"Ich habe ihn sogar in den Puff begleitet" – Wie weit gehst du für die Liebe?

In ihrem neuen Buch "Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe" erzählt die Journalistin Jessica Schulte am Hülse in sieben Geschichten davon, wie Menschen in Beziehungen betrogen, belogen und manipuliert worden sind. Alle spannender als jeder Krimi, wahnsinnig emotional – und vor allem wahr. Auch ihre eigene hat sie aufgeschrieben. Es ist fast die dramatischste...

von Tina Epking (Interview)

BARBARA: Wie kam es zu diesem Buch?

Jessica Schulte am Hülse: Ich hatte vor zehn Jahren eine eigene ziemlich harte Trennungsgeschichte. Um sie zu verarbeiten, habe ich sie auch im Freundes- und Bekanntenkreis erzählt. Dabei kam heraus, dass fast jeder eine wahnsinnige Liebes-Story zu erzählen hat oder jemanden kennt, der eine hat – und so wurden es immer mehr. Bis ich dachte, dass man damit ein ganzes Buch füllen könnte. 

Die Geschichten sind teilweise unfassbar: Eine erwachsene Frau nimmt sich das Leben vor Liebeskummer. Ein türkisches Mädchen wird vom besten Freund ihres Vaters erst verführt und dann massiv bedroht. Wieder eine andere entdeckt, dass ihr Mann schon verheiratet ist. Und ein Mann wird von einem Zwillingspaar verwirrt und ausgenutzt. Sind wirklich alle wahr?

Ja, sie sind alle so passiert. Ich habe natürlich Orte, Zeiten, Namen und Berufe verändert, damit die Protagonisten nicht sofort zu erkennen sind, aber sie beruhen auf wahren Begebenheiten. Zu jeder Geschichte habe ich lange Interviews mit den Betroffenen geführt. 

Welche ist deine Geschichte?

Es ist die letzte, sie heißt "Kopfurlaub". Natürlich habe ich auch diese Geschichte verändert, aber die Eckpfeiler stimmen so. Ich war mit dem Mann, um den es dort geht, zehn Jahre zusammen. Wir haben ein gemeinsames Kind, es gab einen Selbstmordversuch, und ich war in einer Entzugsklinik. Allerdings ist die Trennung mittlerweile acht Jahre her. Ich hatte vorher nicht genug Abstand, um das Ganze aufzuschreiben. Es hat mich auch jetzt noch sehr mitgenommen, mich erneut damit auseinanderzusetzen. 

"Jeder Freundin hätte ich einen Vogel gezeigt"

Er hat dich jahrelang schlecht behandelt: Warum hast du das so lange ausgehalten?

Das habe ich mich im Nachhinein auch gefragt. Jeder Freundin in derselben Situation hätte ich einen Vogel gezeigt. Ich habe es geschafft, meinen Blickwinkel so zu ändern, dass mein Partner immer noch gut da stand. Obwohl er tagelang nicht Zuhause aufgetaucht ist, mir Gewalt angetan, mich beschimpft und sogar in meinem Beisein andere Frauen angefasst hat. Ich habe viele Dinge ausgeblendet und mich für den Weg der Verdrängung entschieden. Er hatte ja auch viele positive Eigenschaften: Er war charismatisch, ein guter Vater, hat mir im Haushalt geholfen, wir hatten einen tollen Freundeskreis, und er hat mich lange Zeit auf Händen getragen. Dass er mich belogen hat und immer wieder fremdgegangen ist, kam erst später raus. Dabei hat er mir eingeredet, ich würde mir alles nur einbilden, wäre krankhaft eifersüchtig und müsse eine Therapie machen. Er hat mich manipuliert – bis ich ihn in flagranti erwischt habe. 

Du bist klug, beruflich erfolgreich, siehst toll aus. Wie konnte es passieren, dass du dich hast manipulieren lassen?

Ich glaube, das kann jeder und jedem passieren. Es hat nichts damit zu tun, wie schlau oder attraktiv jemand ist. Bei mir war sicher das Problem, dass ich so sehr an diese Beziehung geglaubt habe. Es war ein schleichender Prozess: Ich habe nicht gemerkt, dass ich mich immer mehr von mir selbst entfernt habe, dass ich nur noch alles gemacht habe, um diese Beziehung zu retten. Erst durch die Therapie und die damit verbundene räumliche Trennung konnte ich nach und nach erkennen, dass meine Beziehung am Ende war. 

Da warst du schon kokainabhängig...

Ja, es fing auf Partys an. Ich habe erst nur auf Feiern ab und zu in Verbindung mit Alkohol auch Kokain genommen, über die Jahre hat sich der Konsum verselbstständigt. Ich hatte nüchtern überhaupt kein Selbstbewusstsein mehr, mit der Droge habe ich es mir geborgt. Dann ging es mir für einen Moment besser, aber danach immer schlechter. Ich habe lange die Schuld für mein Verhalten nur bei meinem Partner gesucht. Schuld ist allerdings ein schwieriges Thema, denn Drogen genommen habe ja ich, das war nicht seine Entscheidung – das habe ich mir selbst angetan.

Aber warum hast du ihn nicht einfach verlassen, sondern versucht, dir die Pulsadern aufzuschneiden?

Ich war verzweifelt, hatte Angst davor, es finanziell und als alleinerziehende Mutter nicht zu schaffen. Wie gesagt: Ich hätte die Trennung nicht geschafft ohne diesen Abstand, den ich hatte, weil ich drei Monate in der Klinik war. Ich brauchte die Distanz. Zuhause hat er mir immer eingeredet, dass ich es ohne ihn nicht schaffen würde, dass ich ihn bräuchte. Außerdem habe ich den Mann noch geliebt, zumindest den Teil, in den ich mich zu Beginn verliebt hatte. Das hat meine Geschichte mit den anderen aus dem Buch gemeinsam: Alle haben sehr viel mehr ausgehalten, als sie sich je hätten vorstellen können. Er war einfach die Liebe meines Lebens, wir haben ein Kind zusammen. Das war meine Familie, dafür war ich bereit, relativ weit zu gehen. Die Angst vor dem Alleinsein, dem Leben ohne Familie, bringt, denke ich, viele dazu, sich nicht zu trennen, sondern auszuhalten und zu hoffen, dass es wieder besser wird. 

Kannst du das heute noch nachvollziehen?

Nein, ich kann vieles nicht mehr nachvollziehen. Ich habe fremde Frauen geküsst, um zu zeigen, dass ich nicht verklemmt bin, habe ihn und einen Freund sogar in den Puff begleitet. Bei der Recherche für dieses Buch bin ich noch mal über das Klinikgelände gegangen und habe festgestellt, wie weit weg diese Zeit inzwischen ist. Ich kann mir heute gar nicht mehr vorstellen, dass ich die Person gewesen bin, der das alles passiert ist.

Praktisch alle Protagonisten aus dem Buch schaffen es nicht, nach ihrer gescheiterten Liebe wieder richtig glücklich zu werden? Wie ist das bei dir?

Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin, wenn mir das nicht passiert wäre. Ich war damals sehr verunsichert und verletzt. Mir hat die Therapie sehr geholfen und ich habe gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen, mich um alles alleine zu kümmern. Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben. Ich habe nach der Trennung erstmal fünf Jahre alleine mit meinem Kind gelebt, da hätte ich noch niemanden an mich ranlassen können. Ich hatte auch nach dieser Geschichte noch mal eine längere Beziehung, sie ist dann aus anderen Gründen gescheitert. Natürlich bin ich aufgrund meiner Erfahrung vorsichtiger. Aber ein Leben ohne Liebe und Vertrauen kann ich mir nicht vorstellen. Es dauert vielleicht, bis man über eine so schmerzhafte Erfahrung hinwegkommt. Es ist aber machbar. 

Jessica Schulte am Hülse ist 1972 in Hamburg geboren und hat Psychologie an der Freien Universität Berlin studiert. Sie war Sängerin und Schauspielerin („Just Friends“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“). Heute arbeitet sie als Journalistin und Managing Editor der Bild- und Nachrichtenagentur WENN.

Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Foto: Thomas Kierok

„Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe“ ist am 18. September im Blessing Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro.

Foto: PR