"Wasser ist mein Element": Interview mit Ildikó von Kürthy

Die Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy hält das Ruder gern in der Hand. Nur ein Grund, wieso Barbara sie für dieses Interview ins Boot geholt hat. Ein Gespräch über prägende Erlebnisse im Wasser – und zu enge Badeanzüge.

von Kester Schlenz

Barbara: Ildikó, lass uns, um es knallhart dialektisch zu sagen, über das Thema „Unter Wasser“ reden.

Ildikó: Das klingt nach Sommer, Softeis und viel nackter Haut. Bist du auf dem Titel etwa im Badeanzug zu sehen?

Barbara: Ja, ich stehe da so neckisch im Wasser. Aber nur bis zum Dekolleté. So, dass man gerade noch meine schmalen Schultern sieht. Der Rest wird gnädig umspült.

Ildikó: Wenn nur mein Kopf auf einem Foto zu sehen ist, dann ist bei mir auch immer alles okay. Der Rest ist Privatsache.

Barbara: Bist du gern im Wasser?

Ildikó: Ja, das ist mein Element. Ich bin sozusagen darin aufgewachsen. Mein Vater, der blind war, und ich sind in meiner Kindheit kilometerweit zusammen geschwommen. Im Wasser gibt es keine Stufen und keine Hindernisse. Eine großartige Erinnerung. Im Wasser fühle ich mich bis heute leicht und unbeschwert – und rund 82 Kilo leichter.

Barbara: Mir geht es genauso. Ich liebe das Schwimmen. Als Kind war ich im Sommer praktisch nur im Wasser. In Freibädern und so.

Ildikó: Ich liebe Freibäder. Den Trubel, die Geräusche, das Kinderpipi in den Becken ...

Barbara: Ich gehe da auch heute noch gern mit meinen Kindern hin. Baden, spielen, rumhängen und dann Pommes mit Ketchup als Hauptmahlzeit und zwischendurch viermal Eis. Und Wasserrutschen und so was.

Ildikó: Ich habe Angst vor dunklen, engen Räumen. Deshalb meide ich Wasserrutschen.

Barbara: Und wenn deine Kinder da mal runterdonnern wollen?

Ildikó: Dann spreche ich fremde Männer an und sage: „Bitte nehmen Sie mein Kind. Es möchte rutschen. Ich warte unten.“ Das klappt immer.

Barbara: Wann, wo und von wem hast du denn schwimmen gelernt?

Ildikó: In einem Kriegsblindenheim. Da war ich fünf, und mein Vater hat es mir beigebracht. Ich höre ihn noch rufen: „Mein Schätzelein kann schwimmen!“, als ich die ersten Züge gemacht habe. Er war unglaublich stolz.

Barbara: Ich war mit meiner Mutter beim Babyschwimmen. Dann immer wieder als Kleinkind in Bädern. Ich habe das früh gelernt.

Ildikó: Und jetzt mal Trophäenvergleich: Welche Abzeichen hast du?

Barbara: Nur Freischwimmer.

Ildikó: Ich habe selbstverständlich alle, die es unterhalb dieses DLRG-Abzeichens gibt.

Barbara: Wow!

Ildikó: Und die hab ich früher auch alle stolz getragen. Wie eine Litfaßsäule.

Barbara: Kannst du denn auch richtig gut kraulen?

Ildikó: Was für eine Frage! Ich kann auch Delphin. An Land bin ich aber deutlich unbeholfener. Du solltest mich mal ein Rad schlagen sehen. Entwürdigend.

Barbara: Wir hätten dich mit Schwimmbrille fotografieren sollen.

Ildikó: Die drücken sich immer so ins Gesichtsfleisch. Wenn ich am Morgen schwimmen war, sehe ich abends noch zerbeult aus.

Barbara: Die Dinger drücken einem praktisch die Augen raus, so fest liegen die an. Wenn man die zu oft benutzt, kriegt man so eine Art Augenbrauen-Hornhaut.

Ildikó: Das klingt ja noch ekliger als Gesichtsfleisch.

Barbara: Lassen wir das. Bist du schon mal vom Dreier gesprungen?
Ildikó: Ja, aber Köpper trau ich mich nicht.

Barbara: Ich mich auch nicht. Ich mache auch nur eine Kerze.

Ildikó: Hauptsache, schnell ins Wasser. Es gibt eine Gewichtsgrenze bei mir, ab der ich definitiv zusehe, nicht unnötig lang am Beckenrand rumzulungern.

Barbara: Ja, die Sache mit der Bademode. Man sagt ja immer, dass man in Umkleidekabinen so unvorteilhaft aussieht, weil da das Licht von oben kommt. Erst jetzt habe ich begriffen, dass das Licht am Meer oder See ja auch von oben kommt. Man sieht da also genauso beknackt aus wie in Umkleidekabinen.

Ildikó: Deshalb renne ich auch immer gleich schnell ins Wasser.

Barbara: Egal, wie kalt es ist?

Ildikó: Na ja, wenn ich mich in einer eher schwierigen Lebensphase befinde, brauche ich länger. Dann steh ich auch schon mal eine Viertelstunde bis zum Bauch im Wasser und drehe dann verzagt wieder um. Man kann aus meinem Gang ins Wasser Rückschlüsse auf meinen Gemütszustand ziehen.

Barbara: Was trägst du lieber: Bikini oder Badeanzug?

Ildikó: Jedes Jahr denke ich: Jetzt ist Schluss mit der Bikini-Zeit. Aber dann sage ich mir: Was soll’s? Ich bin ja kein Model und muss mit meinem Körper kein Geld verdienen. Und auch ein Badeanzug kann nichts gegen schlaffe Oberarme und speckige Kniekehlen ausrichten.

Barbara: Ich trage immer noch beides. Aber ich gucke schon manchmal neidisch, wenn ich da Jüngere in so knappen Miniteilchen sehe, bei denen nichts hängt.

Ildikó: Dann versuche ich mich aufzumuntern und denke: Ich bin zweifache Mutter. Das geht halt nicht spurlos an einem vorbei. Aber dann höre ich, dass die Knackige mit dem Minitanga fünf Kinder hat.

Barbara: Dafür bist du schlauer.

Ildikó: Ich hab auch schon BikiniModel-Frauen mit einem Doktor in Physik erlebt. Das ist natürlich niederschmetternd. Und der Kummer geht ja auch nach dem Baden weiter: Man kann einen nassen Badeanzug nicht elegant ausziehen.

Barbara: Mache ich auch nie.

Ildikó: Wie? Du schneidest ihn auf und kaufst dir einen neuen?

Barbara: Nee, ich lass ihn immer an und warte einfach, bis er trocken ist. Was anderes: Wo urlaubst du lieber? Am Meer oder in den Bergen?

Ildikó: Ich habe Höhenangst. Was soll ich da in den Bergen? Ich bevorzuge Seen oder Freibäder in der norddeutschen Tiefebene. Und du?

Barbara: Wildes Fahren auf dem Meer in Motorbooten in wehendem Leinenkaftan – ist nicht so meine Urlaubswelt. Und am Strand braten auch nicht. Ich bin lieber in den Bergen. Mit einem See in der Nähe.

Ildikó: Mit dem Strand hab ich’s auch nicht so. Ich geh da gern mal so lang und lausche den Wellen. Und abends ein alkoholhaltiger Cocktail mit Horizontblick. Da hab ich nichts gegen.

Barbara: Ich kann nicht stundenlang irgendwo rumliegen. Da werd ich total hibbelig. Und die Kinder haben auch irgendwann keine Lust mehr auf Eimerchen und Matsche. Seen mit interessanter Umgebung bieten einfach mehr als Meer.

Ildikó: Meine schönste Urlaubserinnerung hat auch mit einem See zu tun. Das war in Ungarn, am Balaton. Ich bin mit meinem Vater rausgeschwommen. Es war warm. Die Sonne schien. Und ich sah seinen breiten Rücken vor mir, wie er ruhig und gleichmäßig auf- und abtauchte. Wie ein großer, freundlicher Wal. Das war ein tiefes Gefühl des Friedens und der Geborgenheit.

Barbara: Und dein schlimmstes Wassererlebnis?

Ildikó: Als wir beide beim Segeln mit Freunden in einen Sturm gerieten. Da saß ich im Bauch des Bootes und hatte Angst vor diesen entfesselten Naturgewalten.

Barbara: Kenn ich auch. Ich war mal zu einem Segeltörn um die Isle of Wight eingeladen – auf einem Profi-Segelboot. Ich sah mich vorher da so an Bord sitzen, locker durchs Wasser gleitend, vor schöner Landschaft mit Champagner und Erdbeeren. Ich fand mich dann aber in einem Sturm wieder – eingepackt in gelbes Ölzeug. Nur der Kopf guckte raus. Man hat mich mit einem Karabinerhaken an der Reling festgemacht, und alles, was ich dann noch mitgekriegt habe, war ein ständiges Auf und Ab, Wasser überall und irgendwelche Sirenen und panische Kommandos. Ich hatte acht Stunden Todesangst. Und abends mussten wir dann das Boot noch schrubben.

Ildikó: Bist du nicht seekrank geworden?

Barbara: Zum Glück nicht. Wirst du schnell seekrank?

Ildikó: Ich vermute ja. Da mir schon schlecht wird, wenn ich auf einer Schaukel sitze, gehe ich davon aus, dass ich kurz nach dem Ablegen grün im Gesicht werden würde.

Barbara: Ich habe mir damals die Seekrankheit einfach untersagt. Und es hat geklappt! Ildikó – wir haben beide einen Sturm an Bord überlebt! Nicht nur das verbindet uns. Ich danke dir für dieses Gespräch.

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