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Kolumne Selbstoptimierung untenrum: Üben für den Orgasmus?

Karina Lübke: eine Frau in Unterwäsche hält einen weißen Rahmen vor ihren Körper
© Jacob Lund / Shutterstock
Die Selbstoptimierung dringt in die letzte Nische vor: Wir Frauen mögen bitte üben, vaginale Höhepunkte zu erleben. Unsere Autorin: kommt gar nicht mehr runter.

Liebes Leben! Du weißt, ich bin eine große Befürworterin von Höhepunkten aller Art. Und ich stimme dir zu, dass man einen funktionalen Beckenboden gar nicht hoch genug schätzen und ziehen kann. Doch aktuell fühle ich mich sexuell belästigt von einem Überangebot an Kursen und Büchern, die Frauen offensiv nahelegen, sich in Heimarbeit hochzuschlafen: "Werde zur Sexgöttin!" Wow. Geht das bitte eine Nummer kleiner? Und weniger zeitraubend? Laut dem Bestseller "Coming soon. Orgasmus ist Übungssache – In 10 Schritten zum vaginalen Höhepunkt" von Sexologin Dania Schiftan soll Frau sich dafür monatelang jeden Tag innerlich im Uhrzeigersinn befingern, um ihre persönlichen Hotspots freizulegen wie Rubbellose in der großen Orgasmus-Lotterie. Hauptsächlich, damit sie durch die gängige Penis-in-Vagina-Penetration endlich nicht mehr zu kurz beziehungsweise gar nicht kommt, wie es statistisch leider immer noch in zwei Dritteln der Fälle der Fall ist.

Weitere aktuelle Lehrbücher auf dem Markt heißen "Der Super-Orgasmus", "Hand drauf!" oder "Komm, wie du willst". Ja, was denn nun? Typisch, dass diese Anleitungen – oder: Anforderungen? – sich nur an Frauen wenden. Zwischen "Ich befasse mich lustvoll mit mir selbst, damit ich weiß, was ich will" und "Schatz, bleib liegen, ich mach (mir) das schon" ist es ein schmaler Grat. Ausgerechnet Frauen, die in ihrem Leben wirklich schon genug getan, perfektioniert und sich für alle mitgestresst haben (und zudem durch Stimulation von Vulva und Klitoris durchaus Orgasmen erleben), sollen nun zusätzlich auf vaginale Orgasmen beim Verkehr umschulen – damit der Kerl sich dabei nicht nur mitgemeint fühlen darf, sondern als stolzer Verursacher? Nee, lass mal stecken. Klappt das dann trotzdem nicht, ist nicht er, sondern mal wieder sie selbst schuld. Nicht genug geübt.

Schluss mit dem neuen Leistungsdruck, auch noch im Bett Karriere als "Pussy-Magierin" machen zu müssen, was modern als "Female Empowerment" verkauft wird. Denn schnell sind wir da beim alten Freud, der einst dem weiblichen Geschlecht vorschrieb, nur vaginale Orgasmen durch Penis-Penetration wären die wahren, reifen, die ein albernes Mädchen von der ehefähigen Frau unterscheiden würden. Seitdem steckt das in den Köpfen und Körpern. Sexualtherapeuten von heute predigen zwar, jede und jeder sei selbst für Lust und Orgasmus verantwortlich. Doch wozu bräuchte man dann noch einen anderen Menschen im Bett und so was wie erotische Chemie? Sexspielzeug, Heizkissen für warme Füße und Netflix würden es ersatzweise doch auch bringen. Crazy Idee: Kann Mann vielleicht auch mal was im Hormonhaushalt tun? Sich Lehrbücher kaufen, diese lesen, verinnerlichen, ausprobieren – und nicht denken, Pornos zu gucken müsste als Fortbildung genügen? Vielleicht sogar mal die Partnerin fragen, wie sie es will, und es einfach tun? Dann würden ihm auch Amatösen ohne Sexgöttin-Zertifickat liebend gern entgegenkommen.

Karina Lübke lebt und liebt in Hamburg. Sie lässt sich – ist unser Eindruck – ungern etwas vorschreiben.

Barbara

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