"Egal, was andere denken" - Barbara und Beth Ditto plaudern über Selbstliebe

von Stephan Bartels

Barbara Schöneberger: Beth, unser Thema heißt: „Bis der Arzt kommt“.

Beth Ditto: Damit kenne ich mich nicht aus. Ich bin nicht mal zum Arzt gegangen, als ich mir neulich den Knöchel gebrochen habe.

Huch! Wieso das denn?

Beth Ditto: Damit kenne ich mich nicht aus. Ich bin nicht mal zum Arzt gegangen, als ich mir neulich den Knöchel gebrochen habe.

Kommt aus meiner Kindheit. Meine Mutter war Krankenschwester. Ein Doktor wird meine fünf Geschwister und mich erst im Falle unseres Todes zu Gesicht kriegen.

War deine Mutter so gut in ihrem Job?

In ihren Augen schon. Sie hat sich selbst für eine Ärztin gehalten. Na ja, schlau genug ist sie dafür. Aber was ist mit dir? Wann rennst du zum Doktor?

Wie du: nie. Ich leugne Krankheiten einfach weg. Und es funktioniert.

Das ist klug. Letztlich wissen wir ja auch, dass man die meisten Kinderkrankheiten einfach nur aussitzen muss. Aber worüber reden wir denn jetzt, wenn wir beide mit Ärzten nichts am Hut haben?

Über die andere Bedeutung. In Deutschland sagt man „Bis der Arzt kommt“, wenn man etwas sehr exzessiv betreibt. Und irgendwie hat man bei dir das Gefühl, dass du ein sehr exzessiver Mensch bist.

Wirklich? Fühlt sich für mich nicht so an. Ich führe eigentlich ein ziemlich normales Leben.

Ich auch! Aber das erwarten die Leute von Menschen wie uns nicht. Ich höre oft, dass alle denken, wie lustig und aufregend es bei mir sein muss: Partys, Drogen, hoch die Tassen, und zwar permanent. Dabei trinke ich nicht mal richtig Alkohol.

Ich eigentlich auch nur dann, wenn ich mal unterwegs bin. Zu Hause: nix. Zuletzt, warte mal … auf einer Geburtstagsfeier vor drei Wochen, und ich bin aufrecht nach Hause gekommen. Aber jeder hat doch eine Obsession, die er betreibt, bis … wie war das noch mal?

Bis der Arzt kommt.

Richtig. Was ist deine?

Ich spiele „Candy Crush“ auf meinem iPad, bis es raucht.

Oh Gott. Ich habe das auch getan, aber ich musste es mir verbieten, weil es süchtig macht. Meine Mutter ist dabei nicht zu stoppen.

Ich verstehe sie gut. Es hat mich schon viel Geld gekostet, weil ich so ungeduldig bin. Wenn ich meine fünf Leben verbraucht habe, kann ich nicht warten, bis sie wieder aufgefüllt sind, deshalb kaufe ich jedes Mal für 99 Cent ein neues.

Dann solltest du wie ich auf „Tetris“ umsteigen. Das kostet nichts. Ich bin aber gerade in einer „Gin Rommé“-Phase, das spielen meine Frau und ich sehr exzessiv auf dem Telefon. Oder „Scrabble“.

Wie ist es mit „Solitaire“?

Ich liebe „Solitaire“! Überhaupt bin ich ein Fan von Kartenspielen. Ich klinge wie meine Oma, oder? Aber ich denke, die Leute wären überrascht, wie langweilig ich bin. Smartphone-Spiele, Basketball …

Du spielst Basketball?

Haha. Von wegen. Ich schaue es im Fernsehen.

Wir können uns darauf einigen, dass aktiver Sport nicht so unser Ding ist, oder?

Absolut. Wir haben, wenn wir schon bei Sprichwörtern sind, auch eines für so einen Fall: „To beat a dead horse“. Ich und Sport, das ist, wie auf ein totes Pferd einzuprügeln: bringt nichts, ist ja schon tot. Wie ist es mit deinem Pferd?

Atmet noch, so gerade. Ich wäre gern jemand, der Sport macht, bis der Arzt kommt. Aber mein Körper sieht das anders.

Das ist mein Problem: Ich kann mich nicht überwinden. Wenn etwas in mir sagt, dass ich was nicht will, dann tue ich es auch nicht.

Das ist doch eine Stärke. Es zeigt, dass du dich liebst.

Meinst du wirklich?

Und ob. Ich glaube, dass es vor allem der Selbsthass ist, der die Menschen dazu antreibt, sich verändern zu wollen. Alle Sportsfreunde, die ich kenne, finden sich zu dick, zu faul, zu träge. Das hassen sie und wollen es ändern. Ich dagegen sehe mich an und denke: Ja, ich bin manchmal faul, habe Speck hier und da – mir doch egal.

Da ist was dran, so denke ich auch. Mir sind andere Dinge wichtig. Oder vielmehr: Menschen. Freunde, Familie, um die kümmere ich mich. Aber sicher nicht darum, was andere Leute über mich denken.

Kann ich verstehen. Mir ist es auch wichtig, dass sich andere in meiner Umgebung wohlfühlen.

Und weißt du was? Es ist nicht so schwierig, kein Arschloch zu sein. Im Gegenteil. Ich frage mich oft, wie sehr sich Leute anstrengen müssen, um sich wie komplette Wichser zu benehmen.

Und trotzdem begegnet man denen immer wieder – gerade wir im Showgeschäft. Und ich bin jedes Mal überzeugt: Die mögen sich selber nicht, wenn sie das Arschloch raushängen lassen. Die sind dann auch nicht so loyal und treu.

Wie du? Bist du Fisch im Sternzeichen?

Ja!

Ich auch! Wir sind so! Wenn wir jemanden in unserer Herz schließen, lassen wir ihn nicht mehr raus. Und Fische sind wirklich treu.

Gilt diese Loyalität auch für Sex? Denn dann war ich früher nicht immer sooo loyal.

Vielleicht waren diese Männer nicht in deinem inneren Kreis.

Zumindest gab es eine Zeit, in der es für mich leichter war, mit anderen Männern zu schlafen, als meinem Maskenbildner zu sagen, dass ich nicht zufrieden mit ihm bin. Alles lange her.

Bei mir auch. Heute muss ich das nicht mehr, mein Make-up war nie besser. Aber es gibt doch einen Unterschied: Ich zeige meine schlimmsten, meine gemeinsten Seiten eigentlich nur den Menschen, die ich am meisten liebe.

Weil du dich bei ihnen sicher fühlst. Wo sollst du das denn sonst rauslassen? Bei der Arbeit?

Na ja. Nach deiner Logik schon. Denn ich liebe es, zu arbeiten.

Ich auch! Am liebsten, bis der Doktor kommt!

Kannst du auch nicht still sitzen? Ich muss immer etwas tun, ob im Job oder zu Hause. Ich bin eigentlich nur ruhig, wenn ich schlafe.

Pennst du abends auch immer auf dem Sofa ein?

Absolut. Ich kenne von sehr vielen Filmen nur die ersten fünf Minuten. Wenn ich mal ins Kino gehe, dann brauche ich sehr viel Cola, um wach zu bleiben.

Wir schauen zu Hause sehr gern Krimis. Aber ich weiß jeden Sonntag nicht, wer der Mörder beim „Tatort“ ist. Dann frage ich meinen Mann, wie es weiterging, und er sagt immer: „Das ist zu kompliziert.“

Dafür habe ich einen Trick.

Den will ich wissen!

Ich häkele beim Fernsehen. Ich konzentriere mich auf das, was ich gerade herstelle, sehe nichts vom Film – aber ich höre ihn und mache Kopfkino daraus.

Das ist schlau! Ich habe schon gehört, dass Stricken und Häkeln konzentrationsfördernd sind. Deshalb ist es in Deutschland in der Schule und an Unis erlaubt.

Echt? Das hätte ich in der Schule gebraucht. Ich hatte ADHS, und wenn vorne einer bloß geredet hat, habe ich nichts davon mitbekommen. Das hat nur geklappt, wenn ich mich nebenbei mit etwas anderem beschäftigt habe.

Stell dir vor, du hättest damals schon gehäkelt. Und die Sachen hinterher verkauft. Warum bin ich eigentlich nicht auf die Idee gekommen? Ich liebe Häkeln!

Im Ernst?

Total! Warte, ich zeige dir mal auf dem iPhone ein Foto von der Decke, die ich neulich für mein Patenkind gemacht habe … Da!

Ohhh, süüüüß. Du bist gut!

Und du?

Ich denke schon. Aber viel wichtiger ist: Ich liebe es. Ich habe mein Häkelzeug immer dabei. Genau genommen häkele ich, bis der Arzt kommt.

Ich auch! Wir haben beide ja auch immer so viel Wartezeit, in der Maske, unterwegs, im Studio. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass mich jemand auf die Bühne holen wollte, weil eine Show beginnen sollte. Und ich gesagt habe: Geht gerade nicht, ich muss die Reihe noch fertig bekommen.

Wie lustig. Aber du bist der Star, du machst die Regeln. Hier übrigens ein Bild von einem Kleid, das ich für meine Nichte …

KREISCH! Sogar mit Kragen! Du bist eine Künstlerin. Weißt du was: Das ist als Geschenk so viel schöner und beeindruckender als alles, das du kaufen kannst.

Das stimmt. Aber da mir niemand etwas häkelt, kaufe ich für mich viel online. Auf Etsy etwa.

Genau wie ich, unglaublich. Da gibt es so tolle Sachen.

Eigentlich zu viele.

Und das macht mich nervös. Ich entscheide schnell, deshalb kaufe ich von 1000 gleichen Angeboten spätestens das vierte.

Du bist impulsiv, wie ich! Glaubst du, das ist bei dir so ein Kontrollding?

Wie meinst du das?

Na ja, es ist doch so, dass wir uns zu einem großen Teil unseres Lebens anderen ausliefern. Wir stehen auf dem Stundenplan so vieler Leute und müssen uns an deren Regeln halten. Im Internet spontan einzukaufen und nicht über die Konsequenzen nachzudenken – das ist für mich Selbstbestimmung, es ist mein Schutzraum.

Hm. Wäre schön, wenn ich daraus ein Psychogramm ableiten könnte. Ich fürchte aber: Es ist einfach nur meine Leidenschaft.

Ich bleibe noch bei Psychologie: Bist du arm aufgewachsen?

Nein. Normaler Mittelstand. Aber unser Haus war ziemlich klein. Als ich irgendwann gut Geld verdiente, habe ich mir davon eine große Wohnung gemietet, mit Zimmern, die ich nie betreten habe. Aber ich wusste, dass es sie gibt.

Na bitte, Kompensation. Ich bin sehr arm aufgewachsen, und für mich bedeutet es Freiheit, auf Geld nicht achten zu müssen. Und Dinge zu besitzen, immer wieder neue. Das einzige Möbelstück, das bei uns älter als zwei Jahre ist: ein Esstisch.

Die schlimmste Vorstellung ist für mich, ich stehe im Haus, schaue mich um und denke: Fertig, hier muss nichts mehr getan werden. Dann gehe ich morgens los, kaufe ein Sofa, und abends sagt mein Mann zu mir: Hatten wir eigentlich über die Farbe gesprochen?

Verrückt! Das ist exakt das Gleiche wie bei mir! Ich sage meiner Frau dann: Natürlich haben wir das! Und sie sagt: Das hast du vielleicht mit Hunderten anderen besprochen, aber nicht mit mir! Na, am Ende ist es eh egal …

… weil wir diejenigen sind, die sich dafür interessieren …

… und die anderen nicht, genau. Und dann gibt es trotzdem Streit, weil die anderen die neue Couch nicht mögen.

Ist aber kein Problem. Nur eine Frage der Kommunikation.

Gibt es da etwa einen Trick, den ich nicht kenne?

Klar, du sagst: Ach, dir gefällt das Sofa nicht? Vielleicht habe ich dir nicht richtig zugehört, als es um die Farbe ging. Morgen rufe ich an und lasse es abholen.

Was du nicht tust.

Genau. Aber mein Mann fühlt sich verstanden und wird milde. Und irgendwann wird er die Farbe stillschweigend akzeptieren. Man darf die Macht der Gewöhnung nicht unterschätzen.

Genial. Frauen sind einfach die schlaueren Menschen.

Und wir geben unser Geld besser aus. Wären wir Männer, hätten wir Sportwagen und Boote, würden kostspielig verreisen. Brauche ich alles nicht. Ich fahre mit kurzen Hosen in die Berge. Und was ist dein Luxus?

Kissen.

Was?

Na, Kissen halt. Diese Dinger, die man unter den Kopf …

Ich weiß, was Kissen sind! Ich kann es nur nicht glauben, dass wir auch dies gemeinsam haben. Ich habe so viele Kissen – wenn es mal nicht mehr läuft mit dem Showgeschäft und diesem Magazin, könnte ich alle verkaufen und meiner Familie zwei bis drei gute Jahre sichern.

Ich habe zu Hause in Portland eine Garage voller Möbel und Wohnaccessoires, die Hälfte davon sind Kissen. Und ich kann nicht aufhören, noch mehr zu kaufen.

Gut so. Denn mit jedem neuen Kissen kaufst du eine ganze Philosophie. Wenn ich einen von wundervollen Frauen handgeklöppelten Kissenbezug aus Usbekistan kaufe, bereichere ich meine Welt auch kulturell.

Ich wünschte, ich könnte das von meinen Kissen sagen. Die sind meist von Ikea. Manchmal bin ich mir doch nicht so sicher, dass es gut ist, so viel Zeugs anzuhäufen. Jemand hat mir mal ein japanisches Buch in die Hand gedrückt, in dem die Philosophie der maximalen Reduzierung gepriesen wurde.

Was heißt maximal?

Nur noch Dinge zu behalten, die man unbedingt braucht. Wenn man mal anfängt, das konsequent zu durchdenken, bleibt nicht viel übrig.

Schon mal ausprobiert?

Ja, in Ansätzen. Ich wurde einmal um karitative Sachspenden gebeten, und mit dem Buch im Kopf war meine Garage schnell leer.

Und dann?

Fühlte es sich gut an. Richtig. Befreiend. Aber das hat nicht lange angehalten.

Ich fürchte, wir sind nicht so weit. Wir gehören noch nicht zu den post-materialistischen Frauen.

Aber wann?

Reden wir wieder, wenn wir die 50 überschritten haben.