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Danke, ich möchte nicht auf eure Instagram-Fotos!


Heute wird jede nette Gesellschaft zu Achtung, Kamera. hier wird auf das Recht gepocht, finster zu gucken, und alle Gruppen-Selfies zu vermeiden. Das ist nicht spießig, sondern exklusiv.
Hier schreibt Karina Lübke

Mittlerweile hasse ich es, wenn mich Freunde spontan in ihren Arm ziehen. Erfahrungsgemäß werden sie dann mit dem anderen Arm Dokumentationsselfies unserer Umarmung machen, auf denen sie strahlend lächeln und ich finster gucke. Wenn man sie bittet, das wenigstens nicht öffentlich hochzuladen, reagieren sie verständnislos bis verschnupft: „Wieso? So schlecht siehst du doch gar nicht aus.“ Danke! 

Neulich war ich bei einem Geburtstag, der mehrfach in verschiedenen Settings gefeiert wurde. In der Einladung wurde man bereits angewiesen, das Outfit bitte entsprechend abzustimmen. Die Gäste saßen stylish da oder tanzten fotogen mit erhobenen Armen oder umarmten sich eben dekorativ in querformatgerechten Dreiergruppen – als Teil der öffentlichen Inszenierung #birthdaygirl #soblessed #beautifulfriends. Ansonsten mussten sie sich um sich selbst kümmern, denn das Geburtstagskind war damit beschäftigt, mit virtuellen Freunden auf Social Media zu feiern und Glückwünsche auf Facebook zu kommentieren.

  

Ich bin keine Garnierbeilgae für das Foto

Fast jeder ist sein eigener Blogger geworden, und der Freundeskreis hat ungefragt als optische Garnierbeilage für Postings zur Verfügung zu stehen. Immer mehr Veranstaltungen müssen deshalb ohne mich stattfinden. Wenn man schon auf einem privaten Dinner das Recht am eigenen Bild einklagen und diese altmodische Haltung stundenlang verteidigen muss, lässt sich der Stimmungsschaden auch durch sehr viele Gin Tonics nicht mehr beheben. Ich möchte nicht am Morgen danach auf Facebook und Instagram ansehen müssen, wie offensichtlich genervt ich davon war, dass Gäste zu Paparazzi mutierten. Oder wie lustig ich mit vollem Mund kauend aussehe.

Nicht spießig, sondern exklusiv

Es war einmal ein Privatleben, und das war, wie alles Wesentliche, unsichtbar. Ich vermisse es. Im Berghain, dem untergründigsten Club Berlins, herrscht strenges Fotoverbot: Ohne Überwachung durch Kameras lebt und fühlt es sich intensiver. Ich bin nicht spießig, sondern exklusiv! Denn für eine Handvoll Likes ist nichts mehr heilig: Im Internet werden Videos geherzt, in denen einsame Opas weinend zusammenbrechen, weil man sie mit einem Hundewelpen überrascht; andere filmen, wie ihre Kinder ausrasten, weil sie kein neues Geschwisterchen wollen. 

So rührend oder lustig das ist – ich will es nicht sehen. Wie kann man seine Angehörigen derart der Öffentlichkeit preisgeben? Ist das nicht rechtlich wie moralisch falsch? Ich würde mich so gedemütigt fühlen, wenn ich einen Wutausbruch bekäme und meine Kinder das filmen und mit der Überschrift „LOL! Mama-Kernschmelze“ in die ewigen Google-Jagdgründe schicken würden.

Längst dem „Bravo“-Alter Entwachsene arbeiten an ihrem Leben als Foto-Story. Liebende erwählen einander nach ihrer Instragramtauglichkeit als Paar. Kinder dürfen nicht mehr ungestreetstylt auf den Spielplatz. Nur ich bleibe hart: Nein, ich habe kein Foto für dich! Ich bin kein Kleindarsteller in deiner Social-Media-Inszenierung. Können wir bitte trotzdem Freunde bleiben?


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