh ins Bett und mache Musik an. Jetzt bin ich in der richtigen Stimmung.

Und endlich verstehe ich es. In völliger Dankbarkeit für meinen schmerzlosen Körper höre ich auf, ein bestimmtes Gefühl zu verfolgen, und nehme nur wahr. Meine Fingerkuppen lassen eine Gänsehaut nach der anderen über meinen Körper huschen. In den Innenseiten meiner Oberarme entdecke ich die versteckten erogenen Zonen, von denen Emily Morse gesprochen hat. Anstatt mich anzuspannen, konzentriere ich mich darauf, tief zu atmen, wenn die Erregung steigt. Und wenn es zu heiß wird, mache ich an anderer Stelle weiter, wie es mir die Videos gezeigt haben.

Bitte mehr davon!

Und ich habe Spaß dabei. Ich will es herauszögern, in die Länge ziehen, ich will noch mehr davon haben. Ich weiß nicht, ob es an dem ausführlichen Vorspiel liegt, an der Dankbarkeit für meinen schmerzfreien Körper oder am neuen Vibrator mit Stoßfunktion (absolute Empfehlung!) – aber der Orgasmus beim großen Finale entlädt sich mit einem Schrei. Ist mir vorher auch noch nicht passiert.

Beim Blick auf die Uhr wird mir klar, dass ich mich fast eine Stunde selbst geliebt habe. Im wahrsten Sinne des Wortes. Danach fühle ich mich nicht nur befriedigt, sondern auch stolz, tiefenentspannt und irgendwie vollkommen, als läge ich in meinen eigenen Armen. Nachdem der Rausch der Glückshormone nachlässt und ich wieder klar denken kann, habe ich eine Erkenntnis. Selbstliebe bedeutet nicht, dass man sich von oben bis unten und von außen bis innen perfekt finden muss. Selbstliebe entsteht auch schon durch simple Dankbarkeit. Zum Beispiel für den funktionierenden Körper oder für die Möglichkeit, Berührungen spüren zu können und Gefühle empfinden zu können. Und so kann aus profaner Masturbation eine Liebeserklärung an sich selbst werden.

Barbara

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