Fahrradfahrer – Waren die nicht früher mal total sympathisch?

Waren Fahrradfahrer nicht immer die Guten? Dieses Image gerät momentan komplett unter die Räder. Unsere Autorin macht das rasend

von Karina Lübke

Als ich bei schönem Wetter gefragt wurde, ob ich Lust auf einen Radausflug hätte, sagte ich freudig zu, zog ein im Fahrtwind malerisch flatterndes Kleid an und packte ein Picknickpaket in das Körbchen meines Hollandrades. Danach ging es bergab – leider nur im übertragenen Sinn. Anscheinend gibt es heute keine Radtouren mehr unter 60 Tageskilometern, denn Männer brauchen ein Fernziel. Früher kauften sich Kerle in der Midlife-Krise einen Porsche. Heute muss es ein sauteures Rad sein, das allen zeigt, was für eine Maschine sie selber sind. Und natürlich dazu die komplette Ausstattung: den Alien-Helm, die Puck-Brille und die Radrennshorts, die nach Heidi Klums Bodypainting-Challenge aussehen. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst wegsehen sollte.

Aus der Tour d’Amour wurde eine Tortour 

Als ich mich bei Kilometer 13 einen weiteren Hügel hochquälte, überholten mich zudem mühelos einige höhnisch grinsende Rentner. Dass das nicht an der Doppelkraft der zwei Herzen lag, sondern an ihren E-Bikes, der Harley des alten Mannes, dämmerte mir erst, als meine Laune sowie meine Kondition einen Platten hatten. Durch Rentner auf E-Bikes haben Verkehrsunfälle zwischen 2015 und 2018 übrigens massiv zugenommen. Unfallforscher Siegfried Brockmann sagt: „Viele ältere Menschen fahren durch die Unterstützung des Elektromotors viel schneller, als es ihre Fähigkeiten eigentlich erlauben.“ Im Stadtverkehr ist es allerdings für alle schlimm. Da hier der Platz immer knapper wird, haben die Verkehrsplanungsbehörden einfach aufgegeben. Statt die Stadt fahrradtauglich zu machen, bleibt nach jahrelangen Straßenumbauten nur noch undefinierter, zubetonierter „Shared Space“, was auf gut Deutsch „Das Recht des Stärkeren“ heißt und „die Kommunikation unter den Verkehrsteilnehmern ermutigen“ soll. Ich sag mal so: Wenn man aggressives Dauer klingeln und „Ich hol dich gleich da runter, du A ...“ für Kommunikation hält, dann ist das Konzept gelungen.

Der Hobbyprofi, die Skandi-Muddi und der Hipster-Radler

Fahrradfahrer waren immer die Guten, die Gemütlichen, schonend für Natur und Nerven. Jetzt fahren die meisten wie Unfälle auf der Suche nach einem Ort, um sich zu ereignen. Zwischen fahr lässig und fahrlässig liegt nur eine Pedalumdrehung: Da gibt es jene, die freihändig fahren und dabei noch auf ihrem Handy tippen. Dann ist da der Hipster mit Sternzeichen Rennrad, das so filigran und wunderschön wie eine Tuschezeichnung ist – und ebenso verkehrsuntüchtig. Was nicht schlimm ist, da es selten von der Wandhalterung auf die Straße kommt. Auch oft hinter mir: der Hobbyprofi, der dauernd linksrechtslinksrechts am Schalten ist. Wartet man an einer roten Ampel, zieht der Gängeprotz im Stehen an einem vorbei und über die Kreuzung, als wäre die extra für ihn gesperrt worden. Vom Bürgersteig drängt einen dagegen selbstgerecht die Scandi-Muddi ab, die auf Auspuffhöhe einen kleinen Wohnwagen vor sich herschiebt, in dem drei Kinder und ein Hund hocken. Puh. Und ehrlich? Mein nächstes Date wird ein Spaziergang.

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