Du hast dich hübsch gemacht. Leider! Warum Männer Natürlichkeit lieben

Viele Frauen investieren eine Menge Zeit und Geld in ihr Aussehen. Manchen Männern ist das zu viel. Unser Autor mag’s lieber natürlich.

von Björn Krause

Du hast dich hübsch gemacht. Leider. Wie siehst du wohl nach dem Aufstehen aus?

Unter der Oberfläche. Ohne Make-up. Ohne Rouge. Ohne Wimperntusche. Ohne Lidschatten. Ohne Kajal. Ohne Eyeliner. Ohne Concealer. Ohne Lippenstift? Blind Date. Tolle Idee? Nicht wirklich.

„Was? Ja, klar!“ Wieso fragst du, ob alles in Ordnung ist? Spürst du, dass ich mit meinem Kopf woanders bin? Beim Ende des Abends. Was seltsam ist. Weil sich hier die Hälfte der Typen nach dir umdreht. Viele Männer finden aufgedonnerte Frauen toll. Ich nicht. Gar nicht. Ich mag Schokolade. Keine Pralinen.

Eine Frau, für die ich Klimmzüge mache, sieht umwerfend aus in einer ausgebeulten Jogginghose, einem weißen Unterhemd, barfuß.

„Ich bin überfordert von den hochgequetschten Brüsten. Auf die ich ständig starren muss.“

Natürlich sage ich dir das nicht, aber eigentlich müsstest du hier mit Gummistiefeln sitzen. Mit zotteligen Haaren und ungemachten Nägeln.

Und mich trotzdem umhauen. Aber dich schaue ich an und bin überfordert von deinem Designerkleid. Den funkelnden Ohrringen. Den hochgesteckten Haaren. Den hochgequetschten Brüsten. Auf die ich ständig starren muss.

Ob ich Anzüge im Schrank habe, willst du wissen. „Zwei sogar! Einen für Hochzeiten, einen für Beerdigungen. Beide schwarz.“ Ich lache. Du nicht. Verkneife mir die Frage nach den Gummistiefeln.

Ob ich dir wohl gefalle? Mit meiner abgewetzten Jeans, dem Holzfällerhemd und der ungarischen Bartwichse. Schwer vorstellbar. Aber das bin ich nun mal. Wodka pur, kein Cocktail, bei dem man den halben Abend versucht, die Zutaten herauszuschmecken. Normalerweise fühle ich mich genau so wohl. Heute nicht.

Klar entschuldige ich dich kurz. Und natürlich schaue ich dir hinterher, auf deinem Weg zur Toilette. Lange, schlanke Beine bis zu den Füßen, in High Heels, die rhythmisch klackern. Ein Hindernislauf auf Schlittschuhen. Ich mag schöne Füße. Deine Zehen sehen sicher aus wie zerbrochene Zweige. Fühlst du dich wirklich wohl damit – oder irgendeine andere Frau? Du solltest die Dinger ausziehen und wegwerfen. Weit weg, wie Handgranaten.

Da bist du ja schon wieder. Du hast dein Rouge aufgefrischt, den Lippenstift nachgezogen. Weil du zweimal am Aperol Spritz genippt hast. Die üblichen Fragen am Ende: Zahle ich die Rechnung? Rufst du mich an? Sehen wir uns wieder? Ich stelle sie mir nicht.

Wie du nach dem Aufstehen aussiehst, werde ich nie erfahren.

Foto: Unsplash/Anete Lusina