Ich habe keine Hobbys. Na und?

Nähen, Volleyball, Töpfern: Irgendwie tun alle in ihrer Freizeit regelmäßig supersinnvolle Dinge, die sie auch noch total gut können. Unsere Autorin macht da nicht mit.

von Viola Kaiser

Um mich herum können wirklich alle irgendwas wahnsinnig gut, das sie auch noch ständig weiterentwickeln und üben: Meine Freundin Sonja näht wie Coco Chanel, meine Freundin Nadine läuft den Marathon in unter vier Stunden, meine Freundin Dana spielt Bass in einer Band und singt hervorragend. Alle anderen gehen mindestens einmal die Woche zum Bauch Beine Po-Kurs, kochen wie Cornelia Poletto oder backen wie Enie van de Meiklokjes.

Mähe ich nicht wahnsinnig gerne Rasen?

Und ich? Ich habe Hobbys, die klingen als hätte ich sie mir krampfhaft für einen Lebenslauf ausgedacht: Lesen und Freunde treffen. "Kann man das überhaupt als Hobbys bezeichnen?" fragte ich mich deswegen neulich mal selbst laut – und googelte das dann auch gleich mal. Wikipedia zumindest beruhigte mich, denn dort wird ein Hobby folgendermaßen definiert:

“Eine Freizeitbeschäftigung, die der Ausübende freiwillig und regelmäßig betreibt, die dem eigenen Vergnügen oder der Entspannung dient und zum eigenen Selbstbild beiträgt, also einen Teil seiner Identität darstellt. Das Wort Hobby ist vom englischen hobby horse abgeleitet, das mit  Steckenpferd  in beiden Bedeutungen – Kinderspielzeug und Freizeitbeschäftigung – übersetzt wird."

Das Tolle daran ist: Das Steckenpferd trägt seine Reiter einfach nirgends hin. Wenn es aber per Definition doch nur ein Spielzeug ist, etwas, das mir vor allem Spaß bereitet und mein Selbstbild prägt, dann habe ich vielleicht doch gleich mehrere Hobbys? Mähe ich nicht wahnsinnig gerne Rasen? Bin ich nicht absolute Spezialistin, wenn es um Netflix und Amazon Prime geht? Gehe ich nicht zweimal im Monat ins Kino? Und bin ich nicht ein begnadeter Socialiser? Mal ganz abgesehen davon, dass ich wirklich lese – wenn es manchmal auch nur Artikel aus dem Postillon sind. Immerhin lese ich, manchmal sogar ein ganzes Buch oder zwei. Außerdem kann ich sehr gut essen, sogar besonders viel. Gilt "Essen" nicht auch als Hobby? Wenn ich es als "großes Interesse an Kulinarik" bezeichne, klingt es sogar sehr kultiviert.

Bungee Jumping, Kitesurfen und Didgeridoo?

Natürlich habe ich früher auch mal Tennistraining gehabt, Glanzbilder gesammelt und Gitarre gelernt, aber das ist lange, lange her. Tatsächlich macht es mich fertig, wenn ich immer dienstags um 18.30 beim Pilates sein muss. Ich mache ja nicht mal Yoga! Ein offizielles und anerkanntes Hobby wie etwa Stricken wäre zu viel für mich. Außerdem kann ich einfach nichts besonders gut (außer "viel essen" natürlich) und habe noch weniger Lust und vor allem Kapazitäten, etwas ganz Neues zu lernen. Hab ich deswegen ein schlechteres Leben? Nein! 

Gehen wir also mal davon aus, dass Rasenmähen und planlos in der Erde wühlen im Garten (ich liebe beides!), intensiver Netflixkonsum  oder mit meinen Freundinnen in Bars gehen nicht als respektable Hobbys durchgehen: Dann habe ich eben keine. Na und?

Hauptsache ich habe meinen Spaß. Oder?

Sollte ich also demnächst meinen Lebenslauf aktualisieren, werde ich ernsthaft und wahrheitsgemäß Folgendes hinschreiben: "Meine Hobbys sind Rasenmähen, Netflix gucken und in Bars Alkohol trinken". Das wirkt zumindest überzeugender und irgendwie fast noch origineller als "Bungee Jumping, Kitesurfen und Didgeridoo spielen". Außerdem ist es nun mal die Wahrheit. 


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