Mental Load: Wie ich mal richtig losließ – und was dann passierte

Unsere Autorin war im Dauerstress, weil ihr Mental Load zu Hause einfach zu hoch war. Bis sie zu einer Lösung gezwungen wurde. 

von Theresa König

Es klingt komisch, aber mein Bandscheibenvorfall war ein Glücksfall. Denn bis dahin war ich die Mental-Load-Königin: Ich arbeitete auf zwei verschiedenen Jobs, organisierte den gesamten Haushalt, managte das Leben meiner beiden Töchter und zeitweise auch das meines Mannes. Nebenbei trainierte ich für den nächsten Halbmarathon und betreute zwischenzeitlich noch unser ganz persönliches Bauprojekt. Mein Leitsatz lautete "Das schaffe ich schon". Irgendwie stimmte das auch. Aber nur irgendwie.  

Mental Load: Manchmal ist es einfach zu viel

Irgendwann wollte mein Rücken nicht mehr. Auch das ignorierte ich. "Andere haben auch mal Zicken mit dem Rücken", dachte ich, oder "Taube Hände sind doch kein echtes Problem". Mein mentaler Overload hatte keinen Platz für noch mehr Probleme. Bis ich bei einem Termin beim Orthopäden praktisch zusammenbrach, als wir über meine Schmerzen sprachen, mit Tränen und Schluchzern und Atemnot. "Wann tut es denn besonders weh?" fragte mich der Arzt. "Wenn ich zu viel auf dem Zettel habe. Manchmal ist es einfach zu viel", sagte ich. Nachdem ich das zugegeben hatte, ging alles ganz schnell. Es war nicht nur der Mental Load, bei meinen ganze Aufgaben hatte ich vergessen darauf zu achten, was mit mir war. Auch wenn ich schon seit Monaten nicht mehr richtig meine Schuhe zubinden konnte. Jede Mutter weiß vermutlich, wovon ich spreche.

Als mir eine vierwöchige Reha verordnet, wurde – und zwar direkt ab nächster Woche, schnappte ich allerdings entrüstet nach Luft. "Jetzt? Ich muss doch arbeiten. Und wer soll die Kinder abholen?" entgegnete ich. "Dann muss das jetzt eben mal jemand anders machen. Sie zumindest müssen jetzt etwas tun, sonst wird das alles nur schlimmer", antwortete die Ärztin trocken und sehr bestimmt. 

Es öffneten sich plötzlich mir unbekannte Türen

Und dann passierte etwas Wunderbares: Ich nahm das an, was mir gesagt wurde – und verteilte meine Aufgaben. Es öffneten sich mir auf einmal völlig unbekannte Türen. Sobald ich mir eingestanden und auch anderen gesagt hatte, dass ich gerade überfordert bin, es mir momentan nicht gut geht und ich einen Bandscheibenvorfall habe, boten mir gefühlt alle Hilfe an. Mir fast fremde Mütter aus dem Kindergarten wollten meine Töchter mitnehmen, mein Mann konnte auf einmal dauernd Home Office machen und eine meiner Freundinnen bot an, sogar langfristig einmal die Woche meine Töchter abzuholen. Ich war baff. Warum hatte ich Kontrollfreak nicht eigentlich vorher mehr nach Hilfe gefragt? Die Antwort lag auf der Hand: Weil ich niemandem zur Last fallen wollte, weil ich effizient sein wollte, weil ich es perfekt machen wollte – und vor allem selbst. Kein Wunder, dass mein Mental Load mich in den Wahnsinn trieb!

Nach ein paar Tagen reduzierte sich der Mental Load von selbst

In der ersten Woche der Reha konnte ich noch nicht loslassen. Ich durfte nachmittags nach Hause, nachdem ich fünf Stunden trainiert und Entspannung geübt hatte und hetzte genauso wie vorher, selbst wenn ich wusste, dass der Nachwuchs gut aufgehoben war. Aber dann veränderte sich etwas: Ich begann loszulassen, den Mental Load abzugeben. Wäsche? Konnte auch mal liegenbleiben. Elternabend? Da ging der Mann hin. Ich muss das Kind um 15 Uhr abholen, weil es kein anderer tut, komme aber erst um 15.10 Uhr? Es fällt nicht mal auf. Außerdem nörgelte ich nicht mehr rum, sondern nahm meinen Liebsten einfach in die Pflicht. Keine Fragen mehr, ob er mir vielleicht und eventuell ein bisschen helfen könne, sondern klare Ansagen, was zu tun sei. ICH konnte schließlich nicht.

Termine? Termine machte ich nicht mehr!

Und, oh Wunder, je mehr ich abgab, desto weniger kam auf mich zu. Nachmittags machten ja jetzt auch mal andere Leute meinen Job als Mutter. Anstatt "Das schaffe ich auch noch", dachte ich jetzt oft: "Das ist nicht so wichtig" oder "Das mache ich morgen" oder "Darum kümmert sich schon mein Mann/eine Freundin/gar keiner". Auf einmal erschien mir das Leben sehr viel einfacher. Ich ging so weit, dass ich das Nichtstun und das Nichtverantwortlichsein übte. Ich machte mein Handy aus. Ich ging bewusst nicht zu einer Veranstaltung der Kita. Ich spazierte noch eine halbe Stunde in der Gegend herum, obwohl jemand anders meine Kinder betreute. Einmal guckte ich morgens, nachdem ich die Kinder weggebracht und noch eine Stunde Zeit hatte, Netflix anstatt die Spülmaschine auszuräumen und schnell durchzusaugen. Mein Mann konnte das dann abends machen: Vielleicht machte es auch gar keiner. Mir zumindest war es egal. 

Und Termine? Termine machte ich einfach nicht mehr. Zumindest nicht langfristig, sondern immer nur so wie es passte. Keine Playdates, auf die ich keinen Bock hatte und zu denen ich irgendwie bringen oder zu Hause ertragen musste. Das allein waren gefühlte 1000 Kilo Mental Load, falls man das so sagen kann. Ich sagte insgesamt öfter "nein". Das nahm mir erstaunlicherweise keiner übel. 

Je kleiner mein Mental Load wurde, desto leichter wurde mein Leben

Je mehr ich abgab, desto leichter wurde mein Leben. Manche Aufgaben betrachtete ich einfach nicht mehr als meine – und damit wurde ich sie schließlich los. Die wichtigste Erkenntnis aber war: Es brach keine Welt zusammen, wenn ich mal nicht verantwortlich war. Sie drehte sich weiter ohne mich, mein Mental Load konnte verteilt werden. Ich musste es nur tun. Und zwar entschlossen. Nicht rumeiern, nicht stark tun, sondern abgeben, abgeben und noch mal abgeben. Geteilter Mental Load ist nämlich halber Mental Load.





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