Frau Dr. Dolittle: Sie führt spannende Interviews mit Tieren

Sie diskutiert mit Blattläusen, interviewt Schlangen, schlichtet Katzenstreit – Yvonne Sebestyen ist Tierkommunikatorin. Ihre liebsten Gesprächspartner: Meerschweinchen.

von Katja Bosse

Alles fing damit an, dass Yvonne Sebestyen, 39, sich einen Kater zulegen wollte. Nach dem Besuch im Tierheim gab sie sich ein paar Tage Bedenkzeit, bevor sie Anton endgültig abholte. Und da hörte sie es. Klar und deutlich in ihrem Kopf: „Du hast aber ganz schön lange gebraucht“, maulte der Kater. Zuerst hielt Yvonne Sebestyen das Ganze für Einbildung, aber auch zu Hause wurde sie das Gefühl nicht los, der Kater wolle ihr etwas mitteilen. Nach einer Netzrecherche lud sie eine Tierkommunikatorin zu sich ein: „Das war, als würde mir eine neue Welt eröffnet“, sagt sie. „Dass ein solcher Austausch zwischen Mensch und Tier möglich ist, hätte ich im Traum nicht gedacht!“

Interviews mit Schlangen und Möpsen

Yvonne Sebestyen ließ sich selbst zur Tierkommunikatorin ausbilden und ist nun seit fünf Jahren hauptberuflich im Einsatz. Sie gibt Kurse und hat eine eigene Praxis. Ihren alten Job als Versicherungskauffrau hat sie hingeschmissen. „Über Akten zu brüten war einfach nicht so inspirierend wie Interviews mit Schlangen und Möpsen“, sagt sie. Ohne jede Ironie.
Sebestyen flüstert nicht nur mit Pferden, auch Small Talk mit Kreuzspinnen und Käfern ist möglich. Und am liebsten spricht sie mit Meerschweinchen. „Meerschweinchen sind ausgesprochen witzige Gesprächspartner“, sagt sie. „Die quasseln ohne Punkt und Komma!“ Aber jedes Tier offenbare in den Gesprächen einen eigenen Charakter: „Molly, der Hund meiner Schwester, kokettiert zum Beispiel gern damit, wie hübsch sie ist“, sagt Yvonne Sebestyen. „Sie liebt es, zu posieren, und fragt: Wie sieht mein Fell aus?“ Man wartet darauf, dass Sebestyen mit den Augen zwinkert, um die absurde Wucht ihrer Worte zu mildern. Aber Sebestyen hat die ausgeglichene Ruhe derer, die wissen, dass sie im Recht sind.

"Ich hätte nie gedacht, dass man mit Tieren plaudern kann"

Hausbesuch in Hamburg-Rahlstedt. Da sitzt Ernie im dritten Stock seiner Luxushütte und putzt sich die Sägespäne vom Fell. Eine Etage tiefer kabbeln sich Krümel und Fridolin um einen Strohhalm. Zusammen bewohnen die Nager ein mehrgeschossiges Terrarium. Ihre Halterin Johanna hat den Zotteltierchen in ihrem Arbeitszimmer ein Rundumwohlfühlland gebaut. Holzhaus hier, Lichterketten dort, sogar einen Auslauf mit Treppchen und Tunnel. Nur bei den Sitzkissen für die Tiere war sie sich unsicher. Auch damals bat sie die Tierkommunikatorin, den Willen ihrer Meerschweinchen für sie zu übersetzen: „Ich hätte mich wahrscheinlich für Braun oder Grün entschieden, aber stattdessen wollten die Jungs tatsächlich Rosa – gut, dass ich nachgefragt habe!“, erzählt Johanna und sieht sehr glücklich dabei aus.

Telepathische Kommunikation

Für 40 Minuten Tiergespräch nimmt Sebestyen 60 Euro plus Umsatzsteuer. Das ist mit den Stundensätzen einer Psychologin oder Anwältin zwar nicht zu vergleichen, aber immer noch ganz schön viel Geld dafür, dass kein Tierhalter sicher sein kann, ob ihm gerade eins vom Pferd erzählt wird. Heute soll die Tierkommunikatorin in der Meerschweinchen-WG ergründen, warum Krümel neuerdings so häufig ausflippt. „Ständig rupft er am Malervlies herum. Ich kann mich kaum konzentrieren“, klagt ihre Halterin, die gerade für eine Fortbildung lernt. Sebestyen nickt. „Ich frage ihn, warum er das macht.“ Wer jetzt ein Gespräch mit Quieklauten erwartet, wird enttäuscht, die Kommunikation geschieht telepathisch – ist ja logisch: „Das Tier teilt sich mir durch Gedanken, gesendete Bilder, Gefühle oder plötzlich übertragenes Wissen mit. Ich empfange die Informationen über hellwissende Kanäle und übersetze sie für den Menschen“, sagt Sebestyen.

Sie lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, schließt die Augen und legt die Hände in ihren Schoß. Falls das Meerschweinchen seiner Gesprächspartnerin gerade wirklich verklickert, woher seine Unruhe rührt, weiß es das gut zu verbergen, aufgedreht pest Krümel die Rampe zum ersten Stock des Terrariums hoch und fängt an zu futtern. Danach ist es still. Wenn das hier Hokuspokus ist, dann unspektakulär inszenierter. Weder Räucherstäbchen noch esoterisches Murmeln erfüllen den Raum. Sebestyen lächelt hin und wieder, Krümel isst noch ein Leckerli.
Nach zehn Minuten kehrt Sebestyen gedanklich wieder ins Zimmer zurück. „Na, was sagt mein Randale-Schwein?“, fragt Johanna und stellt ihren Kaffeepott ab. „Der will, dass du öfter Pause machst“, richtet Yvonne Sebestyen aus. „Krümel meint, du sollst ihn lieber ’ne Runde kraulen, statt nur über deinen Ordnern zu hängen.“ Johanna seufzt und macht sich Notizen, aber Sebestyen ist noch nicht fertig. „Als ich in ihn reingespürt habe, konnte ich ein Bild von dir sehen: Du hast auf dem Teppich gesessen und Kartons zerfetzt!“ Dann erklärt die Tierkommunikatorin, dass Krümel seiner Halterin offenbar eine Botschaft überbringen möchte: Indem er sich übers Malervlies hermacht, zeigt er Frauchen, wie heilsam es wäre, ihren Frust mal rauszulassen, statt ihn dauerhaft runterzuschlucken.
Das Meerschweinchen-Frauchen nickt und schluckt. Therapiesitzung mit Meerschwein – das muss man auch erst mal zulassen.

Laut Sebestyen ist alles ganz normal: „Tiere haben feine Antennen, die halten ihren Besitzern oft den Spiegel vor.“ Eine Katze erzählte ihr mal, sie sei nur deshalb nicht stubenrein, weil sie ihrem Frauchen klarmachen wollte, dass deren Job zu stressig sei.

Mediatorin zwischen Mensch und Tier

Nicht jeder Tierhalter ist allerdings so bereitwillig offen für telepathische Lebenshilfe durch sein Tier. Zumal die Viecher oft ziemlich unverblümt mitteilen, was ihnen am Herzen liegt. „Ich möchte niemanden bekehren, jeder hat sein eigenes Tempo“, sagt Sebestyen. „Mir geht es nicht darum, Tiere zu vermenschlichen, ich habe ihre artgerechten Bedürfnisse im Blick.“ Sie sieht sich als Mediatorin: „Ich erkläre Hunden, warum Menschen so gern in den Urlaub fahren, oder bereite sie auf einen Tierarzt besuch vor.“ Im Gegenzug bringt sie Tierhaltern näher, warum ihre Katze bei klassischer Musik die Krise kriegt oder warum das Pferd scheut. Oft wird sie gerufen, um ein zweites Haustier einzugewöhnen. „Vergesellschaftung“ nennt Sebestyen diesen Prozess, bei dem sich alle erst mal beschnuppern. Klingt sinnvoll – und kein bisschen verrückt. Aber ist es Meerschweinchen wirklich wichtig, welche Farbe ihre Sitzkissen haben? Haben Meerschweinchen normalerweise überhaupt Sitzkissen?
Manchmal wollen Tiere einfach bloß ungestört ihr Ding machen. In den Zoo geht Sebestyen deshalb nicht so oft. „Da brabbeln alle wild durcheinander, ich könnte dort Tausende Themen aufschnappen.“ Der Ethik-Code sieht allerdings vor, dass Tierkommunikatoren nur Tiere ansprechen, wenn sie die Erlaubnis des Halters haben. Ethik-Code, ernsthaft? Doch, den gibt’s! Erfunden hat ihn Penelope Smith, die US-Amerikanerin gilt als Pionierin der Interspezies-Kommunikation, sie lehrt seit 30 Jahren, wie Mensch und Tier miteinander ins Gespräch kommen. Auch Sebestyen hat viel von ihr gelernt. Inzwischen kann sie sogar mit Insekten plaudern, im Sommer auf dem Balkon. „Seit ich weiß, wie die ticken, kann ich keiner Fliege mehr etwas zuleide tun“, sagt sie – und verzieht keine Miene.

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Sie diskutiert mit Blattläusen, interviewt Schlangen, schlichtet Katzenstreit – Yvonne Sebestyen ist Tierkommunikatorin. Ihre liebsten Gesprächspartner: Meerschweinchen.

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