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60 Tage und Nächte im Bett – Da hört der Spaß auf, oder?

60 Tage und Nächte im Bett – Da hört der Spaß auf, oder?
© Getty Images
Morgens liegen bleiben. Diesen Wunsch kennt jeder. Aber wie wäre es, wenn wir es wirklich dürften – nicht nur ein paar Stunden, sondern 60 Tage und Nächte am Stück? Das wäre dann doch zu viel, oder!? Quatsch, sagt Paul. Der hat es nämlich ausprobiert
von Björn Krause (Protokoll)

Bezahlter Urlaub. Das war mein erster Gedanke, als ich davon erfuhr, dass das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt Probanden suchte, die bereit wären, im Rahmen einer Studie 60 Tageund Nächte am Stück im Bett zu verbringen. Damals hatte ich gerade eine anstrengende Masterarbeit hinter mir, mit der ich jeden Tag bis zu 14 Stunden verbracht hatte, und im Anschluss eine stressige Zeit mit meiner Doktorandenstelle. Ich brauchte eine Auszeit. Eine Auszeit, die ich mir auch leisten konnte. Für die Teilnahme an der Studie sollte es 15 000 Euro geben. Viel Geld für einen 28-jährigen Physikstudenten, der in einer WG lebt. Als ich nach dem aufwendigen Auswahlverfahren genommen wurde, dachte ich nur: Jackpot.

Kein Einkaufen mehr, nicht putzen oder kochen

Innerhalb der Forschungseinrichtung bezog ich ein Einzelzimmer auf der Probandenstation – ähnlich einem Krankenhaus, nur ohne diesen typischen Geruch. Insgesamt waren mehr als 100 Leute für unsere Betreuung und die Untersuchungen zuständig. Kein Einkaufen mehr, nicht putzen oder kochen – alles wurde für mich erledigt.

Während der Studie gab es täglich sechs Mal Essen, Snacks und richtige Mahlzeiten, die fantastisch schmeckten. Dazu Getränke mit Schirmchen und Servietten, die zu Blumen gefaltet wurden. Wie im Urlaub. Das Essen wurde individuell bis aufs Gramm genau berechnet. Butter, Käse, Salz – alles exakt abgewogen. Brot und Brötchen wurden vor Ort gebacken. Die waren so penibel, dass manchmal eine kleine Ecke fehlte, damit die Nahrungswerte stimmten. Wir mussten alles aufessen. Kein Krümel, kein Tropfen durfte übrig bleiben, dafür gab es extra kleine Plastikschaber. Einige haben die Teller sogar abgeleckt.

Eine Schulter musste immer Kontakt zur Matratze haben

Im liegen zu essen war nicht ganz einfach. Genauso wie im Liegen zu duschen. Dafür habe ich mich auf eine wasserfeste Liege gerollt und wurde in eine große Duschkabine geschoben. Viel bewegen durfte ich mich nicht. Eine Schulter musste immer Kontakt zur Matratze haben.

Die Forscher gaben mir eine Flasche zum Reinpinkeln und eine Bettpfanne. Klar, auch daran musste ich mich erst gewöhnen, aber ich bin nicht pingelig. Ab dem zweiten Tag verspürte ich ständig ein unangenehmes Druckgefühl auf Blase, Darm, Magen und der Lunge. Durch die 6-Grad-Kopftieflage hatten sich meine Körperflüssigkeiten nach oben verschoben. Aber bereits nach einer Woche hatte sich mein Körper daran gewöhnt, und damit war der anstrengendste Teil im Grunde erledigt. Der Rest war Spaß.

In der ganzen Zeit hatte ich nur einmal eine kurze Phase, in der mir langweilig war. Also richtig langweilig. Es gab immer etwas zu tun. Über den Tag verteilt fanden Untersuchungen und Experimente statt. Es gab Fernseher, Internet und einen Raum, in dem wir uns alle treffen konnten, um zu quatschen, zu spielen oder einen Film zu schauen. Ansonsten habe ich viel gelesen, „Minecraft“ gespielt, Serien geguckt.

Nach etwa 45 Tagen wurde mir bewusst, was Privatsphäre bedeutet

Viele denken, man müsse irgendwann verrückt werden oder wolle dringend aufstehen. Oder dass man sich irgendwann wund liegt oder vereinsamt. Das war nicht so. Aber nach etwa 45 Tagen wurde mir bewusst, was Privatsphäre bedeutet. Und wie unangenehm es sein kann, wenn diese dauerhaft eingeschränkt wird. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits über zwei Monate in demselben Gebäude, demselben Zimmer, demselben Bett. Ich habe viel nachgedacht. Etwa darüber, wie es sein würde, wenn ich im Alter ans Bett gefesselt sein könnte. Wie sehr man sich dann über banale Dinge freut wie Postkarten. Oder Besuch.

Einmal kam Astronaut Alexander Gerst vorbei, der sagte, wie wichtig diese Studie sei und dass er nachempfinden könne, was wir durchmachen würden. Und dass das, was wir machten, einen großen Wert für die zukünftigen Astronauten hätte. In so einem Moment rückt alles in den Hintergrund.

Meine Muskel- und Knochenmasse war geschrumpft

Die ersten Schritte nach 60 Tagen machte ich zu einem Rollstuhl, den ich zwei Tage lang benutzte. Das Gehen war anfangs sehr anstrengend. Meine Muskel- und Knochenmasse war geschrumpft. Bücken war sehr mühsam. Ich hatte fürchterlichen Muskelkater. Nach zwei Wochen konnte ich wieder normal laufen, aber bis meine ursprüngliche Kondition wiederhergestellt war, vergingen fast zwei Monate.

Der erste Tag draußen war hektisch. Die Stadt war laut, unheimlich laut. Ich lief durch Seitenstraßen, denn ich brauchte die Ruhe, an die ich mich so lange gewöhnt hatte. Am ersten Abend zu Hause legte ich mich dann tatsächlich auch gleich wieder hin – in eine heiße Badewanne mit einem kühlen Bier in der Hand.

 

 


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