Bei Anruf Mord: Der Rattenfänger von Hamburg

Millionen von Ratten leben in Großstädten. Sie haben kaum natürliche Feinde und hauen sich alles in den Wanst. Auch Gift. Kammerjäger Dennis Kalff jagt die Nager. Sein Revier sind Hinterhöfe und Großküchen von Hamburg. 

von Björn Krause

Mäuse“, sagt Dennis Kalff, der gerade einen Fraßköder in die Falle legt, „Mäuse knabbern meist nur ein kleines Loch in den Beutel. Aber Ratten fressen oft den kompletten Köder samt Verpackung.“ Kalff ist Schädlingsbekämpfer, jagt je nach Saison insgesamt mehr als 20 verschiedene kriechende, krabbelnde, fliegende Viecher. Kakerlaken, Bettwanzen, Speckkäfer, Flöhe. Im Sommer Wespen, Hornissen und Fliegen, jetzt zu 95 Prozent Nager. Draußen kühl, drinnen schön warm – genau das mögen Mäuse. Und Ratten.

Pro Einwohner zwei Ratten

Ratten – allein dieses Wort lässt Menschen auf Stühle springen und die Fußnägel hochklappen. Ihr Körper wird 20 bis 25 Zentimeter lang, genauso der Schwanz – ein flinker halber Meter, der beim Müllwegbringen an einem vorbeihuschen könnte. Es wird davon ausgegangen, dass auf jeden Einwohner zwei Ratten kommen. Genau genommen geht es in Deutschland um Wanderratten, die Dutzende Erreger mit sich spazieren tragen, SARS zum Beispiel oder Salmonellen. Deswegen ist jeder verpflichtet, Rattenbefall beim Institut für Hygiene und Umwelt zu melden und ihn zu bekämpfen. Oder jemanden zu beauftragen, der beide Aufgaben übernimmt.

Schädlingsbekämpfung seit Generationen

Der Schädlingsbekämpfer sticht ein Loch in den Beutel, damit sich der Duftstoff des Köders verbreitet. Das wiederholt er bei einer Handvoll weiterer Fallen, die er bereits vor ein paar Tagen auf der Rückseite des Hamburger Großmarktes aufgestellt hat. Hier gibt es Gewässer, Lebensmittel, Gebüsche zum Verstecken. Ideale Bedingungen für Ratten. Bis der Kammerjäger kommt. Der macht keine halben Sachen, hört erst auf, wenn der Job erledigt ist. Kalff, breit und groß, erinnert mit seinem rasierten Kopf und den Ohrringen an einen Käfigkämpfer. Die harten Züge in seinem Gesicht haben jedoch selten eine Chance gegen sein herzliches Lächeln. Das liegt in der Familie, die bereits in vierter Generation im Geschäft ist – Uropa Walter, der Ratten auch mal mit der Schaufel erschlug, Opa Kurt, der Gift im Betonmischer anrührte, Vater Norbert, der zwar Privatier ist, aber immer noch rausfährt, und er, Dennis Kalff, der über Push-Benachrichtigungen auf seinem Smartphone erfährt, wenn eine seiner Funkfallen zugeschnappt hat.

Ratten sind schlau. Und sie sind überall.

Kalff, der schon als kleiner Junge Köder mit seinem Opa ausgelegt hat, sucht das Gelände nach Hinweisen ab. Kot deutet feucht glänzend darauf hin, dass erst vor Kurzem eine Ratte da gewesen ist. Und Isoliermaterial, das aus Wänden rausschaut, Dämmwolle beispielsweise. „Im Sommer kann man auf Wiesen die Laufwege der Tiere entdecken“, sagt der Kammerjäger. Kleine Loipen im Gras, das von den pelzigen Bäuchen platt gedrückt wurde.

Langsamer Tod

Tote Ratten findet der 41-Jährige heute nicht, findet er eigentlich fast nie. Weil das Gift in den Fallen nicht so hoch dosiert ist, dass die Nager sofort sterben, sondern erst nach ein paar Stunden, spätestens aber nach einem Tag, je nachdem, wie viel Gift gefressen wurde. Bis dahin haben sich die Tiere längst verkrümelt. „Würde der Wirkstoff sofort einsetzen, könnten die anderen Tiere den Zusammenhang zwischen dem Tod und dem Köder herstellen und würden nichts mehr davon fressen“, erklärt Kalff. Ratten sind intelligent. Und genetisch anpassungsfähig. Deshalb darf das Gift auch nicht unterdosiert sein. „Dann können sich Ratten an den Wirkstoff gewöhnen und dagegen eine Resistenz bilden. Die wird vererbt, wodurch die nächste Generation immun wäre.“ Alles schon vorgekommen, mehrmals. Inzwischen sind mehr Gifte wirkungslos als wirksam. Zwei bis vier Tonnen verbraucht der Schädlingsbekämpfer pro Jahr.

Das Fort Knox unter den Schädlingsbekämpfern

Das Kalff-Imperium befindet sich in Barsbüttel bei Hamburg. Ein eingezäuntes Gebäude, überwacht von Nachtsichtkameras, am Ende einer Sackgasse. Auf dem Gelände stehen zwei Schiffscontainer mit Spezialequipment, daneben der Fuhrpark, Kombis und SUVs, die alle ein K im Nummernschild tragen.
Im Inneren lagern Dosen, Spritzen, Fallen, beidseitig beschriftete Kisten in fünf Gängen sortiert, so ordentlich wie in einer Bibliothek. „Die meisten Produkte sind ohne Chemikalien“, erzählt Kalff. Darauf legt er großen Wert. Die ätzenden Sachen lagern in einem Gefahrenstoffschrank, der gesichert ist wie ein Waffenschrank. Darin Dosen und Flaschen, die pro Stück mehr als 200 Euro kosten. Zusammen mit dem anderen Zeug ist das Kalffsche Lager so etwas wie das Fort Knox unter den Schädlingsbekämpfern.
Hochkonzentriertes insektizides Spezialspray liegt hier herum, mit „schlagartigem Knock-down“ und „Kill-Effekt“. Daneben Festköderblöcke in schwarzen und blauen Plastikwannen, bestehend aus lila schimmernden Haferflocken, Mais und Brotstücken, sowie Dosen mit Kontaktschaum, der den Nagern im Fell kleben bleibt und beim Putzen gefressen wird. Viele, viele kleine Plastikdöschen, gestapelt und befüllt mit Rattengift, das Kalff mitentwickelt hat. Und Pasten, ein gelartiges Fraßgel in Kartuschen, Rodentizide sind da drin, die vom Hersteller liebevoll beworben werden mit: „Duftend und verführerisch. Biss für Biss. Nur einmal lecker.“

Vanille oder Curry Aroma für die Ratten

Es gibt auch die klassischen Schlagfallen, die man aus „Tom und Jerry“-Comics kennt und in Drogerien kaufen kann. Kalff legt darin aber keinen Käse aus, sondern Köder mit den Aromen von Nussnugat-Creme, Vanille oder Curry. „Diese Düfte sind intensiver und halten länger“, sagt er. Es gibt einen riesigen Markt, in den vergangenen Jahrzehnten wurde intensiv geforscht bei der Schädlingsbekämpfung. „Vor 40 Jahren ist alles tot umgefallen, was Gift gefressen hat“, erzählt Kalff – auch Hunde, Katzen und Igel. Heute ist der Wirkstoff niedriger dosiert. Und Bitterstoffe sorgen dafür, dass eigentlich alles und jeder die Köder sofort ausspuckt. Bis auf Ratten. Die fressen alles. Und können vieles. Auf der Suche nach Futter und Wärme kriechen sie durch Löcher, Spalten und senkrechte Fallrohre – sogar hoch.
Ratten basteln sich ihre Nester unter anderem auch aus Binden, Tampons, Feuchttüchern. Dingen, die gern die Toilette hinuntergespült werden, sich dort aber nicht zersetzen. Manchmal dienen ausgerechnet Hygieneartikel den Ratten als Leiter bis hoch in die Toilettenschüsseln. In einem solchen Fall sollte sofort gespült werden. „Nicht mit der StartStopp-Taste, sondern unökologisch volle Pulle, bis die Ratte wieder unten ist“, rät Kalff.

Immer ein Blick hinter die Kulissen der Stadt

Nach dem Markt war Kalff noch auf Patrouille in einer Raucherkneipe in Rothenburgsort und in der Großküche eines Millionenunternehmens in der Hafencity. Alles Routinebesuche, bei denen er mit Handschlag und flotten Sprüchen begrüßt wurde. „Ich liebe meinen Job“, sagt Kalff. „Denn ich fahre den ganzen Tag durch die tollste Stadt der Welt und schaue an interessanten Orten hinter die Kulissen, die sonst kaum jemand sieht.“ Ein Frauengefängnis, Containerschiffe, Bordelle. Überall sind Menschen froh, wenn er kommt. Und erleichtert, wenn er wieder weg ist. „Das gehört auch dazu“, sagt Kalff. „Ich erwarte keine große Dankbarkeit, sondern bin ein Dienstleister, der seine Arbeit gern macht. Fertig.“

In der Küche findet gleich die Einsatzbesprechung für den Nachmittag statt. Auf dem Tisch stehen IkeaTassen, befüllt von einem Kaffeevollautomaten mit HSV-Logo, Knabberkram und ein Glas mit toten Bettwanzen. Rauchen ist erlaubt, Lachen erwünscht. Insgesamt 13 Mitarbeiter gibt es, viele sind Familienmitglieder. „Der Rest wurde eingenordet“, sagt Papa Norbert, dessen Frau Margitta im Büro arbeitet. Genauso wie Dennis Kalffs Frau Agatha, seine Jugendliebe. Die beiden sind seit 24 Jahren zusammen, 13 davon verheiratet, und haben eine 9-jährige Tochter. Die fünfte Generation der Schädlingsbekämpfer scheint aber eher unwahrscheinlich.

Kein beliebter Job

„Mein Beruf ist für Mädchen und Frauen wenig sexy“, sagt Kalff. Und auch Männer reißen sich nicht unbedingt um seinen Job. Derzeit sucht das Unternehmen dringend Nachwuchs. Ohne Erfolg. Dabei ist der Schädlingsbekämpfer ein anerkannter Ausbildungsberuf mit Zukunft.
Rein rechnerisch und unter der Annahme, dass die Geschlechtsreife einer Wanderratte nach vier Monaten eintritt, die Tragzeit 23 bis 30 Tage beträgt und die mittlere Nachkommenschaft pro Wurf acht Stück umfasst, wovon vier Weibchen sind, bringt eine weibliche Wanderratte in einem Jahr 1952 Kinder und Kindeskinder hervor. Unter natürlichen Bedingungen sind es aufgrund einer geringeren Reproduktion immerhin noch 500 Nachkommen. Und dann sind da noch die Käfer, Schaben, Wanzen, Flöhe, Motten, Fliegen … Wenn ein Schädlingsbekämpfer also zum Arbeitsamt geht, dann nicht, weil er einen Job sucht. Sondern höchstens, weil er einen hat.

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