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Die Pille für den Mann Ein Appell für Verantwortung

Die Pille für den Mann – ein Appell für Verantwortung
Die Pille für den Mann könnte bald Realität werden – doch auch für unsere Gesellschaft?
© ljubaphoto / Getty Images
Die Pille für den Mann könnte bald Realität werden. Allerspätestens jetzt sollte man über die Verantwortung des Mannes beim Thema Verhütung sprechen.

Es wird als medizinischer Durchbruch gehandelt: Ein US-amerikanisches Team hat ein orales Verhütungsmittel mit der wenig klangvollen Bezeichnung YCT529 in einer Studie an Mäusen getestet – mit Erfolg: zu 99 Prozent hat das Mittel die gewünschte Wirkung erzielt. Doch es gibt viele Zweifler:innen, die die "Pille für den Mann" deswegen noch lange nicht in den Regalen der hiesigen Apotheken sehen – auch nicht in weiter Zukunft. Die Gründe dafür mögen mannigfaltig sein, ich selbst sehe hierbei allerdings ein ganz bestimmtes Problem: Ein medizinischer Durchbruch bedeutet leider noch lange keinen gesellschaftlichen. Grund genug, einen Appell an die Verantwortung für den Mann zu verfassen.

Verhütung ist Frauensache

Die Pille für den Mann: Verhütung ist Frauensache
Sehr schnell wurde Verhütung rein die Angelegenheit der Frau.
© Peter Dazeley / Getty Images

Bisher lastet das Thema Verhütung tendenziell auf den Schultern der Frau (bzw. der Person mit Uterus). Sicher, es gibt Kondome, mit denen sich der Mann (bzw. Mensch mit Penis) bestücken kann, wenn er sich in das sexuelle Abenteuer stürzen möchte. Kommt nur leider nicht so gut an; bei manchen Frauen nicht und noch weniger bei manchen Männern. Laut einer Studie zu Gesundheit und Sexualität gaben lediglich 39 Prozent der befragten Single-Männer an, beim Sex immer ein Kondom zu verwenden. Warum der Rest lieber drauf verzichtet, hat man sicherlich schon oft gehört und wird auch von 40 Prozent der Befragten bestätigt: Es sei einfach weniger "lustvoll" mit Kondom. Und wer möchte darauf schon verzichten, gerade beim Sex? Erst einmal zweitrangig, dass es auch Studien gibt, die dieser weit verbreiteten Annahme widersprechen, wie beispielsweise eine Untersuchung aus 2018, die 4.000 Männer und Frauen nach dem Sexualleben befragte und zu dem Ergebnis kam, dass die Befragten keinen Unterschied beim Sex bemerkten – ob mit oder ohne Kondom. 

Doch wenn das Kondom aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Debatte steht, sei es für eine oder beide Parteien, bleibt den Liebenden nur das Ausweichmanöver auf Alternativen, wenn sie denn nicht voneinander ablassen wollen. Und die sind – in einer überwältigenden Mehrheit – für Frauen gedacht. Da gibt es

  • Die Pille
  • Die Minipille
  • Die Dreimonatsspritze
  • Den Vaginalring
  • Die Hormonspirale
  • Die Kupferspirale
  • Das Hormonimplantat 
  • Das Verhütungspflaster

… Um nur einige wenige zu nennen. Die unterschiedlichen Verhütungsmittel gibt es in allen denkbaren Farben, Formen und Auswirkungsmaßen auf den menschlichen Körper. Und sie werden – gelinde gesagt – nicht unbedingt hinterhergeworfen, die Pharmazie lässt sie sich einiges kosten. Pro Familia fasste vor einigen Jahren die Kosten (die inzwischen gestiegen sein dürften) tabellarisch zusammen: Von 3,92 Euro bis 495 Euro kann das sexuelle Vergnügen, bei dem auf das Happy End (auch "Baby" genannt) verzichtet werden soll, beide Liebenden kosten, je nachdem, ob man sich für eine Pille oder ein System zur Temperatur- und Hormonmessung entscheidet, ob man ein Zäpfchen oder eine Spirale im Körper bevorzugt und so weiter. Also 1,96 Euro bis 247,50 Euro pro Person – würde man denn teilen.

Aber nicht selten darf die Frau nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch gleich noch mit ihrem Portemonnaie herhalten, wenn der Sex denn "safe" sein soll. Aber es ist ja nicht so, dass sie das nicht schon gewohnt ist, schließlich kostet das "Frau sein", wenn wir uns der (leider) vorherrschenden heteronormativen Gesellschaftsvorstellungen bedienen, nicht wenig und im Zweifel mehr als dem Mann das "Mann sein". Die Frau zahlt mehr für ihr Deo, den Rasierer, den Besuch bei Friseur:innen, Make-Up … und die Pille reiht sich da sehr gut ein, denn die kostet tendenziell mehr als das Kondom. Unpraktisch, dass die Frau generell weniger zum Ausgeben zur Verfügung hat – dem Gender Pay Gap sei Dank, der auch 2021 wieder einmal gezeigt hat: Ja, die Frau verdient immer noch weniger als der Mann. Pro Stunde weiterhin 18 Prozent weniger, um genau zu sein.

Die Auswahl für den Mann ist gering – warum eigentlich?

Jetzt kann man sagen: Was bleibt dem Mann denn anderes übrig? Natürlich könnte er das mindeste tun und die Hälfte für die Verhütungsmittel dazugeben. In vielen Beziehungen (aber eben sicherlich nicht allen) ist das heutzutage auch eine absolute Selbstverständlichkeit, je nachdem, in welcher sozialen Blase man sich aufhält. Für meine Freund:innen gibt es da nichts zu diskutieren, aber im Gespräch mit einer von ihnen waren wir uns schnell einig, dass man diesen Umstand schwerlich auf ganz Deutschland projizieren könnte. Möglich wäre übrigens auch, dass der Mann die Hälfte zahlt und 18 Prozent obendrauf – schließlich hat er diese Prozente offenbar seinem Penis zu verdanken und der spielt beim sexuellen Akt eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Alternativ könnte er auf die (bisher) recht spärlichen Verhütungsmethoden für Männer zurückgreifen und auch hier kann man sagen: Was bleibt dem Mann da eigentlich übrig? An Mitteln hat er das umstrittene Kondom, die unwiderrufliche Methode der Sterilisation … und das war’s dann auch schon. In der Entwicklung sind Mittel wie das Vasalgel, Testosterongel, die Testosteronspritze und eben die Pille für den Mann. 

Da muss man sich doch fragen: Gibt es so wenig Angebot auf dem Markt, weil es so schwer ist, ein Verhütungsmittel für Männer herzustellen? Unwahrscheinlich, nicht erst die Corona-Pandemie und das Herstellen von Impfstoffen in Rekordzeit hat gezeigt, dass die Wissenschaft zu Großem in der Lage ist, wenn der Druck stark genug ist und alle an einem Strang ziehen. Liegt es am fehlenden Markt? Kurzum: nein. Es gab 2020 laut Statista über 41 Millionen Männer in Deutschland, daran dürfte sich in den letzten zwei Jahren nicht allzu viel geändert haben. Die meisten davon sind zwischen 25 und 59 Jahre alt – also im besten Alter in puncto Gehalt und Libido (die bei manchen ja nie so wirklich nachlässt). Und ich erinnere noch einmal an den Gender Pay Gap: Diese Leute haben Geld, im Durchschnitt mehr als die Frauen, also auch daran kann es kaum scheitern. Einen Hinweis darauf, warum es noch längst keinen Durchbruch beim Thema männliche Verhütung gab, bietet Jana Pfenning vom Berliner Verein Betterbirthcontrol im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk: 

"Man bräuchte ungefähr 30 bis 50 Millionen Euro, um ein Verhütungsmittel für Männer auf den Markt zu bringen. Und wenn dieses Geld bereitgestellt wird, sowohl von der Pharmaindustrie als auch von der Politik, dann könnte man es schaffen, ein gutes medizinisches Produkt auf den Markt zu bringen, was allen Männern oder Paaren weltweit helfen könnte."

Möchte die Pharmaindustrie also den eigentlich willigen Männern ein eigenes Verhütungsmittel streitig machen? Wahrscheinlich nicht. Man möchte wohl einfach kein Geld in etwas investieren, was nicht mit Sicherheit am Markt ankommt. Und eine Notwendigkeit besteht ja auch nicht, schließlich gibt es mehr als genug Verhütungsmittel für Frauen, die "dankbar" angenommen werden, warum also Vielfalt schaffen, nach der – scheinbar – nicht gefragt wird? 

Bei der Pille für den Mann handelt es sich, wie bereits erwähnt, um einen medizinischen Durchbruch – von einem gesellschaftlichen kann aber noch keine Rede sein. Denn, wie ebenfalls bereits ausgeführt: Die Gesellschaft in Deutschland geht beim Thema Verhütung davon aus, dass sich die Frau zu kümmern hat, schließlich wird nur sie zur Kasse gebeten. Sind wir nicht inzwischen so weit, dass Verhütung eine Selbstverständlichkeit für beide Seiten darstellt – sie beidseitig zu beachten und vor allem zu finanzieren? Sollten wir es nicht sein? Zu der zweiten Frage: Himmel, ja! Zu der ersten: Tendenziell nicht, über die gesamte Gesellschaft und alle Altersgruppen betrachtet sogar ganz bestimmt nicht.

Die Pille für den Mann ist längst überfällig

Die Pille für den Mann ist längst überfällig
Gleichberechtigung muss auch ein Thema bei der Verhütung werden.
© VectorMine / Shutterstock

Der Optimist in mir sieht in der Pille für den Mann eine wichtige Bastion für dieses Geschlecht gefallen: Nein, nicht nur die Frau kann verhüten, ohne dass "Gefühl" verloren geht, nicht mehr die Frau muss herhalten und teils krasseste Nebenwirkungen auf ihren Körper und ihre Psyche erdulden. Die Nebenwirkungen, die einhergehen mit der Pille für den Mann, sind aktuell noch nicht einzuschätzen, es fehlt an Studien am Menschen, um Sicherheit zu haben. Aber gönnen wir uns doch einen Moment der unangenehmen Ehrlichkeit: Welche Nebenwirkungen werden denn für Frauen bei der Pille seit Jahrzehnten geduldet? Ein Auszug:

  • Übelkeit
  • Kopfschmerzen
  • Blutungsstörungen
  • Eierstockzysten
  • Psychische Beeinträchtigungen durch Stimmungsschwankungen
  • Gemindertes sexuelles Verlangen

Und wer darauf verzichten möchte, wer sich und den eigenen Körper nicht solchen oder anderen Nebenwirkungen von Verhütungsmitteln ausgesetzt sehen möchte, der verzichtet eben auf Sex. Oder lässt sich überreden bzw. wird selbst unvorsichtig und neben Geschlechtskrankheiten als mögliche Konsequenz dieser Entscheidung gibt es eben auch die Schwangerschaft, die Frau wortwörtlich auch allein zu tragen hat.

Natürlich soll es hier nicht darum gehen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten – es geht darum, dass nun die andere Seite am Zug ist, Verantwortung zu übernehmen. Eher noch, schon immer am Zug war und endlich aktiv werden sollte. Eine Last wie die der Verantwortung trägt sich leichter auf vier Schultern, in jedem Bereich des Lebens. Der Optimist hofft, dass es immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden wird, finanzielle Mitverantwortung zu übernehmen. Dass sich nicht auf dem ausgeruht wird, "was eben so ist", sondern sich zu fragen, warum es denn so ist und ob es denn so bleiben muss und vor allem sollte. Die Politik, von der Frau Pfenning im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk sprach, das sind nicht nur alte weiße Männer (und ein paar Frauen). Das sind alle Menschen in Deutschland, denen es möglich ist, in einem gemeinsamen Willen vereint, Themen wie männliche Verhütung auf die politische Agenda zu bringen. Die Pharmazie ist am Ende aller Tage auch nur eine Vielzahl von Unternehmen, die vom Interesse des Markts (ergo: der Konsument:innen) abhängig ist und sich nach deren Willen richtet. Die Verantwortung liegt nicht woanders, sondern bei jedem einzelnen Menschen – ob mit oder ohne Penis, aber vor allem mit.

Der Zyniker in mir fragt sich allerdings, wie es sein kann, dass wir bei "Designerbabys" (einem zuvor erwähnten möglichen Ergebnis von Sex) schon so viel weiter sind als beim Thema Verhütung für den Mann. Warum es eher kostenfreie Verhütungsmittel für Frauen mit wenig Geld gibt, als eine faire Aufteilung auf beide Seiten. Die Gleichberechtigung wird vom zynischen Ich als sehr bröckeliges Fundament betrachtet, auf dem unsere Gesellschaft die Zukunft erbauen möchte – brauchte es doch nicht mehr als ein Virus, um die Aufgabenteilung im Haushalt mehrere Jahrzehnte zurückzuwerfen, wie nicht nur die Bertelsmann Stiftung berichtete: Wenn nämlich klar ist, dass die Frau an den Herd muss und die Kinder von ihr betreut werden sollen, weil die Kitas geschlossen sind und der Mann weiterarbeitet, da er mehr verdient, weil er einen Penis hat. 

Die Pille galt einmal als Symbol für die Unabhängigkeit der Frau, für Entscheidungsgewalt, die in den 60er-Jahren so selten von der Frau ausgeübt werden konnte. Doch irgendwie, schaut man auf die Liste der Nebenwirkungen und die Einstellung der Gesellschaft zum Thema Verhütung, war es lange ein ziemlich hohles Symbol. Sie kann aber (wieder) zu einem werden – wenn denn nun der Mann bereit ist, sich seiner Verantwortung zu stellen.

Verwendete Quellen: acs.org, liebesleben.de, tandfonline.com, gesundheit.gv.at., profamilia.de, destatis.de, de.statista.com, br.de, sbk.de, bertelsmann-stiftung.de, bmfsfj.de, srf.ch

Barbara

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