#familytime – der dämlichste Hashtag der Welt

Wenn unsere Autorin den Hashtag #familytime sieht, bekommt sie die Krise. Warum? Weil der Hashtag #familytime das Gegenteil dessen ist, was Familienzeit für sie bedeutet.

von Marie Stadler

Ich muss gestehen, ich bin nie so ganz warm geworden mit Instagram, facebook und Co. Auf jeder dieser Plattformen gebe ich das Minimum dessen preis, was man eben preisgeben muss, wenn man soziale Netzwerke nutzt und vergesse das Posten leider immer in genau den Momenten, die man mal posten könnte. Nette Freunde getroffen, kein Selfie gemacht. Von einer Taube angekackt worden, aus Versehen Taschentuch statt Handykamera gezückt. Doch mal ein tolles Foto geschossen, drei Tage später gemerkt. Es ist, wie es ist – ich eigne mich einfach nicht für die digitale Welt. Dabei schau ich mir ehrlich gesagt ganz gerne an, was andere Menschen so alles von sich zeigen, vor allem Urlaubsfotos und schöne Momentaufnahmen. Find ich gut, alles andere wäre gelogen. Doch es gibt einen Hashtag, der mich sofort und unverzüglich zum wütenden Rumpelstilzchen macht: #FAMILYTIME.

Warum zum Teufel

Ganz ehrlich, ich versteh das mit der inszenierten Familienzeit einfach nicht. Ist das Schöne an "familytime" nicht, dass man sich gegenseitig komplett exklusiv die Aufmerksamkeit widmet und zwar nur um der gemeinsamen Zeit willen? Dass man mental ganz bei den Kindern, dem Partner, meinetwegen auch dem Hund ist? Und ist es nicht irgendwie kontraproduktiv, in genau dieser "familytime" ein Handyfoto zu machen, das das Familienglück visuell besiegelt, zwanzig Hashtags drunterzusetzen, möglichst noch den Ort zu markieren, an dem man sich gerade befindet und das Ganze dann  – natürlich in Echtzeit – der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen? Und vor allem: Warum? Ist das echt nötig, Likes, Kommentare und Herz-Emojis zu bekommen für etwas ganz und gar Privates?

Ich möchte nicht, dass meine Kinder das lernen

Die Verschiebung der Aufmerksamkeit ist aber eigentlich nur die anschaulichste Problematik der inszenierten Familienidylle. Was ich mindestens genauso schlimm finde, ist die Botschaft, die ich meinen Kindern unterbewusst sende, nämlich: "Deine Reaktion auf das, was wir hier gerade erleben reicht mir nicht". Außerdem bringe ich ihnen beim gemeinsamen Selfie-Posten bei, in schönen Momenten an die Inszenierbarkeit zu denken. Macht das glücklicher? Kein bisschen, sagt die Wissenschaft. Warum also sollte ich meinen Kindern in unserer wertvollen gemeinsamen Zeit etwas vorleben und beibringen, was nicht gut für sie ist. Likes machen süchtig, ist längst bewiesen. Und die regelmäßige Selbstinszenierung ist ein sicherer Garant für Unzufriedenheit mit dem ungeschönten Ich. Was also ist mit den ungeschönten Familienmomenten? Die Ausflüge, bei denen die Kinder nur nörgeln, die Wespen nerven, man selbst alle nur anschnauzt oder immer einer heult. Findet man die dann noch schlimmer, wenn sie einem nicht mehr nur den Ausflug, sondern auch das perfekte Foto vermasseln?

#metime – fast genauso schlimm

Oh, und wo ich gerade schon beim schamlosen Rummeckern bin: #metime finde ich fast genauso schrecklich. Aus eigentlich genau den gleichen Gründen. Ich will echt nicht behaupten, dass es mir in den kleinen Auszeiten des Alltags immer gelingt, "ganz bei mir" zu sein. Aber ehrlich jetzt mal: Wenn ich das "bei mir sein" öffentlich teile und dann Reaktionen darauf erwarte, dann ist das echt komplett das Gegenteil von dem, was "Zeit für mich" leisten sollte, oder? Hach, vielleicht liegt auch mein Unverständnis darüber an meinem fehlenden Talent für soziale Medien. Falls mir jemand erklären kann, was #metime mir und #familytime meiner Familie bringt, bin ich gerne bereit dazuzulernen. Aber bis dahin lass ich mein Handy in der Tasche, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin, poste keine Knutsch-Fotos am Hochzeitstag und lese ein Buch in der Hängematte, ohne irgendjemand anderen daran teilhaben zu lassen.