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Vaginale Atrophie Das Schicksal unserer Vagina, wenn wir älter werden

Papier in Form von Vagina
© njekaterina / Getty Images
Es heißt, der beste Trick des Teufels war es, die Welt davon zu überzeugen, dass er nicht existiert. So kann er immer versteckt Unheil anrichten. Wenn es einen Teufel in der Gesundheit der weiblichen Sexualität gäbe, wäre er in den Augen von Gynäkologin Sheila de Liz die vaginale Atrophie. Was sich dahinter verbirgt, erklärt sie unter anderem  in ihrem Buch "Woman on Fire".
von Sheila de Liz

Vaginale Atrophie wird im Volksmund mit dem vergleichsweise harmlosen und völlig irreführenden Begriff der Scheidentrockenheit bezeichnet. Doch dahinter verbirgt sich wesentlich mehr. Die vaginale Atrophie betrifft mindestens 70 Prozent (!) aller Frauen jenseits der Menopause – also eigentlich fast alle – und wurde jahrzehntelang totgeschwiegen. Selbst von den gynäkologischen Fachgesellschaften und der Pharmaindustrie wurde die vaginale Atrophie ignoriert.

Vaginale Atrophie: Was genau bedeutet das?

Die vaginale Atrophie ist – wie fast alle postmenopausalen Krankheiten – ein schleichender Prozess, der sich über Monate und Jahre hinziehen kann. Verursacht wird sie durch Östrogenmangel, der sich zuallererst in einer Ausdünnung der Schleimhaut am vaginalen Eingang bemerkbar macht. Von allen Seiten des Einganges gibt es ein Areal, das am intensivsten auf den Hormonmangel reagiert; das ist von dir aus betrachtet, wenn du nach unten schaust, der unterste Punkt des Einganges, am Übergang von der feuchten zur trockenen Haut. Wenn man von vorne auf die Vulva drauf schaut, nennt man dieses Areal auch 6 Uhr.

Warum immer hier zuerst?

Illustration Vagina
© Luisa Stömer

Es ist so, dass die Vagina hier am intensivsten und am aller dichtesten von Rezeptoren, den Andockstationen der Hormone, besiedelt sind. Das hat einerseits zur Folge, dass wir bei sexuellen Handlungen gerade am Eingang am empfindlichsten sind, andererseits aber auch, dass wir Hormonmangel dort als Erstes spüren. Tatsächlich kann die vaginale Schleimhaut bei der Untersuchung als eine Art Hormonstand-Anzeiger dienen und man so beurteilen, wie gut die Versorgung mit Hormonen im Körper generell ist.

Wie zeigt sich die vaginale Atrophie?

  • Vaginale Atrophie macht sich durch Jucken, Brennen oder Schmerzen beim Sex, und ja, auch Trockenheit im Allgemeinen und beim Sex im Besonderen bemerkbar.
  • Die Haut sieht nicht mehr aus wie der rosarote Panther, sondern an den Seiten eher blassrosa wie ein Ballettschuh oder auch dunkelrosa, ins Bordeaux gehend. Gerade bei 6 Uhr. sieht man oft auch ganz feine Gefäße, die man sonst nie sieht, weil sie bei gesunder Schleimhaut in der Tiefe liegen.
  • Mit den Jahren wird die Haut wird immer dünner und empfindlicher.
  • Die Vagina verliert zunehmend an Elastizität und dehnt sich nicht mehr so gerne.
  • Der Eingang beginnt, bei jedem Sex einzureißen. Der Damm wird ebenfalls oft starr und gibt weniger nach. Irgendwann fängt der Eingang schließlich an zu schrumpfen, sodass jede Penetration sehr schwierig wird – sowohl mit einem Penis als auch mit einem Dildo. Frauen, die jahrelang nicht mehr ihre Vagina benutzt haben, haben oft nur noch einen sehr kleinen Eingang, in dem nur noch ein kleiner Finger oder in Extremfällen ein Wattestäbchen Platz findet.
  • Die Haut wird Taschentuchpapier-dünn und brennt bei Berührung und oft auch beim Pinkeln.
  • Viele Frauen können nicht mehr enge Jeans tragen oder länger sitzen, was Fahrradfahren, Reiten oder Filmabende unmöglich macht.

Weshalb ist das so?

Wir wissen also jetzt: Die vaginale Atrophie ist keine Kleinigkeit. Sie bedeutet einen fortschreitenden Abbau der vaginalen Schleimhaut und damit den langsamen Verfall der Vagina als sexuelles Organ. Später kommen Beschwerden der Harnröhre hinzu, die man im ersten Moment gar nicht mit Hormonmangel in Verbindung bringt, sowie häufige Harnblasenentzündungen und zunehmende Inkontinenz. Viele Frauen glauben, dass es normal sei, diese Beschwerden zu haben, und sie wie Hitzewallungen nur vorübergehend seien. In der Werbung werden Gleitcremes und vaginale Pflegecremes angeboten, was das fatale Missverständnis unterstützt, die Haut sei einfach nur trocken und benötige Pflege. Doch Frauen, die es mit Cremen versuchen, sind häufig über kurz oder lang frustriert, weil sie beim Sex immer noch Schmerzen haben, oft höllische. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass . Ich betone das so, weil unzählige Frauen zu mir kommen, denen man in anderen Praxen gesagt hat, Sex dürfe doch so langsam nicht mehr wichtig sein. Viele Frauen, die mit sechzig Jahren fragen, was sie tun können, um ihr Sexleben zu retten, werden belächelt.

Kann man gegen vaginale Atrophie etwas tun?

Um der eigenen urogenitalen Gesundheit willen, aber auch für ein in Zukunft erfülltes Sexleben und die Partnerschaftshygiene würde ich nicht nur sagen, man kann etwas tun, sondern man muss etwas tun. Die allererste und wichtigste Maßnahme ist, die Vagina und den vaginalen Eingang regelmäßig mit einer Hormonsalbe zu behandeln. Diese Hormonsalbe enthält Östriol, eine sehr abgeschwächte Östrogensorte. Die Salbe ist dafür konzipiert, nur auf der Schleimhaut zu wirken und nicht in den restlichen Körper überzugehen. Östriol päppelt die Vagina wieder auf und lässt sie wieder feucht, weich und widerstandsfähig werden. Der pH-Wert wird wieder sauer, die Bakterien-Community normalisiert sich. Es brennt nicht mehr und Schmerzen beim Sex werden deutlich gelindert, wenn nicht eliminiert. Was man außerdem machen kann, ist, die Vagina mit einem CO2-Laser zu behandeln. Das ist ein relativ schmerzloses Verfahren aus den USA, bei dem die Zellen in den obersten Schleimhautschichten mittels CO2-Laser dazu angeregt werden, mehr Feuchtigkeit zu produzieren und sich vermehrt zu teilen; Heilungsprozesse werden ausgelöst und die Durchblutung verbessert sich. Tatsächlich sind erste Daten aus größeren Studien vorhanden, die zeigen, dass sowohl die Östriolsalbe als auch der CO2-Laser helfen und die Kombination von beidem unschlagbar ist. Manchmal ist die Vaginalhaut jedoch durch den Hormonmangel so beschädigt, dass nichts mehr benutzt werden kann, weil jede Salbe oder Creme zu sehr brennt. Ist das der Fall, empfehle ich, zunächst die Haut mittels des CO2-Lasers aufzubauen und die Haut der Vagina dann mit der Östriolsalbe weiter gesund zu halten.

Vorsicht ist besser als Nachsicht – auch untenrum

Ich empfehle immer, frühzeitig mit der abendlichen Salbenbehandlung zu beginnen – am besten bevor die Beschwerden beginnen! Ich sehe nämlich bei der gynäkologischen Untersuchung,ob der Östrogenmangel bereits eingesetzt hat, und rate schon bei dezenten Veränderungen dazu, die Östriolsalbe in die abendliche Routine einzubauen. Was ja eigentlich ganz logisch ist, dennoch ist diese Art der Prophylaxe nach wie vor die absolute Ausnahme in deutschen Praxen. Selbst wenn sie bereits beginnende Atrophie-Zeichen sehen, klären die meisten Frauenärzte nur selten ihre Patientin darüber auf, was die vaginale Atrophie ist und was passiert, wenn man sie nicht rechtzeitig behandelt oder vorbeugt. Stattdessen hat die vaginale Gesundheit einen ähnlichen Stand wie die Zahngesundheit im Jahre 1950: Damals ging man erst mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt, und nicht vorher. Umso wichtiger ist es, Frauen weiterhin aufzuklären.

Vaginale Atrophie: In a Nutshell

  • Durch den Östrogenmangel wird die Haut der Vagina dünn und verletzlich.
  • Mit der Zeit baut sie immer weiter ab, was Schmerzen beim Sex, Brennen, Ausfluss und Juckreiz zur Folge haben kann.
  • Als Langzeitfolge können vaginale Schrumpfung und Einrisse beim Sex entstehen.
  • Geschätzt 70 bis 80 Prozent aller Frauen bekommen das!
  • Der Frauenarzt sieht die Veränderungen. Bevor man sie als Betroffene spürt.
  • Eine konsequente und dauerhafte Behandlung mit Östriolsalbe kann
Gynäkologin Sheila de Liz: "Wer Sex hat, altert nicht so schnell"
© Gaby Gerster

 Dr. med. Sheila de Liz, geboren 1969 in New Jersey, kam mit 15 Jahren nach Deutschland und studierte in Mainz Medizin. Seit 2006 arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wiesbaden.

Buch-Cover
© PR

Noch viel mehr wissenswertes rund um Wechseljahre und Frauengesundheit gibt es in ihrem aktuellen Buch "Woman on Fire". Erschienen ist es im Rowohlt-Verlag und kostet 16 Euro.


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