"Tu' mal Reinfühlen" – Yogaerlebnisse bei 40 Grad. Nackt.

Unser Autor wollte was für seinen Rücken tun und hat sich beim Bikram-Yoga angemeldet – 26 Übungen in 90 Minuten bei 40 Grad. Ist klar.

von Björn Krause

Probier’s mal aus, habe ich gedacht. Könnte was sein, habe ich gedacht. Jetzt liege ich hier in einem verspiegelten Raum auf einer Gummimatte und frage mich, was ich mir nur dabei gedacht habe, zu denken. Überall glänzende Leiber, halb nackt im Spreizschritt. Bikram-Yoga – das heißt auch Swingerclub-Atmosphäre mit Swingerclub-Motto: Alles kann, nichts muss.

Bei mir ist das andersherum: Ich muss, aber kann nicht. Hohe Luftfeuchtigkeit, Schnappatmung, beschlagene Pupillen. Und diese allumfassende Springbrunnen-Transpiration, bei der mein Inneres von außen an mir herunterläuft. Selbst mein Schweiß schwitzt. Und dann geht’s auch schon los. Wirbelsäulendrehsitz. Knick, knack. Kann es noch besser werden? Es kann.

Ein Hauch Sektenromantik

Der Vorturner, ebenfalls halb nackt, aber mit Headset, steht auf einem Podest, klar, und spricht das Kollektiv als Individuum an – Ikea-Attitüde mit einem Hauch Sektenromantik. „Fühle deinen Atem“, sagt er. Fühl du mal deinen Puls! Meiner rattert im Takt einer Nähmaschine durch meine Eingeweide. Wie kann das gut für meine Beweglichkeit sein?

Dazu: leichter Schwindel mit der Tendenz zur Ohnmacht. Trinken, muss mehr trinken. Meine Flasche glitscht mir aus der Hand wie ein Stück Seife. Stilles Wasser, das blubbert wie ein Whirlpool. Diese Hitze! Der Eisberg, der die „Titanic“ versenkt hat, würde hier den Weg von der Eingangstür bis zu meiner Matte nicht überleben.

Erstmal Reinfühlen

Nehme schemenhaft das psychedelische Gewusel aus verknoteten Körpern wahr, die sich wie Würmer um sich selbst wickeln. Stelle dabei fest, dass ich tatsächlich gelenkiger werde. Oder ausleiere. Jedenfalls kommen meine Hände schon etwas näher an Körperstellen ran, die ich vorher nicht berühren konnte. Wenn nur dieses Drumherum nicht wäre.

Da ist sie wieder. Diese Fistelstimme, die zwischen feuchtem Fleisch umherwabert und alle bittet, in sich reinzufühlen. Reinfühlen. Was bedeutet das? Wofür ist das gut? Und wie soll das gehen? Dieses Reinfühlen. Das Einzige, was ich in mir spüre, sind brennende Muskeln, Bänder, Sehnen und Knochen, die wie beim Mikado durcheinandergeworfen wurden, aber erstaunlicherweise erst dadurch an die richtigen Stellen gerückt zu sein scheinen.

Endlich, die Totenstellung. Mit geöffneten Augen auf dem Rücken gammeln und atmen. Liegen liegt mir. Habe aber nur noch die Kraft für eins von beiden: geöffnete Augen oder atmen. Schwere Entscheidung. Muss erst mal in mich reinfühlen.

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"Tu' mal Reinfühlen" – Yogaerlebnisse bei 40 Grad. Nackt.

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