Bitte nur Bio-Vollkorn! Stressfaktor Brotdose

Er ist völlig unterbewertet: Der emotionale Ärger, den Brotdosen in deutschen Haushalten auslösen. Mütter können ein Lied davon singen, wie die Frage nach Roggen, Weizen, Käse oder Wurst die Nation spaltet. 

von Viola Kaiser

Es wirkt wie eine Lappalie, dabei bin ich sicher, dass das Thema Brotdose für einen Großteil der Scheidungen in Deutschland zumindest mitverantwortlich ist. Wenn es um Brotdosen geht, geht es nämlich nie nur um Brotdosen – es geht darum, wer den Nachwuchs richtig und vorbildlich fürs Leben ausstattet. Es geht hier nicht nur um Roggen, Leberwurst, Käse und Gurken, es geht ums Prinzip. 

Manche Mütter stechen Brot in Sternenform aus

Wie ich darauf komme, dass das ein heißes Thema ist? Ich habe mit anderen Müttern darüber gesprochen – und es hat Wellen der Emotion ausgelöst. "Die Brotdosen machen mich fertig", sagte meine eine Freundin abends bei einem Bier und verdrehte die Augen. "Brotdosen sind ein echtes Problem. Es geht ja nicht nur um die Brotdose, sie steht dafür, wie gesund du dein Kind ernährst, wie gut du es versorgst. Letztlich steht sie dafür, was für eine Mutter du bist". Dann entwickelte sich eine Diskussion darüber, ob man Knäckebrot in Brotdosen tun darf ("Das wird doch matschig") und wie genau Äpfel geschnitten sein müssen ("In exakt gleich großen Schnitzen"), damit der Sohn meiner Freundin sie auch gut findet.

"Warum machen das eigentlich nicht unsere Männer?" rief eine von uns laut. "Thomas kann die Äpfel nicht so schneiden, dass Linus sie isst", rief eine andere dazwischen. Dann mussten wir alle lachen. Bis sie ernst und flüsternd hinzufügte "Ehrlich, er isst die dann nicht!". Dann gestand sie, dass sie das Brot sogar eine Zeit lang in Sternform ausgestochen hatte, damit ihre Kinder es nicht wieder mit nach Hause bringen. Mir erschien das in diesem Moment völlig normal: Es gibt schließlich sogar Mütter, die Gesichter ins Gemüse schnitzen. Ernsthaft.

Man kann es nicht richtig machen!

Als ich meiner Kollegin erzählte, dass ich glaube, dass die Brotdose in deutschen Haushalten ein wichtiges Thema ist, war sie sofort Feuer und Flamme: "Tolles Thema! Mein Mann macht das bei uns, weil ich es so hasse!". Da hatte sie nicht nur eine große Weisheit gelassen ausgesprochen. Denn auch ich hasse die Brotdose. Von ganzem Herzen. Nie hat man genug Zeit dieses äußerst wichtige Stück Versorgung zu präparieren, vorbereiten kann man sie auch schlecht, weil dann alles pappig schmeckt. Und richtig machen kann man bei dem Thema ohnehin nichts. Keine Chance! Entweder das Kind nörgelt (es hätte am liebsten Nutellatoast mit stinknormalem Weizenmehlbrot) oder die Lehrerin ("Bitte nur Bio-Vollkorn, Gemüse und Obst in die Brotdose!").

Ja, an manchen Schulen wird beim Elternabend ein Beispiel für die perfekte Brotdose gezeigt, die mit der Realität einer Durchschnittsmutter nichts zu tun hat. Tatsächlich hängt an unseren Klassenzimmern ein Din-A-4-Zettel mit einer Info darüber, warum Quetschies direkt aus der Hölle kommen. Um die "Lappalie Pausensnack" wird ein Wahnsinnsdruck aufgebaut. Ich war richtig erleichtert, als meine Tochter neulich mit geschocktem Blick verkündete: "Mama, Paulina hatte eine Milchschnitte in ihrer Brotdose". Noch besser fühlte ich mich, als sie mir erzählte, dass Karl seine komplett vergessen und GAR KEIN Brot dabei hatte. Er hat die sechs Stunden ohne übrigens überlebt. Seine und Paulinas Mutter haben alle meine Sympathien.

"Wer kümmert sich jetzt um die Sch***-Brotdose?! Immer muss ich das machen!"

Abgesehen davon hat diese beknackte Brotdose zu ernsthaftem Ärger zwischen meinem Mann und mir geführt. Irgendwie will ich nämlich die Verantwortung für dieses leidige Thema nicht haben, aber irgendwie übernehme ich sie dann doch immer wieder. Es kam auf jeden Fall schon vor, dass ich im Streit brüllte "Und wer kümmert sich jetzt um die Sch***-Brotdose?! Immer muss ich das machen!"  – und dabei fast in Tränen ausbrach. Warum ich dabei so ein emotionales Wrack bin? Keine Ahnung. Aber seit letzter Woche weiß ich, dass ich nicht allein damit bin.

Dabei schneide ich übrigens Äpfel sehr unregelmäßig, außerdem kriegt mein Kind manchmal Knäckebrot mit, auch wenn das in der großen Pause nicht mehr knackt und keinerlei Sternen- oder Herzform aufweist. Blaubeeren muss man nicht zerkleinern, fiel mir jüngst ein: Deswegen gibt es die jetzt öfter. Alles in allem kann man sagen: Meine Brotdose sagt nicht: "Du bist die perfekte Mutter!". Sie schreit eher: "Das geht besser, das geht wirklich besser. Liebst du deine Kinder etwa nicht?!"

Ich will raus aus der Brotdosenhölle!

Eigentlich stellt sich nur eine Frage: Warum mache ich das überhaupt noch? Ich will mich diesem Wahn nicht mehr unterwerfen, ich will raus aus der Brotdosenhölle! Wer braucht die f****** perfekte Brotdose?! Aber was soll die Lösung sein? Schokobrötchen vom Bäcker jeden Tag? NEIN! Meine Kollegin hat recht: Mein Mann muss diese Aufgabe übernehmen – und zwar sofort. Der versteht das Theater darum ohnehin nicht. Und ab der dritten Klasse füllen die Kinder ihre beknackte Brotdose gefälligst selbst. Natürlich nur mit Bio-Vollkornbrot. 


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