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"Ich bin wütend, weil du stirbst!": Mein Mann setzt auf Wunder

"Ich bin wütend, weil du stirbst!": Mein Mann setzt auf Wunder
© Getty Images
Julian hat Krebs. Eine Operation könnte ihm vielleicht das Leben retten. Aber er verweigert jede medizinische Hilfe. Seine Frau Katharina erzählt, wie es ist, wütend auf einen todkranken Menschen zu sein.
von Daniela Stohn

Ich weiß noch genau, wie ich mein E-Mail-Postfach öffnete und eine Liste mit Büchern entdeckte, die Julian auf meinen Namen bestellt hatte: „Die Öl-Eiweiß-Kost“, „Die Kraft der Gedanken“ und Ähnliches. Insgesamt 15 Titel, die alle um ein Thema kreisten: Wie man mit natürlichen Mitteln Krankheiten heilt. Mir wurde schlagartig übel. Weil ich spürte, dass es Gefahr bedeutete.

Es kam noch schlimmer. Als ich ihn darauf ansprach, erzählte mir mein todkranker Mann, dass er die Operation abgesagt hatte, die für den nächsten Tag geplant war. Die Diagnose: Magenkrebs, Heilungschance etwa 75 Prozent – wenn man den Tumor sofort entfernen würde. Doch Julian wollte sich lieber in einem anthroposophischen Krankenhaus einen Zugang für künstliche Ernährung legen lassen, um Zeit zu gewinnen und andere Optionen zu checken. Als ich all das erfuhr, ohne vorher in seine Entscheidung eingebunden worden zu sein, raste mein Herz. Ein Gefühl, als stürzte ich in ein bodenloses Loch. Aber ich fragte trotzdem so ruhig ich konnte, ob er sich ausschließlich auf die Kraft der Selbstheilung verlassen wolle? Seine Antwort: „Ich weiß es nicht.“

"Wir trafen immer alle Entscheidungen zusammen – dachte ich zumindest"

Drei Jahre waren wir verheiratet, als Julian die Krebsdiagnose bekam. Seine Lebenserwartung: etwa sechs Monate. Unsere Tochter war zweieinhalb, ich im 5. Monat schwanger, und die Yogaschule, die wir ein Jahr zuvor gemeinsam in Berlin eröffnet hatten, kam gerade in Schwung. Unsere Vision war immer ein Leben zu zweit, wir trafen immer alle Entscheidungen zusammen – dachte ich zumindest. Da war immer diese innere Verbundenheit zwischen uns, die nicht viele Worte brauchte. Als er dann die Diagnose bekam, änderte sich unsere Beziehung von einem Moment auf den anderen. Dass mein moderner Mann, der nie für Hokuspokus und Kräuterhexerei empfänglich war, plötzlich unkritisch abgehobenen Heilsversprechen glaubte und mir nichts davon erzählte, machte mich fassungslos. Als Eltern hat man eine Verantwortung, die die Selbstbestimmung aufhebt, finde ich. Wie konnte er nur an sich denken und nicht wenigstens auch an seine Tochter und das ungeborene Baby?

Vielleicht ist das bei all dem Unglück für mich am schwersten zu ertragen: dass meine Meinung bei seiner Entscheidungsfindung plötzlich keine Rolle mehr spielte. Ich wollte mit ihm die Optionen abwägen, an seiner Seite sein. Ihm helfen, es auszuhalten, mit 35 Jahren vor die Entscheidung gestellt zu sein, nur eine Überlebenschance zu haben, wenn mehrere Organe entfernt werden, darunter ein Teil des Magens. Aber er reagierte auf meine Fragen und Vorwürfe nicht. Er hatte entschieden, die Krankheit mit sich selbst auszumachen.

"Trotz allem: Ich stand ihm bei"

Es lag etwas mehr als ein Jahr zwischen der Diagnose und seinem Tod. Eine Zeit, in der ich meinem Mann beim Sterben zusah. Und zwischen Ohnmacht, Trauer, Wut und Verzweiflung schwankte. Es brachte mich auf die Palme, wenn er einen Heilpraktiker einem Onkologen vorzog. Als er mir das erzählte, wollte ich ihn anschreien. Aber es ist schwer, jemanden anzuschreien, der dem Tod ins Auge blickt und zerbrechlich ist wie ein Kind. Ich versuchte es mit Verhandeln: „Wenn du 20 Kilo abgenommen hast, gehst du zum Arzt.“ Oder: „Wenn ich dich zu dem Heilpraktiker begleite, lässt du dich auch von einem Arzt untersuchen.“ Ich verteidigte ihn vor anderen, seiner Familie und Freunden, weil ich ihm den Rücken stärken wollte. Aber zu Hause stritten wir: „Das ist doch russisches Roulette, was du machst.“

Es änderte: nichts. Er blieb starr und wendete sich auch bizarren Methoden zu. Als er sich von einem spanischen Heiler den Tumor mit Gedankenkraft entfernen lassen wollte, stieß ich an meine Grenzen. „Vielleicht stehe ich ja auf der Wunderbremse, aber wie soll das gehen, etwas Physisches mental zu entfernen?“, schrie ich ihn an. Trotzdem begleitete ich ihn. Auch zu dem Arzt, der ihm erzählte, dass der Krebs eine Kopfsache sei – und er nur gesund werden wollen müsse.

"Vielleicht war er tatsächlich einer von denen, die eine Art Wunderheilung erlebten?"

Julian tat so, als habe er alle Zeit der Welt. Und ich funktionierte irgendwie – zumindest nach außen. Ich versorgte unsere nun dreijährige Tochter, ging zu den Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen, arbeitete in unserem Yogastudio, verhandelte mit der Krankenkasse. Organisierte einen Umzug, weil wir uns das Haus nicht mehr leisten konnten. Ich versuchte, alles Normale aufrechtzuerhalten, während Julian immer weniger wurde und ich ihn kaum noch erreichte. Und dann, als ich schon fast aufgeben wollte, weil mir die Kraft fehlte und ich nicht wusste, wie ich all das schaffen sollte, war da plötzlich wieder unsere alte Verbundenheit. Irgendwie holte er mich wieder rein in seinen inneren Kreis. Meine Wut wich dem Mitgefühl und der irrationalen Hoffnung, dass doch alles gut werden würde, wenn ich ihm nur vertraute. Vielleicht war er tatsächlich einer von denen, die eine Art Wunderheilung erlebten? Wenn er etwas klar entschied, auch wenn ich es kritisch sah, bedeutete es doch zumindest, dass er leben wollte und nicht aufgab. Vielleicht hatte er eine Art innere Gewissheit, dass er die Krankheit besiegen würde? Ich merkte, dass es mich ruhiger machte und mir half, die Realität besser zu ertragen, wenn ich an ein Wunder glaubte. Es war wie ein tröstendes Pflaster, das ich mir von Zeit zu Zeit auf meine offene Wunde klebte.

Monate später, nach Momenten der Hoffnung und vielen Versuchen mit alternativen Heilmethoden, wurde Julian die Entscheidung abgenommen. Seine Haut färbte sich gelb – ein Zeichen, dass der Tumor im Magen etwas abdrückte. Mein Mann wurde ins Krankenhaus eingeliefert und notoperiert. Aber die Chance auf Heilung war vertan. Es war zu spät.

Ich frage mich heute manchmal, ob ich mich anders hätte verhalten sollen. Hätte ich eine klarere Position zur Operation haben müssen? Ich wusste ja selbst nicht, was das Beste war. Hätte ich härter sein sollen und ihm sagen: „Wenn du deinen Weg alleine gehst und nicht mit mir sprichst, gehe ich.“ Darf man seinen sterbenden Mann im Stich lassen? Eine Yogaschülerin sprach mich damals an und sagte, sie komme nicht mehr in seinen Unterricht, sie wolle ihm nicht weiter da bei zusehen, wie er sich umbringe. Sie war die Einzige, die ihm etwas entgegensetzte. Ich konnte es nicht. Er war zu krank.

Rückblickend gab es von Anfang an Momente, an denen das Schicksal einen anderen Weg hätte einschlagen können. Als Julian wegen seines Gewichtsverlustes zum ersten Mal beim Arzt war und er die Magensäureblocker, die ihm verschrieben wurden, in der Schublade liegen ließ. Oder Wochen später, als er bei der Magenspiegelung keine Narkose wollte und dann erbrach, weil der Magen schon verschlossen war. Die Ärztin musste abbrechen und schickte ihn wütend nach Hause. Wieso hat er es hingenommen, dass er Kilo um Kilo verlor? Warum ignorierte er die Warnung der Ärzte, dass es medizinisch eigentlich gar nichts abzuwägen gebe? Dachte er wirklich, sein Weg würde zur Genesung führen? Oder hatte er Angst?

"Wir sangen noch ein Lied zusammen und hielten uns an den Händen, dann hörte er auf zu atmen."

Die letzten Monate vor seinem Tod erinnere ich nur noch bruchstückhaft: Wie ich unsere zweite Tochter mithilfe einer Hebamme zu Hause zur Welt brachte, während er sich nebenan im Arbeitszimmer ausruhte. Wie wir kirchlich heirateten, weil er sich das wünschte, und sein Vater bei den Worten „bis dass der Tod euch scheidet“ weinte. Wie er zu Hause auf seinem Bett lag, in den wenigen wachen Momenten. Wie wir uns im Hospiz, wo er die letzten Wochen verbrachte und wir ihn jeden Tag besuchten, voneinander verabschiedeten. Wir sangen noch ein Lied zusammen und hielten uns an den Händen, dann hörte er auf zu atmen.

Bei seiner Beerdigung, vor seinem leeren Grab, kochte plötzlich die Wut noch mal mit voller Wucht in mir hoch. Ich sah dieses dunkle Loch in der Erde und dachte: „Das ist alles, was du mir hinterlässt – ein Loch! Und zwei Kinder, die du dir gewünscht hast, eine Yogaschule, die du unbedingt wolltest. Ich habe alles an der Backe, was dein Lebenstraum war. Und jetzt lässt du mich im Stich.“ Ich pfefferte die Rose in sein Grab und ging weg.

Bis heute versuche ich von Zeit zu Zeit, ihn zu begreifen. Es war Julians Weg, sich erst sehr spät schulmedizinisch behandeln zu lassen. Und ich weiß auch jetzt, vier Jahre nach seinem Tod, nicht, ob er es bereut hat oder ob er seinen Weg auch am Ende noch richtig fand. Er hat es mir nie gesagt, meine Fragen bis zum Schluss nicht beantwortet. Ich konnte nur zusehen, wie er mir unter den Fingern wegstarb. Ich konnte ihn nicht retten.


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