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"Ich bin raus!" Kein Bock auf Selbstoptimierung

"Ich bin raus!": Kein Bock auf Selbstoptimierung
© Getty Images
von Oda Albers

Alle reden immerzu von Neustart im Leben. Unsere Autorin Oda Albers hat aber gar nicht vor, mitzurennen oder sich neu zu erfinden. Ein Abgesang auf die Selbstoptimierung und ein Loblieb auf eine komplett unmoderne Lösung
42 -jährige Lehrerinnen werden Personal Coaches. Personaler wechseln mit 47 den Bereich und gründen noch später ein eigenes Unternehmen. Ex-BWLerinnen eröffnen saugeile Fitnessstudios mit Saftbar. Und junge, dennoch schlanke Mütter haben während des Stillens Marktlücken entdeckt und die Chance genutzt und Co-Working-Kitas oder Kinder-Apps erfunden. Und sie fühlen sich dabei fitter als mit 30, laufen schneller als mit 20, und das twittern sie auch ganz flott oder sie bloggen darüber ... Es ist einfach nur beeindruckend.

Immer wenn ich so was lese, denke ich natürlich: Superwow! Drei Kinder hat die ja auch noch. Ist ja irre. Und sofort gleiche ich das mal kurz ab mit meinem Leben: Was ich so gründen könnte und upstarten oder drehen an meiner Vita, und dann fällt mir doch nicht allzu viel ein. Ich bin ja nicht mal bei Twitter.

Geht da noch was?

Da könnte man natürlich etwas traurig werden und zweifeln und verzweifeln und sich fürchterlich träge fühlen, so undynamisch.

Also vielleicht doch reflektieren und das Leben und das eigene Ich in Ruhe betrachten? Vor dem Spiegel etwa: Hey, moin, jetzt mal aufwachen! Geht da noch was?

Und dann stehe ich da und sehe, dass sich da noch recht viel drehen ließe. Rein oberflächlich allein schon. An der Haut: bisschen grobporig, oder? An meinen Haaren: dezent unvital, diskret splissig. Oder an den Brüsten, logo, die könnten echt mal einen Neustart ab.

Ich könnte jünger aussehen. Flacher, straffer, härter. Ich könnte also – wenn schon keinen Karrieresprung, zumindest mal die Optik optimieren. Biohacking nennt man das. Damit lässt sich an der vitalen Vita schrauben.

Die Autorin Ariane Sommer macht das und schrieb neulich auch prompt darüber: „Ich bin 40 und gesünder, fitter und mental fokussierter als vor zehn Jahren.“ Das würden auch die Messungen ihrer Telomere und des Blutplasmas ergeben. Ich bin auch 40 und frage mich stattdessen: Was zum Geier sind denn Telomere? Und: Was soll das mit den Blutwerten? Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich nicht mein Plasma checken muss. Ich bin ja nicht krank.

Warum ich nicht darf mit 40 einfach 40 sein?

Und überhaupt: Wer sagt eigentlich, dass man mit 40 fitter sein muss als früher? Warum darf ich nicht mit 40 einfach 40 sein? Verstehe ich nicht . Wie viele andere Menschen auch erlebe ich gewisse Einbußen: Ich kann leider nicht mehr so viel Alkohol trinken wie früher, völlig zerschreddert bin ich sonst und habe bis mittags Schwellwürste unter den Augen. Schon schade. Und wenn ich in den Sommerferien in Dänemark zwei Wochen lang Softeis, Hotdogs und Lakritze gemampft habe, geht „es“ nicht mehr von alleine weg, sondern wabert mindestens bis zur nächsten Magen-Darm-Grippe in meinem Gewebe. Aber alles, was Frau Sommer da schreibt, klingt eben auch nicht danach, dass man anschließend wieder saufen und futtern kann wie ein Twen, sondern durch maximalen Minusspaß fitter wird. Telomere sind nämlich für die Zellteilung, sprich das biologische Altern, zuständig. Wer etwa sehr gesund isst, erreicht eine langsamere Teilung der Telomere. Sommer verpasst sich zudem Stromschläge und Eisbäder. So hat man dann – jung, wie man ist – nicht nur das bessere Aussehen, sondern auch länger die Kraft und den Biss, sich zu fokussieren und zu optimieren, sich neu zu erfinden oder alles zu drehen.

Ich nicht! Vergiss es!

Ist das verlockend? Nö! Deshalb sage ich meinem Spiegelbild bockig: Ich nicht ! Vergiss es! Ich verplausche mich nun mal gern abends bei einem Gläschen mit Freunden. Und, ja, am darauffolgenden Abend bin ich richtig müde, und mir reicht ein Wolldeckchen und, wenn’s hoch kommt, ein Buch. Ich will dann weder einen Ausflug ins „Gym“ noch eine Stunde Schönheitsgezuppel im Bad. Von Eiswanne und Stromschlägen mal ganz abgesehen. Nur an die Decke gucken und ein bisschen denken. Und obendrein vertüddele ich übrigens die Nachmittage gern mit meinen Kindern, und vermutlich ist meine Karriere (wenn man das überhaupt so nennen kann) unter meinen theoretischen Möglichkeiten. Na und?

Ich will nicht zurück auf Start. Ich bin mittendrin in dem, was ich mal so entschieden habe. Mein Leben ist das Ergebnis aus meiner Klugheit und meiner Doofheit. Und, jetzt kommt’s: Ich bin so weit zufrieden. Es ist gut so, wie es ist! Manchmal glaube ich, diese scheinbar lahme, undynamische Zufriedenheit ist vielleicht das große Ziel, das die ganzen Neustarter eben noch nicht erreicht haben. Ich wünsche mir für das Jahr 2018 jedenfalls nur eins: Möge ich nächstes Jahr bloß genauso zufrieden sein. Wenn man nichts mehr drehen, kurbeln, schrauben, starten muss, dann läuft’s. Vielleicht ist man sogar schon angekommen. Im eigenen Leben. Was für ein Glück!


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