"Wie meine Mutter mit 69 Jahren der mutigste Mensch meines Lebens wurde"

Anke kann es nicht fassen, als ihre knapp 70-jährige Mutter verkündet, dass sie ihr Haus verkauft, in einen Wohnwagen zieht und für den Rest ihres Lebens durch Europa und Marokko reisen wird. 

von Silia Wiebe (Protokoll)

Sie breitete ihre Landkarte auf meinem Esstisch aus, strich sie glatt und zeigte mir ihre geplante Route. Meine Mutter wollte weg, die Welt sehen und zwar allein, in einem Wohnmobil. Sie verkaufte ihre Haushälfte und legte sich von dem Geld einen Fiat Dukato zu. So einen Kastenwagen in Blau. Den ließ sie zu einem Wohnmobil ausbauen. „Du willst in ein Auto ziehen mit Sack und Pack?“, fragte ich. Genau das wollte sie. Ich versuchte erst gar nicht, es ihr auszureden. Meiner Mutter kann man nichts ausreden. Ich sagte zu meinem Mann: „Andere Frauen schieben mit 69 den Rollator vor sich her, meine Mutter will auf Weltreise gehen in einem blauen Bus!“ Ihr gesamtes Leben musste in das Auto passen. Es gab Tage, an denen sie mehrere Möbel auf einmal verschenkte. An anderen Tagen konnte sie sich nur unter Tränen von den Briefen und Fotos aus einer Schublade trennen. Vor allem an ihren Büchern hing ihr Herz, aber es konnte nur mit, was auf einen Tapeziertisch passte. Manche Briefe verbrannte sie im Wald und verbuddelte die Asche. Weil Rituale der Seele guttun, wie sie sagt.

"Niemals könnte ich so leben"

Als alles unter der Erde oder verschenkt war, kam sie für ein paar Tage bei mir vorbei und dann ging es los Richtung Frankreich, Spanien und Portugal. Während ich schlaflose Nächte hatte, weil mich die Bilder in meinem Kopfkino irre machten, weil ich meine zarte, eins fünfundfünfzig Meter kleine Mutter nachts mit leerem Tank, Reifenpanne, Grippe oder ohne Geldbeutel an einer einsamen Straßenkreuzung ohne Handyempfang sitzen sah, half sie bester Dinge bei der Olivenernte in einem portugiesischenDörfchen mit und durfte dafür kostenlos parken. Als der Winter kam, fuhr sie weiter nach Marokko. „Wäre ich jung, würde ich nicht alleine reisen, da könnte vieles schiefgehen“, versuchte sie mich zu beruhigen.“ Seit knapp zehn Jahren ist sie jetzt schon auf Tour. Sie bekommt nur eine kleine Rente, deshalb stellt sie sich im Ausland jottwede in die Landschaft und duscht in Schwimmbädern. Das ist günstig. Irgendwelche Menschen, die sie unterwegs kennenlernt, laden sie abends zum Grillen ein. Und wenn keine Einladung reinkommt, öffnet sie halt eine Dose Bohnen und isst alleine in ihrem Bus. Niemals könnte ich so leben, wirklich niemals.

Arbeiten, Pflege, Arbeiten

Die Kehrtwende im Leben meiner Mutter kam für mich echt überraschend. Sie war schon beinahe verbittert, weil sie ewig für andere Menschen Verantwortung getragen hatte. Immer diese Kümmerei! Zuerst pflegte sie vierzehn Jahre ihre krebskranke Mutter, meine Oma, obwohl die beiden überhaupt keinen Draht zueinander hatten. Wir wohnten bei meiner Oma im Haus, obere Etage. Mama bereitete ihr morgens die Mahlzeiten zu, ging dann zur Sparkasse arbeiten und wenn sie abends fix und fertig nach Hause kam, versorgte sie ihre Mutter. Sie verlegte eine Klingel von ihrem Bett durch das gesamte Treppenhaus bis in Omas Schlafzimmer und wurde jede Nacht ein paar Mal rausgeklingelt. Dann rannte sie. Einmal sagte ich zu ihr: „Du bist überhaupt keine richtige Mutter!“ Heute tut mir das leid. Aber sie war ja nie da. Arbeiten, Pflege, Arbeiten. 

Als Oma starb, musste sie unbedingt ihre ältere Freundin Johanna, den Drachen, zu uns holen und wieder arbeiten, pflegen, arbeiten. Wieder bis zum bitteren Ende. Ich fragte meine Mutter: „Hast du nicht mal langsam genug gepflegt?“ Meine Mutter antwortete: „Ich habe es ihr nun mal versprochen und jedes Versprechen, das man nicht einhält, ist kein geschlossener Regenbogen.“ Gut fand ich das nicht. Dass Johanna eine ganz furchtbare Kindheit hatte und vergewaltigt worden war von den Russen, entschuldigte in meinen Augen ihr unfreundliches Wesen nicht. Sie war so fordernd und undankbar, und meine Mutter so liebevoll und geduldig. Nach acht Jahren Pflege musste meine Mutter auf Kur, und Johanna kam vorübergehend in ein Pflegeheim. So blöd sich das anhört, aber ich dachte: Komm da nie wieder raus, nie wieder! Ich bekam die Ansage von meiner Mutter, Johanna jeden Tag zu besuchen. Am ersten Tag brachte ich ihr mit meinem Sohn Pascal Apfelsinen vorbei. Am zweiten Tag setzte ich aus. Als ich am dritten Tag wieder hinfuhr, dieses Mal ohne Pascal, weil der mit dem Papa angeln war, sagte Johanna: „Das kleine Arschloch ist nicht mitgekommen?“ Am vierten Tag war ihr Bett leer. Manche Wünsche werden wahr. Die Heimleitung rief meine Mutter in der Kur an und die brach zusammen. Ich musste den Rollstuhl und die anderen Johanna-Sachen aus dem Pflegeheim holen und dann sprachen wir nie wieder über Johanna.

"Sie sagt, dass die Sonne sie nährt"

Als sie mir vor zehn Jahren ihre Reisepläne verkündete, war ich in Sorge, dass sie so ganz auf sich allein gestellt sein würde ohne mich und meinen Mann. Und wir ja auch ohne sie. Damit ich mich nicht so viel sorgen müsse, erklärte sie mir, dass sie den jungen Marokkanern Zigaretten gibt, damit die auf ihr Wohnmobil aufpassen und ihr Schutz geben. Das beruhigte mich etwas. Kürzlich sagte sie: „Falls mir etwas zustößt in Marokko, sag den Behörden, sie sollen mich irgendwo verscharren, bloß keine teure Überführung nach Deutschland.“ Neulich hatte sie drei Tage Magen-Darm-Probleme, weil sie wieder am falschen Ende gespart und eine Dose aufgemacht hatte, die nicht mehr gut war. In den Spuck-Pausen setzte sie sich ans Steuer und fuhr zum nächsten Punkt ihrer Route.

Sie schlägt sich wirklich durch. Nur isst sie etwas karg, oft Fladenbrot mit Öl und ein Süppchen aus der Dose. Aber sie sagt, dass die Sonne sie nährt. Dabei kommt sie immer klapperdürr aus Marokko zurück und nimmt bei mir in Ostfriesland erstmal fünf Kilo zu.Erwische ich meine Mutter in Marokko telefonisch, dann sagt sie: „Ich stehe gerade in meiner Küche und mache mir etwas zu essen!“ In Wirklichkeit steht sie im Campingbus vor zwei Herdplatten. Es ist ja alles Miniatur. Das Waschbecken klappt man herunter, der Esstisch ist versenkt, den Fahrersitz dreht man so zurück, dass er zugleich ihr Esstisch-Stuhl ist, ihr Kleiderschrank ist in die Wand eingelassen und der ganze hintere Teil des Wohnmobils besteht aus ihrem Bett. Die Enge gibt ihr Sicherheit, sagt sie, sie fühlt sich so muckelig in dem Auto wie ein Embryo in der Gebärmutter.

"Für ihre Freiheit gab sie ihre letzte Liebe auf"

Wo sie hinfährt, entscheidet sie spontan. Mal nach Finnland, weil sie dort noch nie war, oder nach Norwegen, weil sie jemand dorthin eingeladen hat. Sie lernt ständig neue Menschen kennen auf irgendwelchen Campingplätzen.Vor fünf Jahren fing sie an darüber nachzudenken, was später mit ihrem Leichnam passieren sollte. „Ich will auf keinen Fall von Würmern aufgefressen werden“, sagte sie und überschrieb ihren Körper der Universität Essen. Dafür musste sie der Uni von ihren knapp tausend Euro Rente fünfhundert Euro zahlen, damit die ihren Leichnam abholt, wenn es so weit ist. Das war es ihr aber wert. „Dann können Medizinstudenten an mir üben“, erklärte sie mir. Ich fand das überhaupt nicht lustig, also dass sie kein Grab haben will und ich keinen Ort bekomme, an dem ich an sie denken kann. Sie möchte aber nicht, dass ich fünfundzwanzig Jahre lang Blumen pflanze und den Stein abwische. Mit dem Thema Pflege ist sie wirklich durch.

Ich schlug ihr vor, in unsere Nähe zu ziehen. Das will sie aber nicht. Vor drei Jahren verliebte sie sich noch einmal richtig in einen älteren Mann aus Wuppertal, den sie bei einem Wohnmobiltreffen kennengelernt hatte. Helmut. Sie rief mich an und sagte: „Ich muss dir was erzählen, ich habe einen Freund.“ Ich sagte: „Na, das ist doch toll!“ Sie sagte: „Aber so richtig mit allem Drum und Dran.“ Ich sagte: „Frollein, komm mir mal nicht mit einem Kind nach Hause!“ Wir lachten.

"Sie hatte mit der Liebe gar nicht mehr gerechnet"

Helmut wollte, dass sie zu ihm zieht. Sie hatte mit der Liebe gar nicht mehr gerechnet und weil sie so froh über die unerwartete Liebe war, tat sie das auch. Er hatte ein großes Haus, einen Luxus-Wohnwagen, sie hätte es sich schön machen können bei ihm. Irgendwann kam das Thema Sterben auf den Tisch und sie erzählte ihre Pläne von der Leichnam-Spende für die Uni Essen. Der Helmut sagte: „Nee, das mit der Uni streichen wir mal“, und versprach ihr ein stattliches Grab und ein tolles Begräbnis. Meine Mutter rief daraufhin bei der Uni an, meldete ihren Leichnam ab und ließ sich die fünfhundert Euro zurücküberweisen.

Aber dann passierte nichts mehr, ihr Freund kaufte kein Grab, ich vermute, er verstand die Eile nicht. Sie wollte das aber geklärt wissen, es lag ihr wirklich auf der Seele. Nach ein paar Monaten reichte es ihr, sie rief die Uni Essen an und überwies das Geld zurück. Einige Monate später hat sie sich dann von Helmut getrennt. Aber nicht wegen des Grabes. Ihr ging das Hausfrauenleben auf den Keks: aufstehen, frühstücken, einkaufen, kochen, schlafen und am nächsten Tag wieder alles von vorne. Darüber war sie ja nun gerade erst hinweggekommen dank des Wohnmobils. Sie merkte, dass sie mit Helmut wieder in die alte Rolle fiel, Verantwortung für andere übernahm, sich kümmerte, Haushälterin, Köchin und Pflegepersonal in einem war. Das wollte sie aber gerade nicht mehr. Helmut konnte sich nicht vorstellen, aus seinem großen Haus aus- und in ihr kleines, verschachteltes Wohnmobil einzuziehen. Umgekehrt wären sie in seinem Luxus-Wohnmobil nicht in verwinkelte Bergdörfer gekommen, die sie mehr interessieren als die Touristenroute. Es fiel ihr sehr schwer, der Helmut war wirklich eine große Liebe. Am Ende trennte sie sich aber und stieg wieder in ihr Auto.

"Dass ich ganz anders bin, das ist für sie in Ordnung"

Sie sagt, dass das Licht in Marokko so besonders ist, dass ihr Sonne während des europäischen Winters guttut und sie ihre Freunde aus aller Welt nicht aufgeben könne und auch die Wanderungen durch die Natur nicht; und dass sie durch das Reisen immer in Bewegung sei und ihr Körper und ihre Seele das brauchen. Dass ich so ganz anders bin als sie, dass ich nicht reisen will und nicht im Schwimmbad duschen, das ist für sie in Ordnung. „Solange du dich weiterentwickelst, finde ich alles gut, was du machst“, sagte sie kürzlich, als sie bei mir zu Besuch war. Und dann verschwand sie nach draußen in den Garten, um ihre fünf Tibeter zu tanzen und sich mit geschlossenen Augen im Kreis zu drehen ohne umzufallen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Unsere Mütter: Wie Töchter sie lieben und mit ihnen kämpfen" von Silia Wiebe. Es ist im Klett-Cotta Verlag erschienen und kostet 20 Euro. 

 


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