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Interview mit Joachim Meyerhoff: Kreativität ist für alle kompliziert

Barbara Schöneberger und Joachim Meyerhof
Barbara Schöneberger und Joachim Meyerhof
© Patrick Runte
Was kostet ein guter Einfall? Da sind sich Barbara und der Universal-Kreative Joachim Meyerhof einige: viel Mühe. Während sie ungern in leeres Papier investiert, geht er schon mal zum Bäcker.

Barbara: Joachim, wir reden heute über Kreativität. Und damit fangen die Probleme ja schon an.

Joachim: Wie meinst du das?

Barbara: Ich finde, dass mit kaum einem Wort in der deutschen Sprache so viel Missbrauch betrieben wird wie mit Kreativität.

Joachim: Hm. Nicht von mir. Ich benutze es gar nicht. Ich würde nicht sagen: Heute war aber ein sehr kreativer Tag oder so.

Barbara: Oder über einen Menschen: Der ist ja kreativ!

Joachim: Noch besser in der Steigerung: Der ist so irre kreativ. Jetzt, wo ich drüber nachdenke: Du hast vollkommen recht. Kreativität ist per se künstlerisch, und aus diesen Zusammenhängen ist es herausgetreten. Von jedem wird heute Kreativität erwartet, selbst von Bankangestellten. Gab es nicht mal eine Zeit, in der Kreativität mit Fantasie zu tun hatte?

Barbara: Das ist vorbei. Heute macht sie vor niemandem mehr Halt. Nicht mal vor Männern.

Joachim: Stimmt, das war ja mal Frauensache. Aber ersetzen wir das Wort doch einfach.

Barbara: Wodurch?

Joachim: Vielleicht durch: Möglichkeiten haben. Bei mir heißt das, auf der Bühne nicht in

Verabredungen stecken zu bleiben, sondern Szenen immer wieder neu zu gestalten. Oder beim Schreiben meinem eigenen Anspruch zu trotzen und mich nicht in eine enge Bahn pressen zu lassen. Wie ist es bei dir? Wirkt ja alles immer so spontan und frisch, was du da machst.

Barbara: Tja. Viele halten mich tatsächlich für wahnsinnig kreativ, weil die immer nur das Ergebnis meiner Arbeit sehen. Aber ich brauche diese enge Bahn, die mir jemand vorgibt. Wenn ich auf meinen inneren Antrieb angewiesen wäre, würde ich komplett untergehen.

Joachim: Das musst du erklären.

Barbara: Wenn mir einer was hinlegt und sagt: Findest du das gut oder eher das andere? Auf dieser Grundlage bin ich megakreativ. Wenn mir aber einer ein weißes Blatt hinlegt und sagt: Denk dir mal was aus – dann bin ich verloren. Das ist das Allerschlimmste.

Joachim: Verstehe. Ich glaube, wenn die Kreativität – jetzt sind wir doch wieder bei diesem Wort – etwas ist, auf das man angewiesen ist, wird es für alle kompliziert. Das ist ja kein konstanter Daseinszustand.

Barbara: Aber wenn du schreibst …

Joachim:… ist das erst einmal Handwerk. Ich bin da ganz akribisch. Und das brauche ich auch, genau wie einen gewissen Rahmen. Kreativität ohne Handwerk und Rahmen ist ein bisschen wie Berlin: voller Ideen, aber die Elbphilharmonie steht nun mal in Hamburg.

Barbara: Ja, Berlin ist die Stadt des „hätte“ und „würde“. Aber das ist interessant mit dem Rahmen. Gilt das auch für die Schauspielerei? Ich hätte eher gedacht, es ginge darum, dort aus Rahmen auszubrechen.

Joachim: Klar. Aber um auszubrechen, muss der Rahmen ja erst mal da sein. Ich komme zum

Beispiel nie zu spät, nie. Ich bin da sehr theaterkonditioniert.

Barbara: Das heißt?

Joachim: Die Panik, eine Vorstellung zu verpassen, verfolgt jeden Schauspieler. Und deshalb bin ich auch beim Schreiben sehr zuverlässig. Ich brauche ein Datum, an dem das nächste Buch rauskommt, und eine Deadline, wann es beim Verlag sein muss. Und dann funktioniert das bei mir.

Barbara: Heißt also, du überziehst Abgabetermine nicht?

Joachim: Nie.

Barbara: Das bewundere ich. Überhaupt, Geschichten aufzuschreiben, das ist toll. Kennst du eigentlich schon das Ende, wenn du mit einem Buch anfängst?

Joachim: Ja. Bei dem letzten Buch zum Beispiel ist das Ende das Erste gewesen, was da war. Ich wusste von Anfang an, wo das hingehen soll. Ich habe eher ein anderes Problem beim Schreiben.

Barbara: Nämlich?

Joachim: Ich bin nicht gut im Überarbeiten. Wenn ein Satz erst mal da steht, bekommt er so was Faktisches. Der ist manifestiert als Schrift, man mag den dann nicht wegschmeißen, selbst wenn man spürt, dass es besser wäre. Im Theater ist das anders. Da probt man, da wird viel verworfen.

Barbara: Aber das kenne ich auch aus meiner Moderationsarbeit. Dieses Gefühl: Das Erste ist immer das Beste. Und deshalb probe ich nicht so gern. Denn wenn ich in der Probe etwas hinbekomme, von dem ich finde, dass es perfekt ist, dann treibt es mich um.

Joachim: Das kann einen wahnsinnig machen! Du machst einen ersten Entwurf von etwas, und es ist großartig. Und dann verbringst du Wochen damit …

Barbara: … das zu verschlechtern.

Joachim: Das wieder hinzukriegen, wollte ich sagen. Und das nervt einen dann so, weil das nie, nie, nie gelingt.

Barbara: Deswegen verkneife ich mir auch manchmal, in der Probe die guten Sachen rauszuhauen, die mir spontan einfallen. Und abends in der Show vergesse ich sie dann. Es ist ein Kreuz. Da ist man als Schriftsteller dann doch im Vorteil. Wie ist das eigentlich: Musst du selber lachen, wenn du all diese lustigen Sachen aufschreibst?

Joachim: Ja, manchmal lache ich mich halb tot. Manchmal sitze ich auch da und weine. Und dann denke ich, ich habe nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Barbara: Hast du aber! Weil es wirklich lustig ist, was du schreibst, und dann wieder total berührend. Weil du nämlich etwas besitzt, ohne das Kreativität auch nutzlos wäre: Talent.

Joachim: Danke. Aber womit du recht hast: Talent ist wichtig. Ich habe schon erlebt, dass jemand eine lustige Rolle im Theater übernimmt von jemand anderem. Der guckt sich ein Video an. Und macht alles genauso. Und es ist nicht lustig, kein bisschen. Bitter. Da fehlt diese magische Mixtur aus Körper, Stimme und Timing.

Barbara: Am Anfang war es doch so, dass du deinem Talent selbst nicht wirklich vertraut hast.

Joachim: Ich glaube, das tue ich immer noch nicht. Die Sorge, dass es nicht existent ist, ist nach wie vor eine große Motivation. Und ich finde diesen Zweifel auch gut, weil es dann existenziell wird.

Barbara: Wirklich? Ich finde das schrecklich, wenn ich in diesem Moment auf eine Bühne oder vor eine Kamera muss.

Joachim: Ich sage mir dann immer: Du operierst niemanden, du musst niemanden zu Gefängnis verurteilen. Wenn du jetzt alles an die Wand fährst, kommt wenigstens keiner zu Schaden.

Barbara: Aber sag mir bitte, dass das nicht oft vorkommt.

Joachim: Jedes Jahr. Nach der Theaterpause im Sommer.

Barbara: Horror! Danach könnte ich nie wieder auf eine Bühne gehen! Ich hätte das Gefühl: Ich habe alles verlernt. Ich kann unmöglich Menschen unterhalten.

Joachim: So geht es mir dann ja auch. Warum mache ich das? Was ist das überhaupt für ein Beruf, frage ich mich.

Barbara: Nach den Ferien habe ich jedes Mal eine echte Ladehemmung. Ich denke: Ich komme nie wieder dorthin, wo ich vor dem Urlaub war. Und plötzlich habe ich Angst vor Menschen.

Joachim: Und du denkst: Ich hab das alles doch schon erzählt. Das will doch keiner mehr hören.

Barbara: Genau! Und dann fragst du dich: Wo ist der kreative Input, wenn man ihn wirklich braucht?

Joachim: Und was treibt dich dann zurück in den Job? Brauchst du den Applaus?

Barbara: Das sagen ja viele Leute in meinem Beruf. Aber nein, eigentlich nicht. Mir fehlt der Druck, der mich in Form bringt. Auch psychisch. Ich verlottere äußerlich und innerlich, wenn diese Spannung fehlt.

Joachim: Wie äußert sich das?

Barbara: In totaler Verwahrlosung. Ich laufe dann nur noch völlig heruntergekommen durch die Gegend. Ist ja alles egal. Ich lese auch nichts, mich interessiert nichts. Ich schlaffe total ab. Und ich weiß, es würde mit mir keinen guten Weg nehmen, wenn ich nicht den Druck von außen hätte, irgendwann wieder unter Menschen zu müssen.

Joachim: Verstehe. Sonst käme die Auflösung. Die Entropie schlägt zu.

Barbara: Diese Vokabel kenne ich gar nicht.

Joachim: Entropie?

Barbara: Ja.

Joachim: Ist gerade ganz angesagt in meinem Theater. Alles versucht, aus sich selbst heraus in Auflösung zu geraten. Es gibt keine Konsistenz, sondern die permanente, aktiv permanöse Auflösung.

Barbara: Permanöse Entropie. Toll. Sollte man ab und zu mal in Gespräche einfließen lassen.

Joachim: Das macht sich wahnsinnig gut: Du machst heute so einen entropischen Eindruck auf mich.

Barbara: Denkst du manchmal: Sachbearbeiter in der Leitungsabteilung bei der Arbeitsagentur wäre eigentlich der schönere Beruf?

Joachim: Keine Vorstellung, bei der das nicht so ist. Ich denke davor jedes Mal: Ich würde jetzt 500 Euro dafür zahlen, dass es ausfällt.

Barbara: Ich denke: Jetzt ein Unfall. Nichts Schlimmes, aber so doll, dass irgendjemand Wichtiges absagen muss und die Sache platzt.

Joachim: Das potenziert sich auch. Je schrecklicher die Produktionen, desto schlimmer die Gedanken. Es gibt ja im Theater Aufführungen, die einfach nicht gut geworden sind, die man aber trotzdem 30 Mal spielen muss. Und dann kommt es, dass ich wieder nackt mit einer Feder auf dem Kopf um einen Misthaufen hüpfe oder so.

Barbara: Aber das weißt du doch vorher.

Joachim: Nicht unbedingt. Manchmal ist man als Schauspieler auch so doof, dass man aus

Verzweiflung solche Sachen anbietet. Nackt mit der Feder, das war jahrelang meine Notbremse. Wenn der Regisseur zu mir sagte: Ich habe das Gefühl, du begreifst nichts von der Rolle – habe ich mich sofort ausgezogen. Sogar im Weihnachtsmärchen.

Barbara: Ist nicht dein Ernst!

Joachim: Doch. Aber da wurde ich sofort zurückgepfiffen, es hieß: Kalif Storch ist definitiv nicht nackt, und das will ganz sicher niemand sehen. Aber das ist ja harmlos. In Wien spiele ich seit einem Jahr „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle, ein fantastischer Autor. Drei und eine Viertelstunde spiele ich alleine einen bipolaren Horrortrip. Eine fantastische Aufführung. Davor denk ich jedes Mal: Gott erbarme dich meiner. Bitte rette mich.

Barbara: Aber dann wird es doch immer gut, oder?

Joachim: Ja, genau. Es löst sich auf, das miese Gefühl.

Barbara: Bei mir nicht immer. Manchmal denke ich mir: Wenn ich ein bisschen schneller hinten mache, komme ich früher nach Hause.

Joachim: Es gab schon Theateraufführungen, die waren eine halbe Stunde früher aus, weil irgendein Champions-League-Spiel angefangen hat. Dann ist Hamlet halt mal schneller zum Ende gekommen.

Barbara: Und warum auch nicht. Man weiß ja seit Jahrhunderten, wie es ausgeht, da muss man nicht stundenlang rummachen. Bei deinen Büchern hingegen … Brauchst du eigentlich beim Schreiben auch einen äußeren Rahmen?

Joachim: Du meinst: einen Raum?

Barbara: Genau.

Joachim: Es gibt ein Arbeitszimmer, das habe ich mir perfekt eingerichtet. Und als alles fertig war und alles genauso aussah, wie ich mir das vorgestellt habe, saß ich da und dachte: Nix wie weg.

Barbara: Und dann?

Joachim: Ab in die nächste Bäckerei. Ich weiß, es gibt diese Leute, die ihre Wohnung entschlacken, um dann irgendwie in einer weißen und cleanen Umgebung ihre Gedanken fließen zu lassen und den Tee aus so einer Vier-Kilo-Eisenkanne aus Japan einfüllen, damit sie danach auf die großen Ideen kommen. Keine Chance bei mir.

Barbara: Das heißt, du sitzt dann in einem schicken Wiener Kaffeehaus und schreibst deine Bücher?

Joachim: Nee. Die Kaffeehäuser waren mir irgendwann zu auffordernd. Ich sitze in der schlechtesten Bäckerei in meinem Viertel, bei Ströck. Ganz hinten bei der Toilette ist mein Platz.

Barbara: Das ist nicht dein Ernst. Warum beim Klo? Trinkst du zu viel Kaffee und brauchst den direkten Zugang?

Joachim: Da ist kein Handyempfang. Denn das ist doch für die Kreativität das Wichtigste: dass man nicht ständig irgendwelchen Quatsch googeln kann.


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