Alyssa Carsson (17): Das Mädchen, das zum Mars fliegen will

Alyssa Carson will der erste Mensch auf dem Mars sein. Dafür trainiert die 17-jährige Schülerin aus Louisiana, seit sie denken kann.

Hier schreibt Yvonne Adamek

Alyssa Carson steht in der heißen Sonne Floridas und lässt sich ein Softeis mit Schokoglasur schmecken. Die Menschen in der Schlange vor ihr bewegen sich langsam vorwärts. Gleich kann sie in den „Incredible Hulk“ einsteigen, eine 1,2 Kilometer lange Achterbahn in einem Erlebnispark in Orlando. Mit Waggons, die in einer Spitzengeschwindigkeit von 108 Stundenkilometern durch die Loopings rasen, ist es die Art von Fahrgeschäft, vor dem man lieber nichts mehr isst. Während die ersten Fahrgäste vor Aufregung schon sämtliche Gesichtsfarbe verlieren, schiebt die 17-Jährige sich die Waffel in den Mund. „Kann losgehen!“

Für jemanden, der schon mit einer Boeing zuerst steil auf 8000 Meter Höhe gestiegen und beim anschließenden 3000-Meter-Sturzflug schwerelos durch den Bauch der Maschine geschwebt ist, fühlt sich eine Achterbahn vermutlich eher wie eine Kaffeefahrt an.

Wenn für Alyssa alles läuft wie geplant, sitzt sie in 14 Jahren in der ersten bemannten Raumfahrtmission Richtung Mars. Dann wird sie als erster Mensch der Geschichte einen Fuß auf den roten Planeten setzen. Wird nach Lebenszeichen suchen, Lebensmittel anbauen und das Grundgerüst für weitere Forschungen und Missionen, vielleicht für eine Besiedelung schaffen. „Ein bisschen so wie im Film ‚Der Marsianer‘ mit Matt Damon“, sagt sie. „Nur ohne die Sandstürme. Die gibt es auf dem Mars nämlich gar nicht.“ Es ist nicht immer einfach, Laien zu erklären, worauf genau sie hinarbeitet. Deshalb hat sich Alyssa angewöhnt, Vergleiche mit halbwegs akkuraten Science-Fiction-Filmen zu ziehen.

Es begann mit einer Comicsendung

Alyssas Leidenschaft für den roten Planeten entbrannte vor dem Fernseher. „Als ich drei Jahre alt war, sah ich eine Comicsendung, in der fünf Freunde für ein Abenteuer zum Mars flogen.“ Begeistert quetschte die Kleine alles aus ihrem Vater heraus, was er über unser Planetensystem wusste. Ben Carson arbeitete damals als Kameramann für einen TV-Sender und dachte, dass seine Antworten den Wissensdurst einer Dreijährigen stillen würden. Nicht ganz. Bald schon studierte Alyssa Landkarten vom Mars, sah sich Dokumentationen über Rover-Landungen an, träumte von ihrer eigenen Mission.

Ein bisschen klingt diese Geschichte nach kitschigem Hollywoodfilm. Aber die Schülerin schwört, dass alles genau so abgelaufen ist. Ihr ist es wichtig, dass die Leute verstehen, dass ihre große Mars-Sehnsucht ganz allein von ihr ausgeht. „Vermutlich wäre es meinem Vater sogar lieber, wenn ich mir etwas weniger Gefährliches ausgesucht hätte.“ Ben Carson stehen die Tränen in den Augen, wenn er darüber nachdenkt, dass sich der Traum seiner Tochter 2032 wirklich erfüllen könnte. Seit seine Frau gestorben ist, ist Alyssa alles, was er noch hat. Also steckt er seine gesamte Energie in die Erfüllung ihrer Träume. „Die nächsten 14 Jahre sind uns sicher“, erklärt Alyssa mit der Klarsicht einer Erwachsenen. „Was danach kommt? Wir werden sehen!“ Denn auch, wenn eine Rückkehr nach drei Jahren Mission wahrscheinlich scheint, sicher ist bislang noch nichts. Für Alyssa ist das ein Opfer, auf das sie sich schon ihr Leben lang vorbereitet.

Schnupperkurs für Nachwuchsastronauten

Als sie sieben war, schenkte ihr Vater ihr den ersten Aufenthalt in einem Space Camp – eine Art Schnupperkurs für Nachwuchsastronauten. „Das beste Wochenende meines Lebens! Ich saß zum ersten Mal in einem Raumfahrtsimulator und drehte mich in einer Zentrifuge – wie richtige Astronauten.“ Ihre Begeisterung war so groß, dass sie noch 18 Mal an diesem und anderen Camps teilnahm. Mit zwölf war sie die erste Person, die jemals alle drei Nasa Space Camps in Alabama, Quebec und Izmir absolviert hatte. Seitdem weiß sie, wie man Computerprogramme schreibt und was ihr Körper alles aushalten kann.

Während ihre Schulfreunde auf Partys gehen oder sich zum Bummeln im nächsten Einkaufszentrum verabreden, belegt Alyssa an ihrer Highschool Extra-Kurse, um fließend Spanisch, Russisch, Chinesisch und Französisch zu lernen. In Mathe und Biologie ist sie bereits auf College-Niveau. Jede Zusatzqualifikation erhöht ihre Chancen auf Erfolg. Ausflüge wie der zum Erlebnispark in Orlando sind eher die Ausnahme. Und genau deshalb hat sie sich fest vorgenommen, jede Sekunde zu genießen. Sie klappt den Bügel der Achterbahn über ihre Schultern. Schmale Figur, langer Pferdeschwanz, in diesem Moment sieht sie so aus wie all die anderen Teenager in den Sitzen vor und hinter ihr.

Der Traum von der Schwerelosigkeit

Vor zwei Jahren tat Alyssa ihren bisher wohl wichtigsten Schritt in Richtung Mars-Mission: Sie schloss als jüngste Absolventin überhaupt die renommierte Advanced Possum Academy, eine fünftägige Schulung der Nasa für herausragende Schüler und Studenten, ab. Um bei einem Parabelflug wirkliche Schwerelosigkeit zu erfahren und in verschiedenen Hightech-Geräten das Leben von Astronauten im All zu simulieren, ließ sie sich extra vom Unterricht freistellen. 900 bis 3500 Euro kosten solche und ähnliche Erfahrungen. Das Geld dafür erhält sie entweder über Stipendien oder sie verdient es selbst, indem sie Motivationsreden an Schulen, Universitäten oder auf Messen hält.

Alyssas Lebensinhalt ist die Optimierung ihres Lebenslaufs. In einem Alter, in dem manche Teenager noch nicht einmal unbeaufsichtigt ein Ei kochen können, weiß Alyssa alles über die Grundlagen des Weltraums, simuliert Missionen und baut ihre eigenen Raketenmodelle. Oft sitzt sie bis nachts über ihren Büchern. „Leider fliegt mir der ganze Stoff nicht zu.“ Doch sie hat ihr Ziel immer vor Augen: Astro-Biologin werden und sich mit jedem weiteren Camp besser für die MarsMission qualifizieren. Ihrer Freundin Camille bereitet das manchmal Sorgen: „Sie ist so oft weg, und irgendwann wird sie vielleicht einfach nicht mehr zurückkommen. Vielleicht wird sie niemals eine Familie gründen.“

Nie Familie haben – dieses Argument hat Alyssa schon oft gehört. Meistens lächelt sie es höflich weg. „Wäre ich ein Junge, würde mich das niemand fragen!“ Außerdem wären ihre Pläne sowieso viel größer als sie selbst. „Ich will erforschen, ob wir auf dem Mars leben, ihn vielleicht sogar besiedeln können.“ Wenn alles gut läuft, wäre sie mit 36 wieder zurück auf der Erde. „Dann habe ich immer noch genug Zeit, um eine Familie zu gründen.“

Aber was, wenn das Undenkbare eintritt? Wenn sie womöglich nicht für die Mars-Mission ausgewählt wird? Denn egal, wie viel sie trainiert, wie viele Nächte sie durchbüffelt: Eine Garantie, dass sie wirklich als erster Mensch zum Mars fliegen darf, gibt es nicht. Nur alle paar Jahre stellt die Nasa Astronautenanwärter ein. Auf etwa zehn freie Plätze bewerben sich Tausende Aspiranten. Alle haben einen ähnlichen Traum wie Alyssa und absolvieren ähnliche Ausbildungen. Allerdings hat wohl keiner so früh damit angefangen. Alyssa versucht, das positiv zu sehen. „Es wäre nicht so schlimm, auf der Erde zu bleiben. Als Astro-Biologin kann ich auch von hier unten viel erreichen.“ In einem Jahr dürfte sie sich zum ersten Mal offiziell um einen Job in der Forschung bei der Nasa bewerben. Dann könnte sie herausfinden, wie gut ihre Chancen tatsächlich stehen. Aber Alyssa will lieber noch warten, um weiter an ihrem Lebenslauf zu feilen. Ihr nächstes Ziel: zum Studium am renommierten Florida Institute of Technology angenommen zu werden. Ihre Chancen stehen ziemlich gut.


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