Die Wahrheit ist: Ich bin eine egoistische Mutter

Kinder sind eine große Verantwortung. Vielleicht sogar die größte in unserem Leben. Doch was, wenn man diese Verantwortung nicht 24 Stunden am Stück tragen will. Ist man dann eine egoistische Mutter?

von Lena Selinger

Ich liebe meine Kinder mehr als mein eigenes Leben. Den Gedanken, dass ihnen etwas zustoßen könnte, kann ich nicht ertragen und wäre es so, weiß ich nicht, wie ich das überstehen sollte. Und dennoch empfinde ich das Muttersein oft als Käfig, aus dem ich nicht ausbrechen kann. Vor allem deshalb, weil es mich emotional so angreifbar macht. Nicht nur einmal habe ich mir die Frage gestellt, ob ich das alles wieder so machen würde und  werfe heimlich neidische Blicke auf das so unkompliziert erscheinende, freie Leben meiner Freundinnen ohne Kids. Einfach tun und lassen, wann und wie man möchte, keine Sorgen um die Kinder, keine Abhängigkeiten vom Partner in welcher Form auch immer und so einiges, dass nicht mehr geht. Ja, kommt irgendwann wieder – Ich brauche das aber jetzt! Und genau deshalb tanze ich trotzdem die Nächte durch, fahre auf Festivals und laufe den Jakobsweg.

Schließlich bist du doch Mutter

Klingt egoistisch? Ist es auch, vor allem, weil anderes auf der Strecke bleibt. Doch oft habe ich einfach das Gefühl, raus zu müssen, neuen Input zu bekommen, zu rennen und mich frei zu machen. Fotograf und Content Producer Paul Ripke hat mal gesagt, in seinem Leben ginge es ihm vor allem um Maximierung der Ereignisdichte. Er hat recht, zumindest für mich. Bitte kein Stillstand. Wie ein Erlebnis-Junkie immer auf der Suche nach dem nächsten Event. Bloß nichts verpassen. Kein Wunder, dass ich früher schon immer die letzte auf der Party war. Vor allem für die anderen ist das allerdings auch sehr anstrengend. Für mich auch, weil ich so schlecht abschalten kann. Aber jeden Abend vor dem TV sitzen, kann ich auch nicht. Mit den Kinder kam dann der große Bruch: Plötzlich gab es keinen Raum mehr, den ich mit mir füllen konnte. Einfach mal weg abends, war anfangs nicht drin. Alles drehte sich um die zwei. Doch jetzt sind die beiden so groß, dass wieder mehr Platz ist, für mich und all die Dinge, die ich machen will, von denen man aber immer denk, das ginge doch nicht mehr, schließlich ist man doch jetzt Mutter. 

Frei machen von alten Mustern

Ja das bin ich, aber was für eine Mutter will ich sein, was meinen Kindern vermitteln? Dass sie ihr Leben aufgeben müssen, wenn sie sich für Kinder entscheiden? Nein! Ich möchte, dass sie für sich einstehen, ihre Wünsche und Träume äußern und im besten Fall auch von ihren zukünftigen Partnern bei deren Umsetzung unterstützt werden. Ja, ich bin viel unterwegs, vielleicht auch zeitweise zuviel. Tanzen, Konzerte, Geburtstage und Verabredungen mit Freunden, sonntags liege ich auch mal verkatert im Bett und demnächst werde ich knapp drei Wochen im Urlaub sein – allein, nur ich. Die Reaktionen anderer Eltern, denen ich davon erzähle schwanken zwischen Faszination, Neid, Bewunderung, mitleidigen Blicken und miserabel überspielter Ablehnung. Und es folgt immer die Frage: "Und die Kinder? Wo sind die dann?" - Die Kinder haben ja auch einen Vater, ist dann meist meine Antwort. Dass das nicht überall geht, ist mir durchaus bewusst, vor allem wenn der Partner viel beruflich unterwegs ist, die Eltern vielleicht getrennt sind oder die Kinder noch sehr klein. Oft wird es aber auch überhaupt nicht eingefordert, sondern sich nur darüber beschwert, was alles nicht geht und warum das so ist. Da werden die Ausreden für den Partner schon mitgeliefert, der hingegen kann jedes Wochenende losziehen. Der arbeitet ja soviel, da ist das dann ok. 

Zufrieden geben oder zufrieden sein?

Ich bin das nicht, die aufopferungsvolle Mutter. Ich bin sicher auch keine schlechte Mutter, aber ich kann mich selbst nur schwer zurückstellen und eigentlich will ich das auch nicht. ich denke gerne an mich und versuche mich gut um mich zu kümmern, weil ich glaube, dass das auch gut für die Kinder ist und ich ihnen damit das richtige mitgebe. Natürlich liegt die Priorität immer bei den beiden, aber danach komme eigentlich auch schon ich. Ein weiser Mensch, dessen Name ich vergessen habe sagte nämlich mal: "Erst wenn du selbst glücklich bist, kannst du andere glücklich machen." Also stelle ich alles in Frage, bin ständig auf der Suche nach dem, was fehlt, um es auszufüllen, anstatt mich zufrieden zu geben. Nur wo hört es auf und wann sollte man mit dem zufrieden sein, dass man hat? Eine Frage, die mich vielleicht mein Leben lang antreiben wird. Sicher werde ich irgendwann ruhiger, aber gerade jetzt habe ich manchmal soviel Energie, dass ich gar nicht weiß wohin damit. Das heißt nicht, dass ich nicht auch müde bin und es durchaus anstrengend ist das abendliche unterwegs sein neben Job und Familie, aber es fühlt sich gut an, das Freisein zwischendurch.

Wer hier schreibt:

Lena Selinger