Das schaffst du doch sowieso nicht!

Man darf nicht alles glauben, was andere einem an den Kopf werfen. Diese sieben Menschen haben Dinge vollbracht, die ihnen niemand zugetraut hätte

von Jessica Braun, Andrea Müller, Lena Schindler (Protokolle)

 

„MÄDCHEN, ICH GEBE DIR 6 JAHRE“

Katja Just, 43, zog mit 25 in die Einsamkeit

Meine Eltern hatten ein Bauernhaus an der Nordsee, wo ich schon als Kind glücklich war. Mit 25 beschlossen mein Freund und ich, auf die Hallig zu ziehen, wir stellten uns vor, wie unsere späteren Kinder im Watt Krabben pulen würden. Ich kündigte Job und Wohnung – dann sprang mein Freund ab. Ich bin trotzdem hergezogen. Ein alter Hooger sagte damals: „Ich gebe dir sechs Jahre! Als junge Frau kann man nicht alleine auf der Hallig leben!“ Das ist 18 Jahre her. Ich mag den salzigen Geruch des Windes, die Weite des Wattenmeers. Einsamkeit kann wehtun, meist verursacht sie aber tiefe Zufriedenheit in mir. Ich versäume nichts da draußen in der Welt. Im Notfall habe ich meine Urlaubsgäste, mit denen ich einen Plausch halten kann. Und Schmusi, meine Kuh. Ich habe sogar ein Buch über mein Leben geschrieben („Barfuß auf dem Sommerdeich“, Eden Books).

 

„SIE WERDEN NIE MEHR LAUFEN KÖNNEN“

Benjamin Baltruschat, 36, ist Rollstuhlfahrer und will wieder auf eigenen Füßen stehen

Nach meinem Unfall sagten mir die Ärzte, ich würde nie wieder laufen können. Ich widersprach sofort. Die Muskeln unterhalb der Brust kann ich nicht bewegen, Kälte oder Berührungen spüre ich aber. Für die Krankenkasse galt ich bald als austherapiert. Meine große Hoffnung: eine aggressive Physiotherapie. Über Monate trainiert man dabei bis zu acht Stunden pro Tag. Das Geld dafür habe ich über ein Crowdfunding zusammengetragen – 54.000 Euro. Nach der ersten Woche konnte ich mein Bein plötzlich von selbst nach vorne schwingen. Nach drei Wochen gab es einen Tag, an dem ich mit dem Rollator mehrere Schritte laufen konnte. Der Neurologe hat die Wirksamkeit bestätigt. Nun hoffe ich, dass meine Krankenkasse einlenkt. Dann kann ich vielleicht in einigen Jahren wieder gehen.

 

„ICH BIN STOLZ AUF DAS, WAS ICH GESCHAFFT HABE“

Gaby Flügel, 46, ist gehörlos und behauptet sich im Beruf

Ich steckte mitten in einer Ausbildung zur Heilerzieherin, als meine Ehe mit einem Hörenden zerbrach. Auf einmal war ich alleinerziehend, ich musste also auch finanziell auf eigenen Beinen stehen. Ich war die einzige Gehörlose während der Ausbildung, im Unterricht assistierten mir nonstop zwei Gebärdensprachdolmetscher. Viele Leute haben damals gedacht, das alles sei für mich nicht zu schaffen. Allein schon der Lernstoff sei für eine Gehörlose nicht zu wuppen. Ich bin stolz darauf, dass ich heute mit meiner Arbeit meine Familie versorgen kann. Ich bin auch ein Beispiel für gelungene Inklusion.

Von wegen, eine Gehörlose kriegt das nicht gewuppt!

 

„MEINE FREUNDE FÜRCHTETEN UM MEIN LEBEN“

Sabine Schnau, 52, zeigt dem Schicksal die Faust

Meine Söhne leiden an einem seltenen Gendefekt (NCL), der noch vor dem 28. Lebensjahr zum Tode führt. Meine Ehe zerbrach an dieser Belastung. Mein Körper suchte sich ein Ventil, ich wollte meine Ohnmacht nur noch „auskotzen“ und bekam Bulimie. Es gab Menschen, die sich Sorgen um mein Leben gemacht haben. Während einer intensiven Kur habe ich aber entschieden: Ich will weiterleben. Ich habe alle meine Ressourcen genutzt, die bestmögliche Förderung für meine Jungs rauszuholen. So wurde ich Expertin darin, Dinge zu erreichen, die eigentlich unmöglich erscheinen. 2012 gründete ich mit diesem Wissen eine Arbeitsvermittlung für Menschen mit Behinderung (pav-schnau.de). 2014 ist mein großer Sohn gestorben, aber mit dem Job lief es immer besser. Der Erfolg meiner Klienten ist für mich der Ansporn, immer weiterzumachen. Das ist wie ein Zeichen von oben, das mir sagt: Und jetzt kommst du!

 

„DU BIST ZU BLÖD FÜRS ABITUR“

Peter Collatz, 25, studiert bald Medizin

Ich war auf einem Eliteinternat in Norddeutschland. Beim Elterngespräch nach der Zehnten riet mein Klassenlehrer dazu, das Gymnasium zu verlassen, ich würde Mitschüler zu Unsinn anstiften, und fürs Abitur würden meine Möglichkeiten sowieso nicht ausreichen. Ich war verletzt und ziemlich zerknirscht. Ich machte dann eine Ausbildung im Hotelfach, zog hinaus in die Welt und arbeitete in China, Italien und den USA. In der Ferne musste ich oft an meinen Vater denken. Er ist Arzt, und ich bewundere ihn für seine Lebensleistung. Eines Morgens wachte ich auf und dachte: Das will ich auch! Ich kam zurück nach Deutschland, schrieb mich auf der Privatakademie Hamburg ein und mache zurzeit mein Abitur. So wie es aussieht, ein ziemlich gutes. Danach will ich Medizin studieren. Ach, und ich hoffe, mein ehemaliger Klassenlehrer liest das hier bei BARBARA.

 

„ICH KANN GAR NICHTS ANDERES“

Denis Fischer, 39, hat immer an seiner Kunst festgehalten

Nach der Schule bekam ich eine kleine Rolle am Theater, seitdem spiele ich, singe und schreibe Songs (denis-fischer.de). Nichts, mit dem man in die Charts oder ins Fernsehen kommt. Manchmal sitzen nur zehn Leute im Publikum oder eben hundert. Der Luxus, nur Dinge zu tun, hinter denen ich stehe, hieß anfangs oft Verzicht: Ein Auto hatte ich nie, dafür ein WG-Durchgangszimmer. Gezweifelt habe ich trotzdem nicht. Andere schon. Für Heiraten und Hausbau kam ich eher nicht infrage: zu wenig Kohle, zu unsicher. Von Exfreundinnen hieß es dann: „Wenn dir das so wichtig ist, mach doch was Vernünftiges, um das zu finanzieren.“ Aber ich habe immer daran geglaubt, dass es richtig ist, weiterzumachen. Und heute kann meine kleine Familie gut von meiner Kunst leben. Ich bin froh, dass ich immer an mich geglaubt habe.

 

„MIT ÜBER 40 KRIEGEN SIE NIE EINEN JOB“

Meike Bogdan, 44, fand nach langer Suche eine Stelle

Ich bin gelernte Erzieherin, wurde 1997 arbeitslos. Ich besuchte Weiterbildungen und übernahm Ein-Euro-Jobs, um eine Stelle zu finden. Wie viele Bewerbungen ich genau geschrieben habe, weiß ich nicht. Aber die Zahl liegt im dreistelligen Bereich. Ich bekam so viele Absagen, dass ich irgendwann kaum noch Selbstvertrauen hatte. In den Beratungsstellen hieß es: Mit über 40 wird das nichts mehr. Vergangenes Jahr erfuhr ich, dass die Stadtreinigung Personal sucht. Ich hätte auch im Overall draußen gearbeitet. Aber dann nahm ich im Bewerbungsgespräch meinen ganzen Mut zusammen und sagte, dass ich lieber in der Verwaltung arbeiten würde. Seit November bin ich dort als Sachbearbeiterin angestellt. Die Verantwortung, der Austausch mit den Kollegen, das regelmäßige Gehalt – das macht mich glücklich.

Dazuzugehören ist ein tolles Gefühl.

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