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Barbara und Jessica Schwarz sind jetzt mal mutig

Barbara und Jessica Schwarz sind jetzt mal mutig
© Patrick Runte
Barbara Schöneberger: Jessica, ganz ehrlich: Ich weiß gar nicht, ob ich für Mut und Abenteuer überhaupt die richtige Gesprächspartnerin bin.
von Stefan Bartels

Jessica Schwarz: Wieso?

Ich empfinde mein Leben als maximal abwechslungsreich und exakt so bunt, wie ich es vertrage. Ich weiß gar nicht, ob ich der Typ bin, der die Welt erobern möchte. Oder jemand, der bloß mit einem Zelt und einem Lkw jeden Tag in einem anderen Land sein und alles sehen will. Ich bin auch ganz gern zwischendurch zu Hause.

Jessica: Kann ich bei dir gut verstehen. Ich finde es bewundernswert, wie viel du machst. Du bist ständig im Fernsehen! Dann noch dieses Magazin. Ich halte mich ja schon für beschäftigt, aber du …

Bei dir ist es schlimmer.

Schlimmer? Warum?

Du bist so viel am Stück weg, wenn du drehen musst. Sechs Wochen Hamburg, vier Wochen Frankfurt … Oder Wolfenbüttel, wo man nicht schnell woanders hinkommen kann. Ich bin nur eine Nacht von zu Hause weg.

Stimmt schon, ich war gerade eine komplette Woche in Hamburg. Da ist dann ein drehfreies Wochenende in Wien ein Abenteuer für sich. Aber auch ich empfinde mein Leben nicht als sehr abenteuerlich. Nicht mehr.

Früher war mehr los?

Eigentlich nicht. Aber ich habe schon so viele Dinge erlebt, der Neuigkeitswert ist bei vielem verloren gegangen, und gerade das macht doch ein Abenteuer aus: dass es neu ist und wild und noch nie erlebt. Heute ist es ja fast normal, mit drei Freundinnen nur für ein Konzert nach Manchester zu fliegen. Vor 18 Jahren war das noch spektakulär. Ich glaube, ich habe eine Art Abenteuerhornhaut bekommen.

Na ja, du hast aber auch schon als Teenager die Latte sehr hoch gelegt.

Du meinst meine Modelei?

Genau. Mit 16 zwischen New York, Bangkok und Tokio zu pendeln – das ist ganz schön abenteuerlich. Und mutig!

Das ist schon über 20 Jahre her, trotzdem ist mein Leben im Prinzip noch immer so. Wahrscheinlich besteht für mich das echte Abenteuer darin, länger als zwei Wochen zu Hause zu sein. Keine Ahnung, ob ich das hinkriege.

Bei mir ist es genau andersherum. Ich halte es nicht so lang woanders aus. Letztes Jahr waren wir in einem kleinen Haus direkt am Meer in den Ferien. Und nach fünf Tagen hat mein Mann zu mir gesagt: „I think we had it.“

Und dann?

Musste ich ihm zustimmen. Und wir sind dann einen Tag früher als geplant zurückgefahren. Wir hatten genug von Meer und vom Fisch auf dem Teller.

Ich würde das durchziehen. Aber auf der anderen Seite: Ich schaffe es im Urlaub nicht, an einem Ort zu bleiben. Meine Schwester ist noch schwieriger als ich. Selbst beim Ayurveda auf Sri Lanka …

Ayurveda! Wie schlimm! Da kann man ja überhaupt nichts machen außer Tempelgucken!

Genau. Und meine Schwester so nach drei Tagen: Wir müssen hier raus, ich will was von Sri Lanka sehen. Das gab ordentlich Ärger mit der Oberhexe dort. Wir wurden streng ermahnt, das Gelände nicht zu verlassen. Das war meiner Schwester allerdings egal.

Dabei ist Ayurveda nun wirklich ein großes Abenteuer für den getriebenen Mitteleuropäer.

Ja, da hast du recht. Diese Ruhe …

Die ewige Entspannung …

Und dieses dauerhafte Wohlbefinden …

Schrecklich! Wie soll man das nur aushalten?

Mir kommt das wie Verschwendung vor. Von Zeit einerseits. Und andererseits: Wenn man um die halbe Welt fliegt, dann möchte man ja auch etwas von ihr sehen. Ich muss mich dann auch irgendwie bewegen. Selbst hier in Hamburg. Ich habe Kollegen, die können den ganzen Tag schlafen, wenn wir Nachtdreh haben. Ich bin dann schon nach Blankenese gelaufen und mit dem Schiff wieder in die Stadt gefahren. Das Treppenviertel in Blankenese muss man echt mal gesehen haben. Und dann sitze ich da beim Tee und denke: Hätte ich mich doch lieber ausruhen sollen? Bekloppt, oder?

Blankenese ist Bettruhe vorzuziehen. Doch ich kenne diesen Zwiespalt auch gut, wenn ich woanders bin – soll ich jetzt noch was erleben oder mich lieber erholen? Aber machen wir uns nichts vor: Erholung fühlt sich manchmal an wie Verschwendung von Lebenszeit. Ich kenne mich außerdem gern aus in den Städten, in denen ich arbeite.

Und wie gehst du das an?

Ich erkunde sie zu Fuß oder mit dem eigenen Auto, da kriege ich am meisten mit. Ich weiß in allen deutschen Großstädten in etwa, wo was ist – bis auf Düsseldorf und Frankfurt. Das hilft mir wahnsinnig. Es gibt mir ein Zuhause-Gefühl. Und das Gefühl, selbstbestimmt zu sein. Ich liebe das.

Genau das ist das Beste, das ich durch meine Modeltätigkeit gelernt habe. Ich verlaufe mich nicht, nie. Ich kann das nicht, seltsam. Deshalb machen mir neue Städte nie Angst – und fast immer Spaß. Ich brauche kein Navi.

Ich verzichte auch gern drauf. Und wundere mich über Leute, die ohne Navi nicht mal den Weg zum Klo finden.

Kennst du solche Leute?

Und ob. Zum Beispiel eine Frau, die kannte immer nur den Weg vom Büro zu sich nach Hause. Dann zog sie um. Und wusste nicht mehr, wie sie von ihrer neuen Wohnung ins Büro kommt. Aber sie wusste, wie sie von dort zum Hauptbahnhof kam und wie sie vom Hauptbahnhof zum Büro kam. Sie ist dann jeden Tag in Köln erst zum Hauptbahnhof gefahren und dann ins Büro – ein monströser Umweg. Unglaublich, was Leute so in Kauf nehmen, um sich sicher zu fühlen.

Vielleicht fehlt ihr der Mut, sich auf eine neue Strecke einzulassen. Bis du mutig?

Hm. Mut ist ja etwas, das man braucht, um über seine eigenen Grenzen zu gehen. Das mache ich relativ selten.

Aber du machst Schallplatten und gibst Konzerte.

Oh, da hatte ich echt Schiss. Es hat Nerven gekostet und Kraft. Aber ich habe gemerkt: Ich bekomme das hin. Das hat mir in meinem Berufsleben vieles erleichtert. Es hat mich stärker gemacht, und es waren die Momente im Job, die mich weitergebracht haben.

Apropos Beruf: Juckt es dich manchmal, einfach etwas ganz anderes zu machen?

Ich bin recht froh, dass ich mit über 40 weiß, wer ich bin und wer nicht. Ich bin nicht der Typ, der von Fernweh getrieben ist. Ich kenne das aus dem Freundeskreis: Eine Familie mit drei Kindern, extrem gesettelt, in dem schönsten Haus der Welt, die haben gesagt: Wir müssen uns verändern, wir gehen nach Spanien. Die wohnen jetzt dort in einer Ferienwohnung, haben alles hier zurückgelassen und finden es total cool. Und weißt du auch, warum?

Na?

Weil sie verstanden haben, dass sie es können. All diese Leute, die aus irgendwelchen Gründen mal ihr Zuhause verlassen mussten, um nur mit drei Koffern für eine Weile woanders zu leben, die haben hinterher alle gesagt, dass es die glücklichste Zeit ihres Lebens war. Du stehst morgens nicht stundenlang vorm Schrank, du fragst dich nicht, mit welchem Geschirr du heute den Tisch deckst – du machst alles total reduziert.

Ein reduziertes Leben. Toll. Aber das ist doch nichts für dich.

Gedanklich bin ich da schon. Aber ich liebe es dann doch, morgens den Geschirrschrank zu öffnen und den Tisch schön zu decken.

Ich hatte in meinem Leben schon solche Reduktionsmomente. Zum Beispiel bei VIVA aufzuhören, ohne eine andere Perspektive zu haben. Oder das Modeln zu lassen, ohne Plan B. Und ich habe gemerkt, wie toll das ist, sich aus so einem alten Leben zu befreien und in ein neues reinzugehen. Ich habe es immer gemocht, auch Dinge so zurückzulassen.

Aber du kannst auch festhalten. In deinem Heimatort Michelstadt hast du ein Hotel.

Stimmt, die „Träumerei“, mit meiner Schwester. Und wir erweitern jetzt um fünf Zimmer, auch das ist ein Abenteuer. Das kribbelt in den Fingern! Und dann muss man natürlich nach Frankfurt auf die Ambiente.

Oh, die große Einrichtungsmesse! Darf ich mitkommen?

Ist schon vorbei, ich hätte dich gern mitgenommen. Es war so toll, es ist wirklich ein richtiger Mädchentraum.

Was ist denn der Trend dieser Saison?

Die Zimmerpflanze kommt ganz stark zurück.

Gott sei Dank! Ich habe nämlich Zimmerpflanzen. Bananenbäume in Kombination mit Zimmerlinden. Früher undenkbar und spießig. Heute finde ich es super!

Ist doch toll. Das holt das Abenteuer, den Dschungel sozusagen, in die eigenen vier Wände. Du musst dann gar nicht mehr im Freien campen.

Die Zeiten sind eh vorbei. Bei dir nicht?

Ach, ich mag es schon, Urlaub inmitten der Natur zu machen. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal mit meinem Freund und seinen beiden Töchtern auf einer Fernreise, auf Sansibar. Die Tiere, die Farben, das Leben in Afrika – für die Kinder waren das so spannende und aufregende Ferien.

Sich mit einem Mann zusammenzutun, der zwei kleine Töchter hat – das ist doch auch irgendwie mutig.

Jessica: Es ist meinem Freund zu verdanken, dass das gut klappt. Er hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, dass ich bedingungslos und gleichberechtigt zur ganzen Familie gehöre. Er hat darum gekämpft, dass es funktioniert. Das hat mich ganz schön beeindruckt. Und Mut brauchte ich anfangs gar nicht. Da war ich hormongesteuert. Aber ich stürze mich schon mutig in Sachen. Und habe dann auch einen ziemlichen Dickschädel, um zu erreichen, was ich will.

War es eigentlich abenteuerlich auf Sansibar?

Wie man es nimmt. Wir haben in einer Hütte gewohnt, in der uns gleich drei große Spinnen begrüßt haben.

Um Gottes willen.

Während ich kreischend auf dem Bett stand, sahen mich die Kinder verständnislos an und sagten: Was hast du denn, die sind doch total süß.

Süß? Eher nicht. Mir ist auf meiner Hochzeitsreise eine Spinne in einer sehr intimen Situation begegnet.

Sex?

Klo! Da bin ich auf eine Spinne getroffen, die so groß war wie meine Handfläche. Um aufs Klo zu gehen, musste ich dieser Spinne den Rücken zuwenden. Und dann saß ich da, laut quiekend, und hatte solche Angst vor diesem Ding. Und man weiß ja: Wenn man eine sieht, dann sind da auch noch andere.

Vor allem war es ja auch ihr Haus.

Wir hatten es gemietet!

Nur war sie die Ureinwohnerin, sorry.

Letztendlich hat sie ja auch meine Angstlust befriedigt.

Angstlust?

Ja. Du denkst: Wird schon gut gehen. Nur kannst du nie sicher sein. Wenn ich bedenke, was wir früher alles gemacht haben, oder? Ich war fünf Wochen in Malaysia, ohne Telefon, habe nur Streetfood gegessen und in offenen Hütten geschlafen. Wenn man jung ist, dann ist man manchmal mutiger.

Ich könnte heute keine fünf Wochen mehr wegfahren. Zu lang. Drei sind perfekt.

Drei Wochen am Stück hatte ich seit Jahren nicht mehr. Höchstens eine Woche.

Zu kurz. Ich war neulich sieben Tage für ein Kinderhilfswerk in Guatemala, das hat vorn und hinten nicht gereicht.

Guatemala? Aber dann hast du doch Abenteuer. Ich war kürzlich für eine Nacht in Braunschweig.

Oh. Ich weiß nicht, was jetzt das größere Abenteuer ist.

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