Deshalb reden wir schlecht über die Beziehung der anderen

Wieso interessiert es uns eigentlich so sehr, wenn es bei anderen mies läuft? Wir hätten da eine Vermutung.

von Viola Kaiser

Neulich wurde ich im Kindergarten Zeuge einer Szene, die mich sehr erleichterte. Das Vorzeige-Elternpaar, das immer Händchen hält, am Wochenende gemeinsam joggt und und sich gegenseitig vor anderen in den Himmel lobt ("Er hat mir schon wieder ein Geschenk gemacht"), wähnte sich unbeobachtet, weil ich um die Ecke stand und nicht sichtbar war. Irgendwas war mit der Jacke des Kindes,  es war kein großes Problem, aber beide klangen total aufgebracht. Der Dialog, den ich deswegen hören durfte, ging etwa so:

Er: "Dann mach du das doch, wenn du alles besser kannst"

Sie: "Warum schnauzt du mich denn jetzt so an? Immer bist du so aggro."

Er: "Du schreist doch den ganzen Morgen schon rum, du bist permanent gereizt"

Sie: "Ich bin gereizt? Dann frag dich mal, warum. Könnte unter anderem an dir liegen"

Das alles wurde in einem derart bösartigen, fast hasserfüllten Ton vorgetragen, dass ich geschockt war. Und ein bisschen glücklich. So redeten mein Mann und ich nicht miteinander. Nein, wir hatten auch mal einen scharfen Ton, wir stritten regelmäßig, aber SO schlimm waren wir nicht. Nicht, dass ich noch nie angezweifelt hätte, dass natürlich alle nicht so tadellos sind wie sie immer tun – aber jetzt hatte ich den Beweis. 

"Haben die genauso viele Probleme wie wir?"

Das beruhigte mich einfach ungemein. Es beunruhigte mich aber auch gleichzeitig. War ich echt so ein schlechter Mensch? Mir erschien meine Genugtuung logisch, aber auch ein bisschen schäbig. Bis ich eine offizielle Erklärung für meine Gefühle in einem Artikel des Guardian las. Darin stand, dass wir uns alle die Frage stellen: "Haben die anderen genauso viele Probleme wie wir?". Und dann wurde erklärt,  dass dieses Phänomen nicht zwangsläufig damit zu tun hat, dass wir gemein und gehässig sind, sondern einfach nur damit, dass wir die anderen brauchen, um verlässliche "Daten" für uns zu ermitteln. 

Ja, wir müssen die anderen praktisch einteilen, beurteilen und vielleicht sogar verurteilen, um zu sehen, wo wir stehen. Frei nach der Devise: Wenn Thomas und Steffi auch streiten, kann das ja nicht so schlimm sein. Wir überprüfen quasi unsere Entscheidungen und unser Verhalten daran, ob die Entscheidungen und das Verhalten der anderen richtig sind und sie dementsprechend glücklich machen. 

Es handelt sich nur um einen Realitätscheck

Das tun übrigens nicht nur sehr schwache, unsichere Menschen, das tun alle. Sicher weniger und stärker ausgeprägt, doch am Schluss ist es menschlich, mal zu gucken, wie das bei den anderen so läuft. Und, mal ehrlich, wer findet es ernsthaft sympathisch oder beruhigend, wenn die Freundin sagt: "Bei uns ist es immer harmonisch. Wir streiten uns nie". Eben. 

Letztlich ist es sicher auch hilfreich, die Beziehung der anderen anzugucken und mal schlecht darüber zu reden. Es muss ja nicht gleich brutal böse sein, es handelt sich lediglich um einen Realitätscheck, um eine Feststellung. 

Was ich sagen will: Niemand muss sich schlecht fühlen, weil er mal ein Gespräch darüber geführt hat, wie scheiße es bei Veronika und Frank gerade läuft – und das vielleicht sogar noch zu mehr Verbundenheit in der eigenen Beziehung geführt hat. Das heißt nicht, dass wir wollen, dass Veronika und Frank sich trennen und zerfleischen. Wir machen nur etwas völlig Normales: Wir versichern uns, dass bei uns alles okay ist anhand ihres Beispiels. Man könnte es auch vergleichende Wissenschaften nennen.