Langstreckenflug mit Kindern: Die Hölle über den Wolken

Unsere Autorin hat es gewagt: 12 Stunden Langstrecke mit drei Kindern. Mit Umsteigen, ohne Baldrian. Sie weiß jetzt: Der Teufel waltet manchmal auch über den Wolken. Und er hat wirklich Humor.

von Marie Stadler

Vielleicht hätte ich es ahnen sollen, als meine Freundinnen mich mit gerunzelter Stirn anschauten. Möglicherweise hätte meinem Realitätssinn auch der Fakt geholfen, dass es gefühlte 287.084 Blog- und Foreneinträge zum Thema gibt. Aber ich weiß es ja immer alles ein bisschen besser (zumindest denke ich das) und so reihte ich mich also völlig sorglos mit zwei kleinen und einem großen Kind morgens um vier in die Schlange am Flughafen ein. Ach, schöne Unwissenheit...

Fliegen mit Kindern: „Ich geh da nicht durch“

Erste Hürde: Der „Nacktscanner“. Erklär mal einem Dreijährigen, dass er sich morgens um vier mit erhobenen Händen breitbeinig in eine ziemlich gruselige Maschine stellen soll. Alleine. Schon der Gedanke daran brachte ebendiesen Dreijährigen dazu, sich schreiend auf den Boden zu werfen und jeden Alternativvorschlag des Bodenpersonals zu verweigern. Niemand sollte ihn anfassen, durchleuchten, anpiepsen. Er wollte nach Hause und nicht nach „blödes Amerika“. Sofort!!! Kurz dachte ich, dass es auf der Welt nichts nervigeres gebe als Trotzanfälle von Dreijährigen in unpassenden Situationen. Hatte das Potential meiner Teenie-Tochter unterschätzt, die plötzlich lautstark ihren Bruder anpfiff: „Wenn du da nicht durchgehst, denken alle, du hättest eine Bombe in der Hosentasche!“ Ich möchte an dieser Stelle allen zehn Angehörigen des Bodenpersonals danken, die gleichzeitig für drei Sekunden blitz-ertaubten und diesen Satz stoisch ignorierten. DANKE!

Langstrecke heißt es, weil es lange dauert

Wir durften also trotz Bombenwitz an Bord und ich impfte allen Kindern ein, dass solche Sätze spätestens die amerikanischen Grenzbeamten eher semiwitzig fänden. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass mein Kleiner mich genau vor diesen Beamten fragen würde, warum die Männer Witze mit Bomben nicht lustig finden, hätte ich mir das Thema verkniffen. Doch an diese Grenze muss man ja erst mal kommen. Ach, was sage ich: Erst mal muss man es beim Umsteigen zum nächsten Gate schaffen. Mögliche Hindernisse: Kinder, die während der wirklich unverschämt ausführlichen Befragung zum Einreisegrund ganz dringend pinkeln müssen. Verlorenes Handgepäck. Ein irgendwo im Rucksack verschollener Reisepass. Heimweh vor Reisebeginn. Um nur mal eine kleine Auswahl zu nennen... Und dann die Einsicht: Langstrecke heißt deshalb Langstrecke, weil der Flug verdammt lange dauert. 

Filme gucken bis der Arzt kommt – oder?

Apropo Langeweile: Glaube nie an das Bordprogramm, wenn du eine ausländische Airline gebucht hast. Und vor allem: mach keine Versprechungen, die du nicht halten kannst. Schon ein halbes Jahr vor der Reise hatte ich es angekündigt, jedes Mal beim Ausschalten des Fernsehers mit raunender Stimme versprochen: „Wenn wir nach Amerika fliegen, dürft ihr so lange glotzen wie ihr wollt!“ Mit wachsender Panik klickte ich mich nun im Flieger also durch das Bordprogramm in der Kategorie „Kids“. Ich fand englische Filme, französische Untertitel und spanische Serien, aber NICHTS – und ich meine nichts im Sinne von rein gar nichts – deutsches. Grund genug für unsere Sechsjährige, jämmerlich und viel zu laut schon vor Start des Fliegers „Mama lügt immer!“ zu schluchzen. Das Gute daran: Immerhin hatte ich keinen Ruf mehr, den es zu verteidigen galt in den nächsten zwölf Stunden.

Ohrenschmerzen, Langeweile und der weiße Hai

Wir waren keine zwei Minuten gestartet, da bekam selbige Tochter Ohrenschmerzen. Nicht so ein bisschen, sondern so sehr, dass mein Mutterherz wirklich blutete, ich ihr den Wutanfall sofort verzieh und mich selbst verfluchte für die dumme Entscheidung, den Schmerzsaft nicht ins Handgepäck gepackt zu haben Währenddessen fing unser Kleiner an, unserer Sitznachbarin zu erzählen, dass wir gar nicht in Amerika, sondern im Wasser beim weißen Hai landen würden. Ihre Finger krallten sich unentspannt in die Armlehne und Schweißperlen traten auf ihre Stirn. „Können Sie bitte dafür sorgen, dass er damit aufhört?“, wisperte sie hysterisch. Mit einem weinenden Kind auf dem Arm und einem anderen Kind, das auf der Suche nach der idealen Schlafposition einer angsterfüllten Sitznachbarin zweimal die Füße ins Gesicht streckt und unaufhörlich von weißen Haien im Atlantik erzählt, hört man übrigens jeden Seufzer im Flugzeug auf dem „Ihr-seid-die-schrecklichste-Familie-der-Welt-Ohr“. Als dann auch noch mein Mann neben mir zu seufzen begann, traf ihn die geballte Kraft meiner blankgelegten Nerven. Was ich denn nun schon wieder falsch gemacht habe, fauchte ich ihn an. „Du hast die Flugzeugitze zu nah aneinander eingebaut“, grinste er. „Und außerdem lügst du immer. Hab ich gehört.“ Wenigstens lachte einer von uns. Ich war es nicht.

Nach dem Hinflug ist vor dem Rückflug

Zwölf Stunden und 5000 „Wann-sind-wir-daaaa- Fragen“ später hatten wir es geschafft. Der amerikanische Grenzbeamte konnte zum Glück kein deutsch und keiner außer mir hatte Gott sei dank gemerkt, dass unsere Tochter offensichtlich eine Bastelschere im Handgepäck an Bord geschmuggelt hatte. Völlig fertig und erleichtert sank ich in Amerika in den Sitz des Mietautos. Nie wieder würde ich einen Flug mit Kindern unterschätzen, dachte ich. Drei Wochen und einen wundervollen Urlaub später hatte ich vor dem Rückflug an alles gedacht. Ich hatte Schmerzsaft im Handgepäck, deutsche Videos auf dem Tablet und meinen Kindern bei Erwähnung des Bomben-Wortes mit lebenslangem Süßigkeiten-Verbot gedroht. 21 Tage und vor allem Nächte lang hatte ich mir tausend Gedanken gemacht, wie wir, außerdem unsere Ehe und vor allem unsere Nerven diesen Rückflug überleben würden. Angespannt stieg ich in den Flieger ein und kann nun unter Eid bezeugen, was man längst geahnt hat. Ich bin mir jetzt ein für allemal sicher: Der Teufel hat wirklich einen guten Humor. Woher ich das weiß? Noch während des Starts klappten alle drei Kinder die Augen zu und wachten erst bei der Landung wieder auf. Die Frau neben uns mit den schreienden Baby-Zwillingen sah verdammt neidisch aus. Ach ja. Wenn die wüsste...

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Langstreckenflug mit Kindern: Die Hölle über den Wolken

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