Flirten mit einem jüngeren Mann – kann ich das überhaupt noch?

Anfang 40 und verheiratet: Unsere Autorin fragt sich, warum es ihr auf einmal peinlich ist ein bisschen zu flirten. Vor allem mit jüngeren Typen. 

von Linda Meyerbach

Neulich hatte ich ein Erlebnis, das mein Leben verändert hat. Ich war in einer Bar und ein Mann, etwa Mitte 20, begann ein Gespräch mit mir. Er war aber nicht nur 15 Jahre jünger als ich, er war auch extrem attraktiv. Groß, dunkle Augen, sehr volles lockiges Haar. Wäre ich ungebunden und 23 gewesen, ich hätte ihn sofort heiraten wollen.

Das alles hätte aber auch ohne romantische Aussichten sehr schön  sein können, wenn ich nicht reagiert hätte wie ein falsch programmierter Roboter. Auf jede seiner Fragen – und die waren wirklich nicht sehr kompliziert – antwortete ich mit stakkatoartigem "ja" oder "nein". Dabei guckte ich auf den Tresen und bekam eine rote Birne. Das kann nicht sehr charming gewirkt haben, ich fühlte mich dabei auch nicht gerade attraktiv.

Was wollte dieser junge Typ von mir?

Tatsächlich war ich in erster Linie irritiert. Was wollte dieser Mann von mir? Sah der nicht, wie alt ich war? Das letzte Mal, als mich ein ähnlich gutaussehender Jüngling ansprach, stellte er die Fragen: "Können Sie mir sagen, welche U-Bahn ich zum Rathaus nehmen muss?". Er hatte mich wohl gewählt, weil ich irgendwie kompetent wirkte, wenn es um U-Bahn-Pläne ging, nicht weil ich so ein heißer Feger war und er amouröse Absichten verfolgte. Der hier an der Bar sagte wenigstens "Du".

Mein erster Gedanke war, dass er sicher mit mir sprach, weil meine entzückende, wunderschöne Freundin Jana, die neben mir saß, so toll fand. Als er auf die Toilette ging, rutschte es mir raus: "Warum redet der mit mir? Sieht der nicht, wie alt ich bin? Will der was von dir?" Woraufhin sie sehr trocken antwortete: "Ne, der hat offensichtlich nur Augen für dich, Linda! Und der rafft überhaupt nicht, wie alt wir sind." Das erste konnte ich kaum glauben, beim zweiten war es sicher, dass es nicht stimmte. Aber dann kam er zurück und fragte, ob wir noch weiterziehen würde, woraufhin mir ein entsetztes: "Heute? Es ist Donnerstag – und 23 Uhr!" entfuhr. Cool war das nicht.

Zur Beruhigung musste ich mir erstmal eine Zigarette anstecken, fand das Feuer nicht, der junge Mann wollte mir welches geben, die Flamme ging aus, dann zog ich und musste husten. Souverän geht irgendwie anders, ich wollte im Boden versinken vor Scham. Mein Kopf leuchtete rot. Glücklicherweise war es dunkel in dieser Bar. 

Was war bloß mit mir los?

Früher war ich nicht so verspannt, da habe ich einfach gelacht und lustige Sprüche rausgehauen und fand dabei gar nichts. Seit wann war ich so unsicher?  Warum hatte ich das Flirten verlernt? War das eine Midlife Crisis? Warum war ich außerdem so sicher, dass sich ein junger Mann nicht für mich interessieren würde? Dabei hatte ich doch selbst neulich erst gelesen, dass jüngere Typen auf ältere Frauen stehen.

Tatsächlich bezahlte der Mann, der für kurze Zeit mein Herz erobert hatte – und kam noch mal zu mir auf seinem Weg zur Tür. Als er die Hand auf meinen Arm legte, blieb mein Herz fast stehen. Er sagte "Tschüss" , nahm seine Hand wieder weg und ging. Das wars. 

Als ich nach Hause kam, erzählte ich alles meinem Mann. Weil ich mich schuldig fühlte wegen meiner unkeuschen Gedanken und auch weil ich ein bisschen stolz war. Er lachte und küsste mich und irgendwie war ich froh, dass ich nicht mehr raus musste, um jemanden kennenzulernen. Offensichtlich konnte ich das ja nicht mehr sehr gut. 

Ich übe jetzt

Seit diesem Abend an der Bar habe ich mir vorgenommen, mich mehr zu trauen.  Auch ein bisschen das Flirten wieder zu üben. Macht schließlich Spaß, trainiert und schadet keinem. Ich habe aber auch große Angst den jungen Typen wiederzusehen, der mir für zwei Minuten das Gefühl gegeben hat, dass ich superjung und superattraktiv bin. Ich befürchte immer noch, dass ich mich geirrt habe, dass er mich nicht erkennt und alles eine Illusion war. Denn so wie die Geschichte jetzt in einem Kopf ist, gefällt sie mir viel besser. 

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