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Samenspende In Spendierlaune zur Samenbank

Samenspende: bunte Luftballons auf hellblauem Hintergrund
© OlliUlli / Adobe Stock
Geht einer in Spendierlaune zur Samenbank … Was wie ein schlechter Witz beginnt, entwickelt sich für unseren Autor zur existenziellen Frage.

Das hatte ich mir einfacher vorgestellt. Eine Mittagspause, die ich ganz entspannt mit mir selbst verbringen würde. Hinterher: ein herrliches, ein gutes Gefühl – denn ich hätte mir einen runtergeholt und damit eine gute Tat vollbracht. Nun blicke ich doch etwas beschämt zurück. Wie banal und gleichzeitig überheblich. So kenne ich mich gar nicht.

Von vorn. Es beginnt: kinderleicht. Die Samenbank, die ich für mein Vorhaben aufsuche, befindet sich direkt um die Ecke von meinem Zuhause, wo ich meist auch arbeite. Dass ich mir dann kein bisschen sonderbar vorkomme in den Räumen der European Sperm Bank, muss daran liegen, dass es in dem Hamburger Ableger des dänischen Unternehmens aussieht und zugeht wie in einer Designagentur mit einsehbarem Laborbereich. Das Team ist jung und lässt einem gar keine Chance, peinlich berührt zu sein. Hej, denke ich – Hygge meets Hightech. Was ich hier will, steht überall geschrieben – an der Wand, auf Formularen, auf den T-Shirts der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: "Give Life". Um den Slogan windet sich ein stilisiertes Spermium, und das Logo schraubt sich sogleich in meinen Kopf: Leben schenken, genau. Bin dabei.

Und zwar aus verschiedenen Gründen. Im Freundeskreis habe ich miterlebt, wie aufreibend der Weg zum Wunschkind sein kann: Eine Freundin und ihr Partner fanden erst mit über 40 heraus, dass er quasi unfruchtbar ist. Dass es letztlich geklappt hat mit ihrem Familienglück, ist einer Samenspende zu verdanken. Und die Vorstellung, dass auch ich anderen dabei helfen könnte, ein Kind zu bekommen, finde ich einfach schön. Vor allem, weil ein Arzt mir einmal begeistert diagnostizierte, wie gut ich in Schuss sei. Nach einem umfangreichen Check und mehreren Blutproben befand er, ich möge "bitte mindestens zehn Kinder zeugen", solche hervorragenden Werte habe er selten gesehen. Ehrlich: Ich kam mir vor wie Superman, erinnerte ihn trotzdem vorsichtshalber daran, dass ich nicht auf Frauen stehe. "Egal", meinte er. Gut, diese Anekdote ist zehn Jahre her, der Befund hat eventuell an Aussagekraft verloren. Dass mein Sperma aber damals nicht mal Teil der Untersuchung war, wird mir jetzt erst so richtig klar. Heute ist das erste Mal, dass es unters Mikroskop kommt.

Im Probenraum

Deshalb bin ich nun ganz für mich, im Probenraum sozusagen – ich muss das so nüchtern formulieren, denn Erotik findet hier auf den ersten Blick nicht statt. Aber richtig klinisch ist es auch nicht: schönes Licht, wenige, aber wohnliche Möbel. Inspiration könnte ich mir über einen Touchscreen-Monitor holen. Für mich sieht das aus wie ein behaglich eingerichtetes Wartezimmer. Worauf warte ich?

Über das Thema Vaterschaft habe ich mir im Laufe meines Lebens oft Gedanken gemacht. Vielleicht häufiger und intensiver als viele Hetero-Männer, die – so empfinde ich es jedenfalls – oft selbstverständlich bis beiläufig Kinder zeugen. Die Idee von mir als Vater flackerte in meinem gesamten Erwachsenenleben immer mal wieder auf, meist etwas unkonkret, denn meine Partner waren nie wirklich darauf aus und mir selbst war meine Unabhängigkeit auch immer wichtig. Zurzeit bin ich Single. Und fast Mitte 40. Und die Frage, ob ich später allein sein werde oder einsam, die Frage, was von mir überhaupt einmal bleibt … ist das mehr als Midlife-Gegrübel? Gerade hält es mich jedenfalls von meinem Auftrag im Probenraum ab. Und solche Fragen haben hier auch gar nichts zu suchen. Denn – das hatte Roja Barikin, Spenderkoordinatorin der Samenbank und Biologin, im Vorgespräch deutlich gemacht: "Die Männer, die zu uns kommen, wollen Spender werden, nicht Väter." Das ist gesetzlich auch ausgeschlossen: Seit dem Samenspenderregistergesetz von 2018 kann ein Spender nicht mehr als rechtlicher Vater festgestellt werden, also nie unterhalts- oder erbpflichtig sein. Er erhält aber ein Infoschreiben, falls ein Kind geboren wird – um auf eine eventuelle, spätere Kontaktaufnahme vorbereitet zu sein. "Den Männern raten wir", sagt Roja Barikin, "sei offen für einen einmaligen Kontakt. Mehr kann, muss aber nicht stattfinden." Ohnehin wollen nur zwei von 100 Kindern persönlichen Kontakt, heißt es.

Würde ich dieses Infoschreiben ganz unten in eine Schublade legen? Oder käme es gerahmt an die Wand? Ich muss grinsen. Um sofort darauf sentimental zu werden: Falls ein Kind geboren wird. Wird es "mein" Kind gut haben in seiner Familie? Würde ich die Jahre zählen, bis es groß genug wäre, um eines Tages doch vor meiner Tür zu stehen? So richtig abstrakt kann ich das Thema offenbar nicht halten.

Samenspende ist nicht anonym

Die Kinder dürfen mit 16 Jahren erfahren, durch wen sie gezeugt wurden – anonyme Samenspende ist in Deutschland verboten. Theoretisch könnten aus einer meiner Spenden sogar mehrere Kinder entstehen: Aus einer Probe werden je nach Zellmenge mehrere sogenannte Halme gezogen. Ein Halm ist das, was letztlich den Empfängerinnen und Empfängern – Hetero-Paaren, zwei Frauen oder Single-Frauen – in Kooperation mit einer Fruchtbarkeitsklinik verkauft wird. Für rund 900 Euro. Ein Schnäppchen für mein Erbgut, oder? In Deutschland könnte ich so bis zu 15 Wunschkinder produzieren, weltweit sogar um die 25 – vorausgesetzt, ich spendete regelmäßig, einmal pro Woche, wofür es 40 Euro "Aufwandsentschädigung" gäbe.

Ich tippe lustlos auf dem Touchscreen durch das Angebot von Youporn und Tube8. Der Gang zur Samenbank wird für mich ganz sicher keine Beschäftigung auf lange Sicht: Die European Sperm Bank akzeptiert Spenden von Männern zwischen 18 und 45, denn danach werden die Samenzellen schlapper und, wie ihre Produzenten, anfälliger für Krankheiten. Bei mir ist es also altersmäßig kurz vor knapp, und wenn ich mich jetzt nicht endlich konzentrieren beziehungsweise entspannen kann, wird das nichts.

Ich kann. Für kurze, wertvolle Sekunden und einen pflichtschuldigen Orgasmus lassen sich all diese Gedanken abstellen. Blick in den Becher. Ob das reicht? "Bitte nicht strecken", hatte Roja Barikin eben noch gesagt. Mannomann: "Manche Spender vermischen ihre Probe mit Wasser. Das tötet die Zellen ab."

Schwarz auf Weiß

Jetzt geht es sofort ins Labor, ich darf mitgucken, sehe am Bildschirm ein psychedelisches Wuselbild in Schwarz-Weiß. "Was ist das Knäuel da rechts?", frage ich, "ein mutiertes Riesenspermium?" – "Eher eine Mini-Fussel", beruhigt mich die Laborleiterin. "Wir schauen, wie viele Spermien in der Probe sind, laut Empfehlung der WHO brauchen wir weit über 20 Millionen pro Milliliter", erklärt sie. Dann werde geprüft, ob sie sich in die richtige Richtung bewegen. Und ob sie sich bei minus 196 Grad Celsius in Flüssigstickstoff einfrieren und wieder auftauen lassen. Direkt neben uns stehen Tanks, in denen solche Proben lagern. Bei dem Prozess gehen natürlich Zellen drauf. Auch für sie als Biologin sei es "ein Wunder, dass da überhaupt was überlebt". Die Großaufnahme meines Spermas lässt mich kurz ehrfürchtig werden. Da ist auf den ersten Blick genug Leben drin, würde ich sagen.

Give Life. Nur rund fünf Prozent der Anwärter schaffen es, hier offiziell Spender zu werden. Für den aufwendigen Prozess der "assistierten Reproduktion" sucht die European Sperm Bank so was wie Germany’s Next Supersperm – um Krankheiten auszuschließen und für eine hohe Erfolgsquote. Wie jeder Kandidat müsste auch ich im Verlauf des "Castings" zwei taugliche Proben abgeben. Dann einen Fragebogen ausfüllen, mit Angaben zu Hobbys und Charakterzügen. Dann käme die Familienanamnese und eine Blutuntersuchung auf wichtige Erbkrankheiten, Drogen und Psychopharmaka, ein Ganzkörpercheck, ein persönliches Interview.

Zwei Tage später weiß ich Bescheid: Die erste Probe hat nicht ganz gereicht, die Beweglichkeitsquote ist einen Tick zu gering. "Keine Sorge, das ist oft tagesformabhängig", sagt man mir. Ich werde zu einem zweiten Termin eingeladen. Den absolviere ich vorbildlich – mit weniger Kopfkino und Topsperma! Jetzt bin ich also im Recall für eine weitere Probe. Meine Gefühlslage kriege ich aber noch nicht ganz zusammen: Da ist die etwas seltsame Erleichterung darüber, dass ich wohl zeugen könnte – eigentlich irrelevant, weil ich mich ja nicht in Familienplanung befinde. Und die Erkenntnis, wie sehr ich abgetrennt wäre von dem ganzen Vorgang, nachdem ich mein Sperma abgegeben hätte – welches doch immerhin zu 50 Prozent an einem Kind beteiligt wäre. Sollte es dazu kommen, dass ich den Fragebogen ausfülle, wüsste ich zumindest, was ich bei den Charaktereigenschaften eintrage: romantisch, besitzergreifend und tendenziell nachdenklich.

Der Prozess der Samenspende ist anonym. Deshalb schreibt unser Autor nicht unter seinem richtigen Namen

Barbara

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