Hormone und andere Drogen – Warum Liebeskummer echt körperlich wehtut

 Verliebt sein ist wie ein Drogenrausch. Liebeskummer sein kalter Entzug. Unsere Autorin über die Macht der Hormone und den Schmerz, wenn sie aufhören durch den Körper zu rauschen.

von Carla Cabeus

Und plötzlich ist es doch passiert. Ausgerechnet mir. Halt, Stopp! Wer hat da im Hirn die Schleusen aufgemacht? Dopamin! Adrenalin! Oxytocin! Alles strömt aus, brandet die Blutbahnen. Eine Flutwelle, nein: ein Tsunami, so schön, dass es wehtut.

Lippen berühren sich, der Puls rast, das Herz brennt. Mehr davon – egal wie. Jetzt! Der Kopf meldet sich: Nein, klar, ist nicht echt, weiß ich. Das sind nur diese verdammten Hormone. Guck! Da rollt schon die nächste Welle an, rauscht über uns weg, reißt uns um.

Na und?

Mehr, bitte mehr davon! Kopf aus. Augen zu. Mitten hinein. Möchte endlich mal ertrinken. Achterbahnfahrt, Drogenrausch, Wolke 7 – keine Ahnung, was das ist. Ist auch egal. Jetzt ist alles möglich, jede Hürde überwindbar. Hauptsache zusammen sein. Beschaffungskriminalität. Beschaffung dieses rauschhaften Gefühls, koste es, was es wolle. Selig-toxischer Hormoncocktail. Verliebt sein macht mutig. Verliebt sein macht schwachsinnig. Genau wie Kokain.

Dann: Der Aufprall aus dem All. Stratosphärensprung, Totalschaden. Wörter treffen sich, treffen uns. Sätze, plötzlich zentnerschwer, ziehen uns runter, übersteigen ums hundertfache ihre faktische Bedeutung. Kopf weiterhin aus, Herz dafür an, längst übergeschnappt von viel zu viel Hormon-Kokain. Und jetzt? Eben ging alles. Jetzt nichts mehr. Nur noch Stille.
Hallo, Hirn? Die nächste Welle, bitte! Dopamin?! Adrenalin?! Oxytocin?! Hilfe!!! Meine Blutbahnen: trockene Wadis. Cold Turkey. Hab’s dir gesagt, sagt der Kopf, und setzt, na klar, jetzt auch das Gedankenkarussell wieder in Gang. Kalter Schweiß, Magenschmerz, Kopfweh. Überhaupt: Alles tut weh. Erkenne mich nicht wieder. Bin ein Junkie ohne Gefühl für Raum und Zeit, richtig oder falsch. Will: Dass es aufhört. Bekomme: Nur mehr von dem, was weh tut. Finde: Allein keine Lösung, egal wie Kopf und Herz sich inzwischen gemeinsam bemühen.

Kämpfe Tage, kämpfe Nächte – mit dir, mit mir, mit der Welt. Bin hilflos. Und erkenne: Ist gar nicht unser Kampf, den wir da führen. Ist deiner. Gebe endlich, was ich noch nie zuvor gegeben habe: Auf.

Kopf aus. Herz aus. Stille.

Ey, was ist das – hallo, Hirn? Für einen klitzekleinen Spalt öffnen sich, nach Wochen kalten Entzuges, die Schleusen. Nein, keine Flutwelle, kein Tsunami, aber immerhin noch so schön, dass es tröpfchenweise wieder ein bisschen weniger wehtut. Endlich.