Microcheating: Ist jetzt nicht mal mehr Fremdflirten erlaubt?

Unsere Autorin hat einen Artikel über den neuen Begriff "Microcheating" gelesen und ist entsetzt. Wenn selbst winzige Heimlichkeiten jetzt schon Betrug sind, ist dann nicht mal mehr ein kleiner Flirt erlaubt? 

Ich bin ein Microcheater. Bin ich schon immer, wusste ich nur nicht, weil es das Wort noch nicht gab. Der Begriff Microcheating wurde geprägt von der australischen Paartherapeutin Melanie Schilling. Sie war es also, die meinem Beziehungsverhalten einen Stempel aufgedrückt hat. Und zwar einen, den ich weder nett, noch sinnvoll finde. Denn dass ich seit mittlerweile fast 10 Jahren mit ein und demselben Mann verheiratet bin, mit ihm drei Kinder großziehe und trotzdem eine wirklich schöne und durchaus auch immer noch romantische Beziehung führe, verdanke ich meiner Meinung nach vor allem dem guten alten "Microcheating". 

Microcheating – Was ist das überhaupt?

Übersetzt heißt Microcheating "Mini-Betrügen". Gemeint ist damit alles, was zwar nicht in die Kategorie Knutschen und Sex gehört, aber trotzdem irgendwie vor dem Partner verheimlicht wird. Also diese irgendwie ein bisschen zu flapsige Whatsapp-Chats, ein kleiner Flirt an der Kasse oder auch der langjährige Flirt mit dem netten Kollegen. Laut Medien sind wieder mal ... äh... die Medien schuld. Weil es in Zeiten von Whatsapp, Instagram und Co so viel einfacher ist, "was Kleines" nebenbei laufen zu haben. Soso. Ich fand es auch in Zeiten von Zettelchen, Kaffeemaschinen und EDEKA-Kassen nicht so schwer, was "nebenbei" laufen zu haben. Vielleicht bin ich einfach ein großes Microcheating-Talent und deshalb nicht auf Chats, Postings und Co angewiesen. Apropos Talent... was ich ganz sicher bin: In Übung. Das liegt daran, dass ich (seit ich 13 bin) sehr viel Freude an Männern habe. Ja, im Plural. Und das schließt meines Erachtens die ganz große Liebe keineswegs aus, solange man die Sache mit dem großen Cheaten sein lässt. Und das tue ich definitiv.

Fremdflirten ist gut für die Seele

Vielleicht gilt das nicht für alle, aber meiner Seele tun kleine Flirts gut. Vielleicht bin ich grundsätzlich ein Mensch, der zwischendurch ein bisschen Abenteuer braucht. Und na klar könnte man jetzt sein halbes Leben an Steilwänden, Hängebrücken und am Bungee-Seil verbringen. Aber das meine ich gar nicht. Ich meine zwischenmenschliches Abenteuer. Jetzt stell sich mal einer vor, wie wahnsinnig vermessen es von mir wäre, diesen Abenteuerdurst allein bei meinem Mann stillen zu wollen. Der ist nun mal eher ruhig, kein Draufgänger und bestimmt nicht die Art Mann, die einem (beziehungsweise mir) aufregende Sexting-Nachrichten oder liebestolle Schwüre schreiben. War er noch nie, wird er nie sein, und trotzdem ist er der Richtig. Bedeutet das, dass ich auf jegliche Aufregung mit Männern verzichten muss? Bestimmt nicht. Genauso andersrum. Mein Mann hat eine Freundin, die ihm sehr ähnlich ist. Nicht so emotional wie ich, nicht so unsachlich wie ich. Manchmal unterhält er sich stundenlang mit ihr über – keine Öhnung – einfach meiner Meinung nach total belanglose Dinge und ich finde das völlig in Ordnung. Weil ich ihm diese Art Gespräch gar nicht bieten könnte. Dass er sie deshalb auch ein bisschen toll findet – geschenkt. Das sagt doch nichts darüber aus, wie er mich findet. 

Lasst uns mal nicht päpstlicher als der Papst werden

Versteht mich nicht falsch, ich finde Monogamie ein sinnvolles Konzept. Ich möchte mein Bett mit genau diesem einen Mann teilen und meine Loyalität gehört einzig und alleine ihm. Trotzdem muss ich jetzt ja wohl nicht so tun, als fände ich nicht auch mal jemand anderen attraktiv. Ich finde, ich muss mich auch nicht dafür schämen, dass ich manchmal mit einem alten Freund ein bisschen per Whatsapp flirte oder mit einem Kollegen sehr tiefgründige Gespräche über die Liebe führe. Trotzdem muss ich das meinem Mann nicht gleich jedes Mal auf die Nase binden. Warum auch? Hat das eine Relevanz für ihn? Wenn ich es ihm erzähle, bekommt es die vielleicht und das würde der Sache nicht gerecht. Ich bin sehr froh, dass wir das beide so sehen. Micro-Cheating ist bei uns jedenfalls ausdrücklich erlaubt. Sowohl hinter dem Rücken als auch "in your face". Weil wir wissen, was wir füreinander sind. Und weil wir wissen, dass die Liebe sich nicht festhalten lässt. Mit ein bisschen Frischluft von außen hält sie aber ganz sicher länger als in einem Käfig aus Angst und Konventionen.